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Archäologische Funde aus Göbeklitepe zeugen von einer zivilisatorischen Zeitenwende vor 12.000 Jahren. Eine Ausstellung in der Berliner James-Simon-Galerie erzählt davon
Von Ingo Arend
„Wir haben nichts dazugelernt!“ Der Satz soll Pablo Picasso entfahren sein, als er zum ersten Mal die Höhle von Lascaux betrat. Die Wandkunst in den Höhlen in der Dordogne gilt bis heute als überwältigendes kulturelles Zeugnis der Eiszeit.
Picasso kannte Göbeklitepe noch nicht. Sonst hätte er sich vielleicht relativiert. Denn die Kunst, die Forscher:innen in der berühmten, prähistorischen Anlage im türkischen Teil Mesopotamiens nordöstlich der südostanatolischen Stadt Şanlıurfa entdeckten, entstand tausend Jahre später als die in Lascaux – lange vor Stonehenge oder den Pyramiden.
Im Gegensatz zu Lascaux waren die zähnefletschenden Löwen und Leoparden, Auerochsen und Schlangen auf den Reliefs, die in den, von den Archäologen zurückhaltend „Sonderbauten“ genannten Rundgebäuden Göbeklitepes zu sehen sind, nicht nur sehr differenzierte Werke.
Sie waren auch nicht in schwer zugänglichen Höhlen in der Erde versteckt, sondern dienten Zeremonien. Sonst wären sie nicht mit Blickrichtung in den Innenraum des unterirdischen Baus ausgerichtet gewesen. Die Zuschauer saßen auf Steinbänken an den Wänden.
„Öffentliche Kunst“ nennt sie deshalb Eylem Özdoğan. Die Istanbuler Archäologin hatte vor fünf Jahren in der Stadt Sayburç ein vier Meter langes Relief gefunden, auf dem ein von Raubkatzen flankierter Mann sich an den erigierten Penis greift. Nun können diese und viele andere Funde in der James-Simon-Galerie bestaunt werden. Bei ihren Fotografien der Artefakte bei Fackellicht hat die Künstlerin Isabel Muñoz zu rekonstruieren versucht, wie die Menschen sie damals wahrgenommen haben müssen.
Stattgefunden hat dieser nicht nur ästhetische Quantensprung in dem Zeitraum von etwa 9.600 bis 8.700 vor unserer Zeitrechnung. Was die Archäologie mit dem sperrigen Terminus „Akeramisches Neolithikum A (PPNA)“ bezeichnet, war eine der einschneidendsten Schwellen der Menschheitsgeschichte. Wurden aus den Jägern und Sammlern der jungsteinzeitlichen Epoche doch sesshafte Siedler, die Ackerbau und Viehzucht betrieben.
Die Entdeckung und Dechiffrierung der steinernen Zeugen dieser zivilisatorischen „Zeitenwende“ gehören zu einem der spannendsten Kapitel in der Geschichte der Archäologie. Die Funde von Nevalı Çori, einer frühen neolithischen Siedlung am mittleren Euphrat, die heute vom Atatürk-Staudamm überflutet ist und ab 1983 ausgegraben wurde, ebneten den Weg zum Verständnis von Göbekli Tepe. Beide Orte weisen die typischen monolithischen T-Pfeiler auf, auf denen die konischen Dächer der Bauten ruhten. Nachbildungen davon stehen nun im Berliner Museum.
Seit 2021 werden in dem Taş-Tepeler-Projekt (Stein-Hügel-Projekt) weitere zehn solcher Siedlungen ausgegraben. Göbeklitepe gilt als der älteste bislang bekannte Monumental- und Kultbau der Menschheitsgeschichte. 2018 wurde die Anlage in die Unesco-Welterbeliste aufgenommen.
In sechs Kapiteln vom Zeitverständnis über die Mahlzeiten bis zum Tod blättern das Team um Barbara Helwing, Direktorin des Vorderasiatischen Museums, und Necmi Karul, Universität Istanbul, das Alltagsleben in diesen Siedlungen auf, die Menschenbilder und Glaubensvorstellungen ihrer Bewohner:innen.
Nur Zyniker werden die Schau als Beleg dafür nehmen können, dass ein gewaltiger Klimawandel nicht zwingend zur Apokalypse führt, sondern zu kultureller Blüte. Denn die Anlage der Bauten vollzog sich allmählich nach dem Ende der letzten Eiszeit vor rund 16.000 Jahren; Gletscher schmolzen, der Meeresspiegel stieg, das Schwarze Meer und der Persische Golf entstanden. Das wärmere Klima begünstigte das Sesshaftwerden, das Domestizieren von Pflanzen und Tieren und eben die Kultbauten mit ihrem ikonografischen Programm.
Im Kern belegt die faszinierende Schau aber die Genese eines sozialen Werts, der heute wieder händeringend zu revitalisieren versucht wird. Ohne die Idee einer starken Gemeinschaft hätten diese ersten Dörfer der Welt nicht gebaut werden können. Die Archäologen David Graeber und David Wengrow nahmen sie schon in ihrem 2021 erschienenen Bestseller „Anfänge“ als einen Beleg für ihre These vom Neolithikum als Experimentierfeld einer Vergesellschaftung ohne hierarchischen Staat.
Auf jeden Fall waren sie das Ergebnis einer enormen Gemeinschaftsleistung, und ihre Bildprogramme speicherten das kollektive Gedächtnis. Die zwei Menschen auf einer ausgestellten Schale mit Relief, die mit erhobenen Armen tanzen, belegen: Das Ferment dieser ersten Gemeinschaftsbildung in der Geschichte der Menschheit war die Kultur.
„Gebaute Gemeinschaft. Göbeklitepe. Taş Tepeler und das Leben vor 12.000 Jahren“. James-Simon-Galerie, Berlin, bis 19. Juli. Katalog (Kadmos-Verlag): 20 Euro
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