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EineMantramaschinezwischen Köln und Kollywood

Synthetisieren heute und gestern: Spannende Fusionmusik von Keshavara und Charanjit Singh

Von Lars Fleischmann

Eine kleine, billige Plastikmaschine, die hinduistische Mantras auf Knopfdruck ausspuckt, die gibt es in Indien an jeder Ecke zu kaufen. Musikalisch eingesetzt findet man sie aber nur beim Kölner Musiker Keshav Purushotham alias Keshavara. Sie ist Teil von Purushothams eigenwilligem Fusiontwist, mit dem er unbotmäßig zu Werke geht. Hierfür setzt er indische Instrumente, einstweilen auch Dub-Equipment, ausgefallene Mikrofone und weiteren Technikschabernack ein und überführt alles in einen lustvollen, Süßholz raspelnden, charmanten und an Abwechslungen überreichen eklektischen Popstil.

Als Sohn des indischen Jazzperkussionisten Ramesh Shotham, der Anfang der 1980er Jahre – nach intensivem musikalischem Austausch mit der Münchner Krautrock-, Jazz und Weltmusikband Embryo – aus Chennai (damals Madras) nach Deutschland kam und seitdem geneigten europäischen Ohren den Klang des reichhaltigen traditionellen indischen Trommelinventars näherbringt, überschreitet auch Keshavara Genre- und sonstige Grenzen. Sein Sound landet in der Interzone im Niemandsland zwischen Chillfunk, Psychedelika und HipHop-Instrumentals.

Keshavaras indische Instrumente tragen illustre Namen. Bei der „Shruti Box“ handelt es sich um ein analoges Harmonium, das speziell zur Erzeugung von Borduntönen entwickelt wurde. Die nehmen in der traditionellen indischen Musik eine signifikante Rolle ein. In Indien ersetzt das Harmonium die Tanpura, die zumeist mit der Sitar verwechselt wird. Bei Ke­sha­va­ra ist sie für einen obskuren „Wall of Bollywood Sound“ verantwortlich. Nicht ganz richtig, denn Ke­sha­va­ra bezieht sich weniger auf Bollywood, sondern auf die Filme der Kollywood-Studios aus der Stadt Chennai. Diese Streifen schaute Pu­ru­sho­tham schon als Kind mit seiner Cousine Sahana Naresh, die auf dem neuen Album „Moondram Sevi“ zum wiederholten Male als Sängerin zu Gast ist. Eine familiäre Stimmung, die nicht bei der Cousine aufhört, sondern weiter ausholt, denn Purushotham hat Keshavara längst zur Sache seiner chosen family gemacht. Dazu gehört neben Drummer Niklas Schneider, Bassist Christopher Martin und Synthesizerspezialist Benedikt Filleböck auch ein enger Freundeskreis, der an verschiedenen Stellen (Videoschnitt, Tanz, Grafik) zum komplexen Popprodukt Keshavara beiträgt.

Vater Ramesh Shotham ist ebenfalls regelmäßig an Bord. Alle Beteiligten setzen mit „Moondram Sevi“ da an, wo das Album „III“ endete: Sie treiben Keshavara als Gesamtkunstwerk voran: mit dadaistisch-surrealistischen und grotesken Kostümen, Schulterschlüssen zur Vaude­ville­tra­di­tion, Anspielungen auf Kuriositätenkabinette und Wahrsagerei.

Oftmals fühlt man sich an Alejandro Jodorowskys surrealistischen Kultfilm „Montana Sacra“ (1973) erinnert.Auf die Weise schützt Keshavara seine Musik auch vor zu viel Identity-Politics und der Übervermarktung der eigenen Herkunft, die schnell zum – um es zynisch zu sagen – exotischen Gimmick verkommen könnte.

Keshavara hält mit Durchlässigkeit, meisterhaft beherrschter Inkohärenz und Eklektizismus elegant dagegen. So ist auch die Verwendung eines Instruments wie des Suzuki-Omnichords möglich, das eigentlich die japanische Zither Koto emuliert und gerade deswegen perfekt in den Klangkosmos von Keshavara passt. Was sich im Rest Europas erst langsam herumspricht, weiß man in seiner Kölner Heimat schon länger zu schätzen: Keshavara bekommt 2026 verdientermaßen den Musikpreis der Stadt Köln verliehen.

Einen Preis hätte auch der indische Sessionmusiker Charanjit Singh verdient gehabt. Genau umgekehrt zu Keshavara holte er gleich mehrfach „den Westen“ in Form von Maschinen nach Indien. Zum Beispiel das Transicord: eine elektronische Ziehharmonika des italienischen Herstellers Farfisa, die Singh für alle Beteiligten unerwartet einsetzte.

