Eiskunstlauftrainer und Gewaltverdacht

Fürsorge für den Coach

Im Verband wollte man, dass der umstrittene Eislauftrainer Fajfr keine Kadersportler mehr betreut. Nach einem Treffen ist davon keine Rede mehr.

Schlittschuhe auf dem Eis

Gezielte Unschärfe: Um Vorwürfe gegen einen Trainer werden juristische Pirouetten gedreht Foto: GEPA pictures/imago

Mit großen Vorhaben war Reinhard Ketterer, der Vizepräsident der Deutschen Eislaufunion (DEU), letzten Monat nach Oberstdorf gefahren: Er wollte den umstrittenen Eiskunstlauftrainer Karel Fajfr im persönlichen Gespräch dazu bewegen, dass dieser einem Wunsch des Sportfachverbandes entsprechend keine Bundeskadersportler mehr trainiert. Außerdem wollte der Verband, dass der 76-Jährige keine Lehrgänge der DEU mehr durchführt. Dem Trainer wird von seinem früheren Schüler Isaak Droysen verbale und körperliche Gewalt im Training vorgeworfen. Fajfr bestreitet die Vorwürfe vehement. Gegenüber der taz lässt sein Anwalt mitteilen, Fajfr sehe in den Vorwürfen eine „schwerwiegende Persönlichkeitsrechtsverletzung“.

Die Staatsanwaltschaft Kempten führt gegen Fajfr ein Vorermittlungsverfahren. Ob es je zur Anklage oder gar zu einer Verurteilung kommt, ist im Moment nicht abzusehen. So lange gilt die Unschuldsvermutung. Doch Ketterer, jener Vertreter im Präsidium der DEU, der den wegen seiner Trainingsmethoden umstrittenen Trainer Fajfr bisher kritisch gesehen hatte, der vehement für einen „sauberen Sport“ plädiert und die Meinung vertreten hatte, die Aufarbeitung der Vorwürfe sei nicht allein Angelegenheit der Staatsanwaltschaft sondern auch des Sports, ist gar nicht dazu gekommen, die Forderung vorzutragen, wegen derer er nach Oberstdorf gefahren war. Das berichten Ketterer und Fajfr der taz übereinstimmend.

Was der Grund dafür war und worum es überhaupt in den Gespräch zwischen den beiden Männern ging, darüber hüllen sich die Beteiligten in Schweigen. Sie hätten Vertraulichkeit über ihr Gespräch vereinbart, sagen beide Männer übereinstimmend. Das Schreiben von Fajfrs Anwalt an die taz legt den Schluss nahe, dass Fajfr gegen das Vorhaben juristisch argumentiert haben könnte. „Ein möglicher Beschluss des DEU e. V., der unseren Mandanten vor einer strafrechtlichen Verurteilung und vor einer Klärung der zivilrechtlichen Verfahren (…) verbieten würde, Bundeskadersportler zu trainieren und/oder an Maßnahmen des DEU e. V. teilzunehmen, wäre massiv vorverurteilend und daher per se rechtswidrig.“

Seit seinem Besuch in Oberstdorf fordert Ketterer jedenfalls nicht mehr, Fajfr dürfe keine Kadersportler trainieren, sagt er der taz. Fajfr sei ein freiberuflicher Trainer, nicht bei der DEU angestellt, die Eltern würden ihn zum Training unter Vertrag nehmen. Ein Kadersportler trainiert jedenfalls bei Fajfr. Der Junge ist sportlich erfolgreich. Da er einen Migrationshintergrund hat, schwingt bei Überlegungen des Sportverbandes der Gedanke mit, er könnte auch für eine andere Nation antreten, falls der Konflikt sich weiter zuspitzt. Ketterer ist es nach eigenen Angaben noch nicht gelungen, mit dessen Eltern zu sprechen.

Der „falsche“ Trainer

Gesprochen hat er aber mit der Mutter einer zweiten, ebenfalls minderjährigen Fajfr-Schülerin. Sie gehört nicht dem Bundeskader an, hat aber die Voraussetzungen für ihre Aufnahme ab der kommenden Saison erfüllt, so Ketterer: „Die Mutter dieser Sportlerin hat dem Verband mitgeteilt, dass ihre Tochter auch in Zukunft bei Fajfr trainieren wird. Sie begründet das mit ihrem erzieherischen Hoheitsrecht.“

Der Streit zwischen Trainer und Ex-Sportler wird wahrscheinlich vor Gericht landen

Ein Argument, gegen das der Verband, so Ketterer, juristisch schwer ankommt. „Ganz besonders, weil wir finanziell klamm sind und uns einen Rechtsstreit mit ungewissem Ausgang gar nicht leisten können.“ Sportlern die Aufnahme in den Bundeskader zu verwehren, weil sie beim „falschen“ Trainer trainieren, komme jedenfalls nicht infrage. „Die Sportler sollen doch nicht für ihre Trainer büßen.“

Und noch etwas anderes sagt DEU-Vizepräsident Ketterer: Nach seinem Gespräch in Oberstdorf habe er mit externen Sachverständigen über den Konflikt gesprochen. Darunter mit einer Psychologin, die den Sportfunktionär mit der Ansicht konfrontiert habe: „Du hast Fajfr ja bereits vorverurteilt.“ Ketterer: „Das gab mir zu denken. Wir haben als Sportverband eine Fürsorgepflicht ja nicht nur gegenüber Sportlern, sondern auch gegenüber Trainern.“

Alles auf Anfang also? Nicht ganz. Immerhin bietet die DEU jetzt Präventionskurse zum Umgang mit Gewalt an, will damit Sportler, Eltern und Vereine für das Thema sensibilisieren. Außerdem will sie dem früheren Sportler Isaak Droysen einen Rechtsbeistand an die Seite stellen. Bisher bezahlt der 19-jährige Ex-Eiskunstläufer, der Student ist, seinen Anwalt selbst. Und wie es aussieht, stehen da noch etliche zivil- und strafrechtliche Verfahren an.

Neben den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Kempten wegen eines Anfangsverdachtes, Fajfr hätte Beleidigungs- und Körperverletzungsdelikte begangen, könnte ein Zivilprozess anstehen. Fajfr hat seinem früheren Sportler eine Unterlassenserklärung zugeschickt, die dieser eigenen Angaben zufolge nicht unterschreiben will. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass der Streit vor einem Zivilgericht landen wird. Eingestellt hatte die Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren gegen den früheren Sportler Droysen wegen Verleumdung. Doch das sei nur vorläufig eingestellt, schreibt der Anwalt des Trainers der taz. Fortsetzung könnte folgen.

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