Eine zufällig ortsgebundene Beziehung: Mein Toilettenfreund Cem Özdemir
Es treibt ihm die Schamesröte ins Gesicht: Unser Autor hat eine ganz besondere Beziehung zum frisch gebackenen grünen Landeschef von Baden-Württemberg.
J etzt, da Cem Özdemir nicht mehr unter uns weilt – ich meine, jetzt, da er sich als Landesvater in höheren Sphären aufhält –, traue ich mich endlich, mein Geheimnis über den grünen Erfolgspolitiker offenzulegen.
Ich muss etwas verschämt gestehen, dass ich mit Cem Özdemir befreundet bin.
Nicht, dass er Politiker ist, treibt mir die Schamesröte ins Gesicht (das kann heutzutage jedem passieren). Auch nicht die Tatsache, dass ich nicht nach Baden-Württemberg gezogen bin, um ihn im Wahlkampf gegen CDU und AfD zu unterstützen.
Nein, was mich wirklich fertig macht, ist, dass meine Erscheinung Cem jedes Mal die Schamesröte ins Gesicht treibt. (Obwohl er mein Sohn ist. Ich meine natürlich, auf der Bühne. Bei meinen Lesungen hat er oft den Part meines Sohnes Mehmet übernommen – ganz freiwillig!)
Mit Cem Özdemir auf dem stillen Örtchen
Also, der Grund, warum wir zwei uns jedes Mal so schämen, ist: Weil wir nach all den Jahren zu Klo-Freunden geworden sind.
Wir treffen uns – Zufall oder Schicksal –, immer nur auf der Toilette! Ich bin in einer Stadt, zu einer Veranstaltung eingeladen, gehe aufs Klo und treffe, jedes Mal: Cem Özdemir.
Entweder ich bin gerade am Pissoir und schwer beschäftigt, da pflanzt er sich neben mir auf, oder er steht schon in der Startposition und wartet quasi auf mich …
Da eine Begrüßung auf der Toilette sehr unpraktisch ist, und sich die Hand zu reichen, denkbar ungünstig, begrüßen wir uns nur verbal: „Wie geht’s dir, Osman?“, ruft er verschämt. „Ämh … nun ja … wie läuft’s bei dir, Cem?“, schäme ich mich zurück.
Wären wir uns wie normale Menschen im Saal begegnet, würden wir uns herzlich umarmen, Küsschen rechts, Küsschen links, so wie bei den Türken üblich, und uns gegenseitig mit Komplimenten überschütten – ich selbstverständlich mehr als er. Doch jedes Jahr, bei jeder Veranstaltung, treffen wir uns, wie verhext, zuerst auf der Toilette!
Ich habe diese peinliche Sache nüchtern analysiert – natürlich daheim, in Ruhe auf meinem stillen Ort –, wo Cem mich mit Sicherheit nicht überraschen kann, weil er sich genau jetzt auf einem WC im 630 Kilometer entfernten Stuttgart befindet, und bin zu dem Schluss gekommen: Wir beide gehen immer 45 Minuten vor Beginn zum Veranstaltungsort, und suchen nach langer Reise natürlich zuerst das stille Örtchen auf.
Beim nächsten gemeinsamen Auftritt bin ich daher extra erst fünf Minuten vor Beginn der Veranstaltung angereist – und wo traf ich Cem? Natürlich … auf der Toilette.
Der war offensichtlich, genau wie ich, absichtlich später gekommen, um endlich mal ohne mich aufs Klo zu gehen.
Es ist kaum zu fassen! Selbst bei meiner Lesung in Bremen sehen wir uns zuerst auf dem Klo, obwohl ich dort eine Wohnung mit eigener Toilette habe!
Ich hatte mich mit meinem grausamen Schicksal fast abgefunden, mit Cem Özdemir eine reine Klo-Freundschaft zu führen, da kam mir eine geniale Idee, um das zu ändern!
Bei der nächsten Veranstaltung, zu der wir beide eingeladen sind, lasse ich die Herrentoilette links liegen, und gehe intelligent, wie ich bin, eine Tür weiter.
Kaum bin ich dort, fange ich völlig geschockt zu stottern an: „Ha … Hallo … Cem … du … auch hier im – Damenklo?“
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