: Ein Schauspieler*innen-Fest
Nicht immer schlüssig, aber sehenswert dank eines funkelnden Ensembles: Yana Ross inszeniert in Hamburg Anton Tschechows Drama „Die Möwe
Von Katrin Ullmann
Nina will eine berühmte Schauspielerin werden. Irina Arkadina ist es längst, ihr junger Lover, Trigorin, ist Schriftsteller, ebenfalls berühmt. Arkadinas Sohn Kostja ist auf der Suche nach der Kunst, also nach der Avantgarde. Sein Onkel Sorin wiederum hat seine einstigen kreativen Ambitionen tief im Alkohol ertränkt. Der Arzt Dr. Dorn ist heilend keine Hilfe und zudem polyamourös verstrickt, während seine Frau, die Gutsverwalterin Polina, die Zimmerpflanzen ordnet. Außerdem ist da Mascha, ihr zweiter Vorname dürfte „melancholisch“ lauten: Ihre Trauer ums Leben ist omnipräsent. „Mein Leben ist viel härter“, behauptet der verklemmte Lehrer Medwedenko einmal – wer‘s glaubt. Später wird er die melancholische Mascha heiraten. Dann platzen bunte Luftballons, blinkt eine Karaoke-Anlage, wabern „Ne me quitte pas“, „Dreams are my reality“ und „If you don‘t know my by now“ vielsagend durch den Raum.
Kunst versuchen und daran verzweifeln
„Die Möwe“ ist die erste Inszenierung von Yana Ross am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. In dem von Anton Tschechow 1896 uraufgeführten Stück geht es, wie eigentlich immer bei diesem Dramatiker, um den Menschen, um dessen vergebliche Suche nach dem Glück, um Kunst und um Krisen.
Zäh kleben die Figuren in der Provinz fest. Dort fallen Dialoge in sich zusammen, lange bevor sie entstehen konnten, verlieren sich Fragen ohne Antworten, verebben Liebesschwüre im Raum. Mal werden Möwen im Flug geschossen und auch mal Angeln in den See geworfen. Immer wieder wird Kunst versucht und daran verzweifelt. Vor allem von Kostja.
Paul Behren spielt diesen ernsten jungen Mann mit intrinsischem Impuls. Unermüdlich probt er die Choreografie seiner durational performance. Die Arbeit selbst, ein experimenteller Mitmachen-den-Atem-spüren-Audiowalk, stößt bei seiner Mutter (herrlich und herrlich technikphob: Bettina Stucky) auf tiefstes Unverständnis. Gnadenlos wird sie bald darauf die traurige Mascha (Henri Jörrissen) als „früh gealtert“ abkanzeln und versuchen, die schwärmende Nina (Josefine Israel) auf den Bühnenboden der Tatsachen zurückzuholen.
Da hat sich diese Nina allerdings schon himmelhoch verguckt: in ihre Schauspiel-Idee und in das vermeintliche Sprachgenie Trigorin (Daniel Hoevels). Jede der Bewegungen dieses wortarmen Schriftstellers ahmt sie voller Hingabe nach, jeden seiner Atemzüge. Sie hängt an dessen Lippen, folgt – wie auch Kostja – auch dann noch ergriffen Trigorins Worten und seinem Blick, wenn er über die schwarzen Balken im Bühnenhimmel „sinniert“. Dann starren alle durch ein riesiges Loch, mit dem die Bühnenbildnerin Bettina Meyer den holzvertäfelten Raum ins verheißungsvolle Nirgendwo geöffnet hat.
Nah an den Figuren
Man rückt allen Figuren nah an diesem Abend, was sicherlich auch an Ross‘ lässiger Stückfassung liegt; man sieht ihrem Schwärmen mit Schaudern zu, sorgt sich um as Leben derer da auf der Bühne. Und so auch das jener Nina, die für die Kunst wirklich „jedes, jedes, jedes Opfer“ bringen und für ihre Fans leben würde, weil „das Glück dieser Menschen nur darin liegt mich zu bewundern, zu mir aufzuschauen“. Als Josefine Israel das voller Überzeung ausspricht, ensteht einen zauberhaften Augenblick lang eine herrlich flirrende Überlagerung: Glücklich schaut man zur Schauspielerin auf, bewundert ihr Spiel – und weiß doch, dass die Sätze der Theaterfigur Nina gehören.
Überhaupt ist dieser Abend ein Schauspieler*innen-Fest, neben den bereits genannten sind noch Josef Ostendorf, Angelika Richter, Samuel Weiss und Pascal Houdus in Höchstform dabei. Endlos möchte man ihren Figuren beim Sehnen und Scheitern zusehen, ihnen in ihre Abgründe folgen, wohl wissend, dass ihre Erzählung ein Ende hat. Und zwar genau dann, als sich Behren/Kostja fallen lässt in ein großes, rundes Loch, das sich im zweiten Teil des Abends im Bühnenboden aufgetan hat.
Verloren gehende Beziehungen
Ross‘ Inszenierung funkelt durch das wirklich fantastische Ensemble. Doch in diesem Strahlen übersieht man leicht die technische Konstruktion vieler Szenen: den Rundlauf um die Tischtennisplatte, das „War hat Angst vor … “-Spiel, das Karaoke-Singen und das stückimmanente Bingo am Schluss. Figurenentwicklungen gehen dabei verloren, genauso wie nachvollziehbare Binnenbeziehungen, Fallhöhen oder Spannungsbögen. Was entsteht, ist eine Studie des allzu Menschlichen im Allgemeinen. Nicht immer schlüssig inszeniert, aber absolut sehenswert. Oder, um es mit den Worten von Irina Arkadina zu sagen: „Ich habe geatmet, Ich habe enjoyed.“
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