Eine Begegnung mit Franz Dobler

Der Furor entsteht aus Notwehr

Der Schriftsteller Franz Dobler schreibt über Outlaws, Eskapismus, Musik. Nun liest er aus der Autobiografie des Countrysängers Willie Nelson.

Franz Dobler, 2010. Natürlich raucht er. Natürlich an einem Bahnhof. Auch wenn das hier der von Berlin ist und nicht der in Augsburg. Foto: imago/Christian Kielmann

Natürlich in der Bahnhofsgaststätte. Wo sonst würde das Treffen mit Franz Dobler stattfinden? Dem Augsburger Popliteraten, Countryfan und Biertrinker. Und nebenbei besten Werbeträger, den sich die Bahn wünschen kann: ein Autoverweigerer ohne Führerschein.

Und dann feiert sein vergangenes Jahr bei Klett-Cotta erschienener Krimi „Ein Bulle im Zug“ auch noch Bahnfahren als eine der letzten Bastionen des Eskapismus. Die Hauptfigur, Faller, ein Außenseiter, wie sie Dobler mag, ist ein abgehalfterter Polizist, den es quält, einen jungen Kriminellen erschossen zu haben. Vielleicht aus Notwehr. Wenn es dunkel wird, strandet Faller immer da, wo alle guten Storys anfangen: am Bahnhof, so heißt es im Roman nach Tucholsky. Aber eigentlich sind wir hier, um ihn nach seiner Country-Passion zu befragen.

„Deutschlands größter Südstaaten-Outlaw-Dichter“, nannte der Journalist Karl Bruckmaier diesen Dobler einmal. Vor jenem Outlaw-Dichter steht jetzt ein Glas Bier, eine Packung Zigaretten liegt daneben. Dobler raucht Kette und beginnt zu erzählen. Wie kommt es, dass dieser charmant-besonnene Mann mit der sonoren Stimme so wütende Texte schreibt? Der 56-Jährige kann beim Schreiben zum Grantler werden. Von ihm stammt die einzige deutschsprachige Biografie von Country-Raubein Johnny Cash, hierzulande gilt er seither als Experte.

Nun geht Dobler mit der gerade erschienenen und nicht von ihm übersetzen Autobiografie „Mein Leben: Eine lange Geschichte“ des Country-Outlaws Willie Nelson auf Lesetour. Das passt. Countrysänger war schon immer ein zu kleines Wort für Nelson, hat Dobler einst geschrieben. Da war der US-Künstler gerade 70. Inzwischen ist er 82, und nun bringt Dobler mit seiner Stimme Nelsons bewegtes Leben zur Entfaltung.

Dobler zelebriert das Musikalische des Gesprochenen auch in seinen Lesungen

Banales klingt dann besonders, etwa, dass Willie schon als Kind im texanischen Abbott von Musik fasziniert war. Aber auch Tragikomisches bekommt, ausgesprochen von Dobler, einen Dreh, etwa, warum es bei Nelson mit den Frauen nicht so lief: „Im Grunde bin ich mit den Vertreterinnen des anderen Geschlechts mein Leben lang wunderbar ausgekommen, bis ich anfing, sie zu heiraten.“

Franz Dobler liest aus der Autobiografie Willie Nelsons: „Mein Leben: Eine lange Geschichte“; Aus dem Englischen von Jörn Iwersen, Heyne Verlag München 2015, 448 Seiten, 22,99 Euro

6.11., Bassy Club, Berlin; 7. 11., Ilses Erika, Leipzig; 8. 11., Nochtspeicher, Hamburg; 9. 11., Unter Deck, München

Nicht zu vergessen Nelsons Kampf für die Legalisierung von Marihuana, der etliche Seiten der Autobiografie füllt. Mittlerweile rauche Nelson THC in der E-Zigarette, auch das steht in dem Buch. Und, wie der Star vor dem Bankrott stand, als ihm die Steuerbehörde 32 Millionen Dollar abknöpfte. Man müsse die Weisheiten des großen alten Mannes ernst nehmen, bemerkt Dobler dazu in seinem Blog, und zitiert eine Stelle, die den Ton des Buches sehr gut trifft: „Was ist der Unterschied zwischen einem Steuerfahnder und einer Hure? Eine Hure hört auf, dich zu ficken, wenn du tot bist.“ Könnte fast aus einem Dobler-Krimi stammen. Wenn ein Mann in „Ein Bulle im Zug“ Sex haben will, heißt das dann eben, er will ihn „mal reinstecken“.

Also doch lebenslang Country? Dobler winkt ab. „Die Leute denken, ich bin der Typ, der ausschließlich Johnny Cash hört. Dabei höre ich kaum diese Countrymusik.“ Er klingt amüsiert. Außerdem: „Ich muss nicht 50 neue Alben anhören, um festzustellen, dass 49 davon Schrott sind.“ Überhaupt sei er ein viel zu fanatischer Musikfan, um bei einem Genre stehenzubleiben. Okay, sprechen wir über andere Stile. Momentan mag Dobler afrikanischen und türkischen Pop und die Alben von Souljazz Records aus London (“nicht nur Reggae, sondern die große elektronische Abteilung“). Und generell: „Ich habe Blues und Jazz gehört, als es keine Sau interessierte.“

Wanda ödet ihn an, Joe Strummer nicht

Die gehypte Wiener Rockband Wanda öde ihn dagegen an (“bin nicht mehr so interessiert an Pop und Rock von jungen weißen Männern mit Gitarren“), die österreichische Künstlerin Gustav sei aber ganz toll. Und Joe Strummer und The Clash seien „ihrer Zeit weit voraus“ gewesen und deshalb „einzigartig“.

