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Elya Maurice Conrad Änder StudiesMenschen wie ich, die weder männlich noch weiblich sind, dürfen eigentlich nicht in die USA einreisen. Als ich trotzdem dort war, wurde ich überrascht

Foto: privat

Eigentlich hätte ich gar nicht in die USA einreisen dürfen. Menschen wie ich, die weder männlich noch weiblich sind, dürfen nach einer Anordnung von Präsident Donald Trump weder ein Visum noch eine Einreise­genehmigung erhalten. Aber da war diese Einladung aus New York: Das New Colossus Festival wollte mich und meine Musik bei sich in Manhattan auf der Lower East Side haben. Als ich die Anfrage bekommen habe, war das schon sehr surreal. Was will ein Festival in den USA mit deutschem Rap?

Ich wollte die Einladung gerne annehmen. Doch es war kompliziert. Die Trump-Regierung kündigt quasi wöchentlich neue Einreiseverschärfungen an. Zum Beispiel sollen Einreisewillige ihre Social-Media-Konten offenlegen müssen. Ich bin auf Social Media aktiv und verbreite dort auch Inhalte, die der Trump-Regierung nicht gefallen dürften. In den vergangenen Wochen habe ich mich oft gefragt: Kann ich diese Story jetzt reposten, wenn es um Videos der Einwanderungsbehörde ICE ging? Der norwegische Schauspieler Mads Mikkelsen durfte nicht einreisen, weil er Memes über Vizepräsident J. D. Vance geteilt hatte.

Außerdem benötigte ich einen zweiten Reisepass, in dem kein „X“ unter Geschlecht steht, sondern ein „M“ oder ein „W“. Denn am 20. Januar 2025 erließ US-Präsident Donald Trump ein Dekret, das die Anerkennung von Geschlechtern in den USA auf „männlich“ und „weiblich“ beschränkt. Internationale Reisende, deren Geschlechtseintrag von diesen Kategorien abweicht, bekommen eigentlich keine Einreisegenehmigung und müssen im Zweifel mit körperlichen Untersuchungen rechnen. Nun bin ich also in Besitz eines zweiten Reisepasses, der eigentlich falsche Angaben enthält.

Aus diesen Unsicherheiten heraus habe ich mich für eine Einreise über Dublin entschieden, dem einzigen Ort in Europa, an dem die US-Immigration bereits vor Ort stattfindet. Man landet dann in den USA wie auf einem Inlandsflug.

Dann, endlich, landete ich in New York. Und erlebte genau das Gegenteil von dem, was mir die Grenzpolitik suggeriert. Wildfremde Menschen machten mir Komplimente für meinen Rock, für den ich selbst in Berlin abwertende Blicke kassiere. Ich war im Stonewall Inn, einer Bar am Stonewall-Memorial, und habe mich mit dem 88-jährigen Tree unterhalten. Er erzählte mir stolz, wie er 1969 bei den Stonewall-Protesten in vorderster Reihe stand. Diese machten die Christopher Street zum globalen Symbol für queeren Widerstand. Das Gespräch mit Tree werde ich nicht so schnell vergessen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie divers und aufregend diese Stadt ist.

Spätestens seit Beginn der zweiten Amtszeit von Trump denke ich bei den USA sofort an den Angriff auf die Rechte von trans und nicht-binären Menschen. Ich wurde mir immer sicherer, dass wir es mit Faschisten zu tun haben, die versuchen, die Demokratie zu beerdigen. All das stimmt. Aber es steckt eben auch noch viel mehr dahinter.

Vor meiner New-York-Reise hatte ich die USA intellektuell abgeschrieben

Vor meiner New-York-Reise hatte ich die USA intellektuell abgeschrieben, es war ein Land, über das ich den Kopf geschüttelt habe und froh war, nicht dort zu leben. Aber die USA sind eben auch New York. Eine Stadt, in der Zohran Mamdani, ein demokratischer Sozialist, 34 Jahre alt, Sohn ugandischer Einwanderer, Bürgermeister werden konnte. In der er gerade ein städtisches Büro für LGBTQIA+-Angelegenheiten per Dekret eingerichtet hat, während der Präsident desselben Landes queere Existenzen unsichtbar macht. All das macht zumindest etwas Mut. Und aufgeben und die USA abschreiben, das ist für mich keine Option mehr.

Elya Maurice Conrad,25, ist Klimaaktivist*in, Rap­pe­r*in und Softwareentwickler*in.

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