Endlagersuche geht weiter: Besser als Gorleben

Deutschland sucht das atomare Endlager: Gorleben ist aus dem Rennen, ein neuer Ort muss gefunden werden. Die Politik will diesmal alles besser machen.

Menschen in Bergwerkstunnel

Hier war schon mal nichts zu holen: Das Erkundungsbergwerk Gorleben Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Gorleben wird’s nicht, so viel ist sicher. Doch viel mehr brachte der erste Zwischenbericht zur Endlagersuche für Deutschlands Atommüll im vergangenen Herbst auf den ersten Blick nicht hervor. Zumindest, wenn man dringend wissen möchte, wo der deutsche Atommüll eines Tages endgültig lagern soll. Unter den 90 potenziellen Gebieten sind weite Teile des Nordens vertreten, aber auch viele Regionen im Rest des Landes.

Gorleben wird’s nicht, das ist aber gleichzeitig eine zufriedenstellende Antwort, denn: Es ist der Erfolg jahrzehntelanger hartnäckiger Arbeit der Anti-AKW-Bewegung. Gorleben war mehr als vierzig Jahre lang die Antwort auf die Frage, wohin der Müll für alle Zeiten soll. Als die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) schon in ihrem ersten Zwischenbericht der Gemeinde im Wendland auf der Karte der potenziellen Regionen keine Beachtung schenkte, war das Erstaunen bundesweit groß.

Zwischen 2017 und 2020 hat die BGE die bei den geologischen Landesämtern vorliegenden Geo-Daten gesichtet und ausgewertet. Es war der erste Schritt in einem neuen Prozess, der auf zahlreiche Kritikpunkte der Atom­kraft­geg­ne­r:in­nen eingeht. Die Auswahl soll öffentlich und transparent stattfinden, streng nach wissenschaftlichen Kriterien erfolgen und somit den „bestmöglich sicheren Standort“ finden. Eine grobe Untersuchung der Böden im ganzen Land war der Auftakt, um zurückgelehnt und offen an die Endlagersuche heranzugehen.

Ein Plätzchen für die Ewigkeit

Bis 2031 soll so der bestgeeignete Standort gefunden werden, in dem die strahlenden Altlasten mindestens eine Million Jahre lang sicher verwahrt werden können. Der Zeitraum zeigt, dass der Begriff „Endlager“ schräg ist. Ob der Müll für eine Million Jahre an derselben Stelle sicher liegen wird, darf getrost bezweifelt werden.

Dennoch muss er ja für einen unüberschaubaren Zeitraum irgendwohin – der deutsche Atommüll: etwa 27.000 Kubikmeter hochradioaktives Material, das über Jahrzehnte in den deutschen Atomkraftwerken entstand. Dazu kommt der schwach und mittel radioaktive Abfall.

Falls es bis Anfang des nächsten Jahrzehnts klappen sollte mit der Entscheidungsfindung, dürfte es noch einmal Jahre bis Jahrzehnte dauern, ehe die Türen des Endlagers geschlossen werden können. Bis dahin braucht es die Zwischenlager, die An­woh­ne­r:in­nen und der Anti-AKW-Bewegung ein Dorn im Auge sind.

„Wir brauchen noch für eine sehr lange Zeit Zwischenlösungen“, sagt Jochen Stay von der Anti-Atom-Organisation „Ausgestrahlt“. Doch die Skepsis an der Sicherheit dieser Zwischenlager ist groß – ob in Würgassen an der Grenze zu Südniedersachsen oder bei der Schachtanlage Asse im Landkreis Wolfenbüttel.

Jahrzehntelanges Misstrauen

Die Skepsis der Anti-AKW-Bewegung ist auch deshalb so groß, weil der Staat bei den Zwischenlagern nicht so umfangreiche Beteiligungsmöglichkeiten zugebilligt hat, obwohl die Standorte für viel Streit sorgen. Das jahrzehntelange Misstrauen geht auch deswegen nicht so einfach weg.

Und auch nach der Veröffentlichung des Zwischenberichts ist die Kritik an dem Verfahren der Endlagersuche nicht gänzlich verstummt. Den ersten Beratungstermin der „Fachkonferenz Teilgebiete“ an diesem Wochenende, bei dem die BGE auf Bedenken und Einwendungen gegen den Zwischenbericht eingehen will, kritisieren Anti-Atom-Gruppen als „inszenierte Beteiligung“.

Zwar dürfe je­de:r an der Konferenz teilnehmen, doch da sie coronabedingt online stattfindet, sehen Kri­ti­ke­r:in­nen den Raum für Debatten abgeschnitten – man hätte ja auch noch ein paar Monate damit warten können, bis die Pandemie vorbei ist, sagen sie.

Doch was soll eine intensivere Diskussion schon bringen, könnte man einwenden – die Suche läuft doch nach streng wissenschaftlichen Kriterien! Es ist aber ein schlechtes Zeichen, dass sich die Anti-AKW-Bewegung in diesem Prozess – wieder einmal – nicht richtig eingebunden fühlt: Der Umwelthistoriker Joachim Radkau hat die angestoßenen Debatten der Anti-AKW-Bewegung einmal als „gedankenreichsten öffentlichen Diskurs der Bundesrepublik“ bezeichnet. Das galt nicht nur wegen ihrer Beharrlichkeit, sondern wegen des Aufbaus an Expertise zu einem Thema, das von der herrschenden und atomkraftbefürwortenden Seite immer als beherrschbar dargestellt wurde.

Ohne die Anti-AKW-Bewegung, ohne den Protest in Gorleben, hätte es niemals diese betont nüchterne, neutrale und offene Endlagersuche gegeben, die jetzt in ihre zweite Phase tritt. Ob der neue Anlauf seine Versprechen halten kann, ist noch nicht entschieden. Viel wird daran hängen, ob die Bewegung den Prozess weiter kritisch begleitet.

Den ganzen taz.nord-Schwerpunkt zur Endlagersuche lesen Sie in der taz.am Wochenende oder hier.

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