Dobler schreibt nicht nur seit Jahrzehnten klug über Musik, er zelebriert das musikalische Element gesprochener Sprache auch in seinen Lesungen wie wenig andere Autoren. Auftritte inszeniert er als rhythmische Performances, indem er etwa den Takt der Sprache auf den Tisch hämmert. Rezitiert er ein Gedicht wie „Tango und Benzin“ über einen unglückseligen DJ, der finnischen Tango spielen muss, knallt das wie ein DJ-Set selbst: „Johnny Cash. Ich sagte, nie vor zehn und suchte Nina Simone.“

Da schimmert ein Furor durch, den man bei ihm im Gespräch nur erahnen kann. Der Autor als Schauspieler. Dobler mag das: „Ich versuche, möglichst viel rauszuholen und eine eigene Form zu schaffen.“ Oft geht es in seinen Texten ums Scheitern, das ist etwas, was Dobler aus eigener Anschauung kennt. Gut, der „Bulle im Zug“ ist ein kommerzieller Erfolg. Vierte Auflage, Krimipreis. Das war aber nicht immer so. Klar kenne er Existenzangst. Gerade sei er in einer guten Phase. Dann erzählt er von einem Sommer vor ein paar Jahren, als er, um sich und seine Familie über Wasser zu halten, in einem Biergarten Maßkrüge spülte: „Mit der Hand zu arbeiten war geistig erholsamer, als dasselbe Geld mit irgendwelchen Artikeln zu verdienen.“

Die langen Schatten des Nationalsozialismus

Vielleicht kommt da eine Prägung durch, die jemand hat, der 1959 im oberbayerischen Schongau geboren wird und vom Vater nach der Schule hört, er solle erst mal eine anständige Ausbildung absolvieren. Die langen Schatten des Nationalsozialismus beschäftigen Dobler als Autor immer wieder. Er erinnert sich an Sätze wie „Unter Hitler hätte es das nicht gegeben“, die er in seiner Jugend ständig hörte, obwohl die 68er schon längst Krawall gemacht hatten.

Seinen ganzen Zorn packt Dobler 1991 in den großartigen Debütroman „Tollwut“, eine Geschichte wie ein Faustschlag, die nahe der „Kazettstadt“ Dachau spielt. „Wenn es bloß jemanden gäbe, den ich verklagen könnte, so lange immer wieder über Nazischeiße nachdenken zu müssen“, grinst Dobler süffisant. „Es ist ein Akt von Notwehr, dass ich mich mit Politik beschäftige. Die Vergangenheit kommt immer wieder zurück wie ein lautes Echo.“ In seinem Krimi „Ein Bulle im Zug“ gibt es sogar einen Mann, der Selbstmord begeht, um nicht mit Nazis diskutieren zu müssen.

Doblers Werk lässt sich nirgendwo so richtig einordnen. Wegbegleiter sind bis heute Autorenkollegen wie Thomas Meinecke, Lorenz Schröter oder Andreas Neumeister, die er kennenlernt, als er Anfang der Achtziger nach München zieht. Die Genannten vereint schon damals der Gestus der Ablehnung: „Es ging uns darum, Abstand zu etwas von vorher herzustellen.“ Gegen Literaturbetriebsnudeln wie Walser und Grass: „Diese großen alten deutschen Männer wirkten abschreckend auf mich. Da war keiner dabei, für den ich Respekt empfand.“ Mit dem Schriftsteller Friedrich Ani verbindet Dobler dagegen eine lange Freundschaft.

Die unorthodoxe Radiosendung „Zündfunk“ im bayerischen Rundfunk bietet Dobler bis heute ein mediales Zuhause, Jörg Fauser ein literarisches. Fauser bleibt für Dobler bis heute ein Fixpunkt. Es gibt Parallelen, was Kompromisslosigkeit, Settings und Sound angeht. Aber begegnet ist er Fauser nie. Dobler erinnert sich an eine Literaturreihe im Münchner Rationaltheater, die er kuratierte und zu der er Fauser einladen wollte. Nein danke, er mache zur Zeit keine Lesungen, war die Begründung von Fausers Absage. „Auf die Underground-Szene hatte er wohl keine Lust mehr“, sagt Dobler.

Seit 1991 lebt Dobler mit Frau und Tochter in Augsburg. Ob es mal den Wunsch gab, von dort, aus der bayerischen Provinz wegzugehen? Überlegungen ja, das schon. Geblieben ist er trotzdem. Überhaupt: Patriotismus oder Lokalpatriotismus findet Franz Dobler absurd: „Kann man für seine Stadt und sein Land etwas anderes als Hassliebe empfinden?“

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de