Elternabende als grausames Vergnügen

„Find' ich nicht gut“

Elternabend, und die ewigen Fragen: Wer hat die Adressliste gesehen, gibt es eine Klassenkasse, und sind Schlamperlisten okay? Was für ein Theater!

Wir wünschen beste Unterhaltung! Foto: picture alliance/Felix Kästle/dpa

Elternabend, so oder so ähnlich. Eine leicht abgehetzte Frau irrt am frühen Abend durch einen Schulaltbau, wahrscheinlich gebaut zu Kaisers Zeiten, wilhelminisch, aber so genau kennt sie sich da nicht aus. Die Flure sind leer, die Fenster hoch, Altbau ist mitunter auch eine völlig überschätzte Vokabel, denkt sich die Frau, zumindest was Schulen angeht. Das kalte Linoleum schmatzt so eklig unter den Sandalen, da kriegt sie eine Gänsehaut. Im zweiten Stock soll sie sich einfinden, im „Nawi-Raum“, hat der Sohn am Morgen gemahnt: „Einfach die Treppe hoch und dann ein bisschen links. Glaube ich.“

Natürlich biegt sie an einer verlassenen Flurkreuzung dann falsch ab, der Flur endet vor einer Brandschutztür. Nicht öffnen, droht ein Schild, sonst werde Alarm ausgelöst, und zwar im ganzen verfluchten Gebäude. Verflucht steht nicht auf dem Schild.

Sie läuft ein wenig treppauf und treppab, doch alle Flure enden vor verschlossenen Türen. Einfach den Weg zurückgehen ist keine Option: Die Tür, durch die sie anfangs falsch abzweigte, lässt sich nur aus einer Richtung öffnen. Immerhin, denkt sie sich mit Blick auf die Uhr, die Elternvertreterwahl wird sie jetzt schon mal verpasst haben. Auch nicht schlecht. Sie ahnt ohnehin, wer es geworden ist. Auf die stets kompliziert gehaltenen Orga-Mails zu Sponsorenlauf und Klassenfahrt freut sie sich jetzt schon.

Jedenfalls will sie endlich aus diesem Labyrinth raus. Der Tag war insgesamt anstrengend und droht leider auch damit, es zu bleiben. Das hilft ihr allerdings wiederum bei dem Entschluss, die nächste alarmgesicherte Tür einfach mal zu öffnen. Denn langsam reicht es ihr: Es ist knapp nach 19 Uhr und sie findet es alles nicht mehr witzig. Die Tür geht tatsächlich auf, und still bleibt es auch. Das wird sie sich merken.

Über das Linoleum schmatzend nähert sie sich wieder dem Teil der Schule, in dem um diese Uhrzeit noch Leben ist. Überall Elternabende, das Schuljahr ist jung und fresh.

Die Frau allerdings fühlt sich überhaupt nicht mehr fresh, als sie endlich den „Nawi-Raum“ betritt. Nawi ist Lehrer-Slang für Naturwissenschaften. Die neue Klassenlehrerin des Sohnes ist recht jung. Die meisten Eltern sind recht alt. Es ist nicht schlimm, jung Klassenlehrerin zu werden, es ist auch nicht schlimm, spät Eltern zu sein. Aber für einen Elternabend ist das keine gute Konstellation. Die Eltern begegnen der Lehrerin mit Misstrauen und Röntgenblicken. Die Lehrerin wehrt sich mit einem Lachen, das immer höher wird.

Aufschlag Mutter 1: „Also, jetzt müssen Sie aber noch mal erklären, was ist denn da jetzt eigentlich los: Mein Sohn hat mir erklärt, Sie führen hier in der Klasse eine Schlamperliste, und die Namen der Kinder hängen dann für alle sichtbar neben der Tafel?!“

Mutter 2: „Mein Sohn hat inzwischen richtig Panik, etwas zu vergessen!“

Mutter 1: „Die Kinder sollen sich schon mobben deswegen.“

Lehrerin: „Das war natürlich nicht die Idee dahinter …“

Mutter 2: „Find ich nicht gut.“

Lehrerin: „Ja.“

Mutter 3, um Moderation bemüht: „Also, Sie sind ja die Lehrerin. Und ich verstehe ja, dass Sie die Kinder da ein bisschen disziplinieren wollen. Aber vielleicht könnte man jedem Kind eine individuelle Schlamperliste ins Aufgabenheft kleben? Und die Klassenliste führen dann Sie?“

Lehrerin: Will was sagen, aber Mutter 4 kommt ihr zuvor: „Dann gäbe es aber doch eine parallele Listenführung! Wie wäre es, die Schlamperliste nur im Klassenbuch zu führen?“

Mutter 5 hat die letzten Minuten mit ihren Sitznachbarinnen getuschelt und sucht jetzt wieder Anschluss an die Diskussion: „Was ist eigentlich mit der Klassenkasse? Wollen wir jetzt eine haben oder nicht?“

Mit einem Anflug von Vergnügen beschließt die Frau, die sich langsam richtig gut unterhalten fühlt, die Verwirrung komplett zu machen, und erinnert an die Adressliste, die aktualisiert werden müsse – aber wer die denn eigentlich habe?

Am Ende verlässt sie die Schule artig durch den Hauptausgang. Kurz überlegt sie, stattdessen lieber ein paar der alarmgesicherten Türen zu probieren. Noch ein bisschen Blaulicht und Sirenen, denkt sie, Remmidemmi! Was für ein Theater.

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Seit 2011 bei der taz. Sie ist eine von zwei Chefinnen der Berliner Lokalredaktion und schreibt als Redakteurin vor allem über bildungs- und familienpolitische Themen.

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