Keshavara hält mit Durchlässigkeit, beherrschter Inkohärenz und Eklektizismus gegen die Über­vermarktungder eigenen Herkunft

Ursprünglich war das Transicord der Versuch von Farfisa, an den durchschlagenden Erfolg ihrer weltweit vermarkteten (Heim-)Orgeln aus den 1960ern anzuknüpfen. Diese gehörten damals zum Equipment vieler Beatbands. Auf ein elektrisches Akkordeon warteten allerdings weder Bands in Europa noch in den USA. Es bedurfte schon der Neugierde des indischen Musikers Singh in der Metropole Mumbai (damals Bombay), um das revolutionäre Potenzial des Akkordeons zu erkennen: Das Transicord war keineswegs für traditionelle indische Musik entwickelt worden und dennoch wie maßgefertigt für deren stilistische Bedürfnisse.

Grund eins: Befreit vom anstrengenden Handgepumpe der analogen Ziehharmonika, war es mit dem Transicord möglich, die charakteristischen Borduntöne der indischen Musik einfach, effizient und vor allem lang anhaltend zu spielen.

Grund zwei: Auf der Diskantseite – der mit der Klaviatur – konnte durch die eingebauten Effekte Vibrato, Multi-Tone Boost und Reverb samt neun verschiedener Register eine zweite Klangebene manipuliert und an die Ansprüche indischer Musik angepasst werden. Schließlich zelebriert traditionelle indische Musik, anders als ihr von Harmonien geprägtes europäisches Pendant, den einzelnen Ton. In Indien spielen speziell Phrasierung, Verzierungen wie Glissandi oder Vibrato und das Verhältnis zwischen aufeinanderfolgenden Tönen die Hauptrolle.

Charanjit Singh spielte anschließend das Transicord auf den Soundtracks einiger Bollywood-Filmklassiker und wurde dadurch in der indischen Filmbranche bekannt. Das machte ihn zwar nicht reich, aber doch wohlhabend genug, um 1982 – mithilfe zweier neumodischer Gerätschaften – einen weiteren, ganz anderen strahlenden Moment der Musikgeschichte zu erschaffen: sein Album „Ten Ragas to a Disco Beat“. Dank des Erfolgs mit dem Transicord war seine Neugierde hinsichtlich innovativer Entwicklungen auf dem internationalen Musikmarkt geweckt worden. Anfang der 1980er brachte der japanische Instrumentenbauer Roland den Drumcomputer TR-808 und den Bass-Synthesizer TB-303 auf den Markt. Singh besorgte sie sich und nutzte sie für seine Zwecke – so wie er es bereits von seiner Arbeit mit dem Transicord kannte: Den 303 setzte er für die Bassfolgen und Spielanweisungen der indischen Ragas ein. Er programmierte sie entsprechend und machte ausgiebig von der Slide-Funktion Gebrauch, die nachfolgende Töne ineinanderfließen ließ.

Das Drum-Pendant, der 808, ersetzte hingegen die traditionelle Tabla, die sonst das perkussive Element der Ragas bildet – und verlieh der Sache ganz nebenbei einen discoiden Electroboogiecharme. Folgerichtig nannte Singh sein Album „Synthesizing: Ten Ragas to a Disco Beat“. Aus kommerzieller Sicht blieb es für lange Zeit ein Misserfolg, geriet sogar in Vergessenheit und hätte nicht einmal das Zeug zu einer Fußnote der Musikgeschichte gehabt, wenn nicht im Jahr 2001 der niederländische Plattensammler Edo Bouman über Singhs obskures Album gestolpert wäre. Bouman fühlte sich beim Hören der Musik an den Acidhousesound aus dem Chicago der späten 80er Jahre erinnert. Als 2010 eine von Bouman initiierte Wiederveröffentlichung schließlich ihren Weg in hiesige Plattenläden fand, gab es begeisterte Reaktionen im Westen. Zu Hause in Indien begleitete Singh die Neuauflage und die Aufregung mit einer Mischung aus Amüsement und Geschmeicheltsein, wie sein Manager jüngst auf Youtube erzählte. Die abermalige Veröffentlichung vom US-Label Light in the Attic erlebt der 2015 gestorbene Künstler nun leider nicht mehr. Aber seine Musik klingt heute besser denn je.

Keshavara: „Moondram Sevi“ (Papercup/Believe) Charanjit Singh:„Ten Ragas to a Disco Beat“ (Light in the Attic/Cargo)