: Enklave im Kulturkampf
Das slowakische Trenčín ist jetzt europäische Kulturhauptstadt – in einem Land mit stark nationalistischer Kulturpolitik. Die kleine Stadt hält sich gut
Von Jens Uthoff
Bevor man in die kleine Stadt Trenčín zoomt, die in diesem Jahr – neben dem finnischen Oulu – europäische Kulturhauptstadt ist und zur Eröffnung drei Tage durchfeierte, muss man sich vielleicht vor Augen halten, vor welchem (kultur-)politischen Hintergrund das Ganze stattfindet. Die in der Slowakei regierende Smer-Partei von Robert Fico klont den Orbanismus des Nachbarlands Ungarn, verweigert etwa der Ukraine militärische Hilfe, während Fico vor gut einem Jahr Putin einen Besuch abstattete. Als Teil einer Anti-LGBTQ-Agenda legte man 2025 fest, nur die Geschlechter Mann und Frau anzuerkennen. Kulturministerin Martina Šimkovičova, die Verschwörungsideologien anhängt, mischt im Kulturkampf fleißig mit; sie feuert liberal-progressive Kulturintendanten am Stück, stellte Strafanzeige gegen den Theaterregisseur Matej Drlička und den Schriftsteller Michal Hvorecký wegen Verleumdung. Letzterer hatte konstatiert, dass sie eine „Neofaschistin“ sei. Das Gericht wies die Anzeige später zurück.
Und damit ab nach Trenčín, einer bislang oft übersehenen 55.000-Einwohner-Stadt im Westen des Landes. Angesichts der slowakischen Zustände ist es erstaunlich und ermutigend, was sich dort Mitte Februar zur Eröffnung des Kulturhauptstadt-Jahres zugetragen hat. „Trenčín 2026“ vertritt eine liberale Gegenagenda, die Symbolfigur schlechthin ist dabei Bürgermeister Richard Rybníček, der 2010 als unabhängiger Kandidat gewählt wurde und seither im Amt ist.
Der 56-Jährige ist Drummer der slowakischen Underground-Rocklegende Ben ladu a skladu (Wie Kraut und Rüben), die zu Sowjetzeiten schon gegen das kommunistische Regime kämpfte. Bei der offiziellen Eröffnung sagt er: „Als wir 1987 ein Konzert geben wollten, waren die Polizei und Angehörige des Staatssicherheitsdienstes im Saal. In Zeiten des totalitären Regimes waren die Künstler:innen die Ersten, die gezeigt haben, dass wir zu Europa gehören wollen. Wir dürfen uns niemals das Recht nehmen lassen, in einem freien und demokratischen Land zu leben.“
Weltoffen, kreativ, tolerant wolle sich Trenčín präsentieren. Während die Region Trenčín von der Smer-Partei regiert wird, ist die Stadt eine liberale Insel, Rybníček wurde hier 2022 mit mehr als 70 Prozent wiedergewählt.
Beim Eröffnungskonzert auf dem Friedensplatz wenige Stunden später schwingt der Bürgermeister dann selbst die Drumsticks, seine Band Bez ladu a skladu ist in mondäne schwarzen Anzüge gekleidet, mischt Rock- und Skaklänge und kommt daher wie eine Art osteuropäische Specials. Einen Song widmet sie der Ukraine, eine Strophe singt Sänger Michal Kaščák auf Ukrainisch. Die über Trenčín thronende Burg, das Wahrzeichen und der steinerne Star der Stadt, erstrahlt derweil in Blau-Gelb.
So sichtbar die politische Dimension auch ist, so ist das Kulturhauptstadt-Jahr zunächst ein Imagebooster und eine Vitalspritze für die Stadt. Zu den Hinguckern in Trenčín, das von den Weißen Karpaten und weiteren Gebirgszügen umgeben ist, zählt die mittelalterliche Burg, die im 11. Jahrhundert an einem Felsen erbaut wurde, sowie eine römische Inschrift am Felsen: Im Jahr 179 n. Chr., während der Herrschaft von Marcus Aurelius, meißelten hier römische Legionen ein Zeichen des Siegs über die germanischen Quaden in Stein – eine der nördlichsten erhaltenen Zeichen römischer Anwesenheit.
In der hübschen kleinen Altstadt ist neben der Piaristenkirche vor allem die Synagoge für einen Besuch zu empfehlen, ein vom Jugendstil geprägtes Gebäude aus dem Jahr 1913, das in den vergangenen Jahren restauriert wurde. Schon jetzt, da noch nicht alle Arbeiten abgeschlossen sind, strahlt die Synagoge in allen Farben, mit blau-lila-grünen Elementen, rötlich-weißen gezackten Mustern und Einflüssen orientalischer Stile.
Die jüdische Gemeinde von Trenčín zählte einst rund 1.500 Mitglieder, die Stadt war jüdisch geprägt. Während der Schoah wurden sie fast vollständig ermordet, die slowakischen Hlinka-Garden unterstützten die Nazis dabei. Heute zählt die jüdische Gemeinde in Trenčín nur noch rund 60 Personen. Die Synagoge ist hochfrequentiert am Eröffnungswochenende, unter anderem treten die Streichensembles Spectrum Quartett und NogaBand mit dem Fraunchor Ulijanky auf – sie glänzen etwa mit einer Turbofolk-Version von Beethovens „Ode an die Freude“.
Die Kunstwerke verstecken sich teils in den Zwischenräumen der Stadt, am Bahnhof begrüßt einen die Videoinstallation „Open my glade (Flatten)“ von Pipilotti Rist; man betrachtet ein zerknautschtes Frauengesicht und zerquetschte geschminkte Lippen, die sich an eine Scheibe pressen. Beiläufig, an einer Verkehrsinsel, stößt man auf Scherben und Überreste des berühmten brutalistischen Gewerkschaftshaus Istropolis in Bratislava, das 2022 abgerissen wurde – und kann dessen Geschichte weiterverfolgen. Dann wieder passiert man in einer Unterführung beeindruckende, großformatige Fotoarbeiten des Österreichers Oliver Ressler: Er bildet Risse im Beton oder ganze Betonkrater ab, versehen mit Spruchbändern („Some Versions of the world must end to make planetary survival possible“).
Die versteckten Arbeiten zählen ohnehin zu den besten: So dauert es, bis man die Galerie For Maat am ehemaligen Güterbahnhof gefunden hat (zweite Tür, beim Escape Room reingehen!), die Konzeptkunst von Boris Vitázek („Infinity Countdown“) lohnt dafür sehr. Basierend auf einem Reddit-Thread über Artificial General Intelligence setzt er sich mit menschengemachten Technologien im Lauf der Jahrhunderte auseinander. Vitázek geht davon aus, dass es Phänomene von KI-Psychosen gibt, „ein wachsendes Spektrum an Illusionen, Ängsten und messianischem Glauben im Zusammenhang mit Chatbots und künstlicher Intelligenz“. Die Videoarbeiten, die großformatigen Drucke mit zerrissenen Humanoiden, und eine Papierinstallation, die Hirnstrukturen darstellt, stützen diese These.
Im Hotel Elisabeth, einem prächtigen Bau von 1902 direkt am Fuße des Felsen, trifft man Stanislav Krajči, Kurator von Trenčín2026. Er sieht schon vom Äußeren wie der Gegenentwurf eines Fico-Jüngers aus, trägt langes, zusammengebundenes Haar und Vollbart und ist so freundlich und zugewandt wie fast alle Trenčíner:innen während der drei Tage. Die Gespräche mit den Smer-Politiker:innen seien manchmal ein „Drahtseilakt“ gewesen, sagt er: „Aber ich bin immer sehr offen auf die Leute zugegangen, sie kennen meine Werte. Das Programm kam völlig frei zustande, es gab für das Ministerium keinen Weg da einzugreifen.“
Er scheint einen Mittelweg zu gehen, denn er sagt auch: „Dieses Jahr soll nicht der linken Bubble gehören, auch nicht den Rechten, es soll den Menschen der Region gehören.“ Bei der Eröffnungsshow konnte man sehen, wie er das meint: Das Volkstümliche hat dort, etwa mit traditionellen Tänzen, genauso viel Anteil wie das Popkulturelle.
Doch zu schmerzhaften politischen Kompromissen hat das nicht geführt. Eine Ausstellung im August soll von Edit András und Ilona Némethrecki kuratiert werden, zwei Künstler:innen, die in vorderster Front gegen die Kulturministerin kämpfen. Finanzgeber: das Kulturministerium. Das Grundbudget des Kulturhauptstadt-Jahres beträgt dabei 25 Millionen Euro, jeweils 5 Millionen von Kommune und der Region, 15 Millionen vom slowakischen Kulturministerium. Für Infrastrukturmaßnahmen in Trenčín sind weitere 40 Millionen vorgesehen – so soll aus der alten Eisenbahnbrücke eine begrünte Promenade mit Cafés werden, im September soll sie eröffnet werden.
Auch die vom Kulturministerium verfemten Künstler Matej Drlička und Michal Hvorecký sind beim Eröffnungswochenende präsent, sie sitzen auf einem Podium und diskutieren über „Central Europe in Times of Uncertainty“. Beide müssen bitter lachen, als sie erzählen, dass es Drlička gerichtlich untersagt worden sei, öffentlich über die Kulturministerin zu sprechen.
Auf den Titel des Panels angesprochen, sagt dieser: „Ich denke, es ist eher die Zeit der Klarheit: Der Faschismus ist zurück, und zwar global.“ Es sei eine Schande für die liberale Demokratie, dass sie den Wert der Kulturministerien nicht erkannt habe, erklärt er im Hinblick darauf, dass dieses Ministerium in mehreren (osteuropäischen) Staaten an die Rechten ging.
Schriftsteller Michal Hvorecký sagt nach dem Eröffnungswochenende: „Ich bin stolz auf das junge Team, auf die Stadt, auf die bunte und lebendige Kulturszene. Es war mutig, dass die Veranstalter:innen auch die Kulturakteure aus der aktuellen kulturellen Opposition eingeladen haben.“ Kulturministerin Martina Šimkovičova soll übrigens in der Stadt gewesen sein, blieb der offiziellen Eröffnung aber fern (so wohl ein Novum der über 40-jährigen Kulturhauptstadt-Geschichte). Hvorecký wundert das nicht: „Ich glaube, die Kulturministerin und ihre Handlanger interessieren sich einfach überhaupt nicht für die Kulturhauptstadt in eigenem Land.“
Das wiederum dürfte auch an dem Programm liegen. Die Kurator:innen dürfen ihre Abwesenheit daher unbedingt als Kompliment auffassen.
www.trencin2026.eu
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