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Ein Raumschiff in Mecklenburg-Vorpommern

Bollewick galt als stinkendes Gülledorf und ist heute Vorbild für Strukturentwicklung im ländlichen Raum. Wie kriegt man so was hin? Durch Größenwahn. Eine Ortsbegehung mit der Bürgermeisterin Antje Styskal

Aus Bollewick Juli Katz

Es ist, wie es immer ist in Mecklenburg-Vorpommern, sympathisch-surreal. Fährt man an einem normalen, leicht regnerischen Dienstagmorgen im Juli von der B 198 ab und die schnurgerade Straße entlang, wirkt Bollewick erst mal unscheinbar. Dabei gibt es hier mindestens zwei Attraktionen: Erstens ist der Ort bekannt als Bioenergiedorf, wo Biogasanlagen Haushalte, re­gio­nale Betriebe und kommunale Gebäude mit Wärme versorgen. Zweitens steht hier die größte Feldsteinscheune ­Deutschlands. Hier, irgendwo zwischen Neu­strelitz und dem Bärenwald Müritz.

Der Parkplatz ist rappelvoll. Hinten ein Kitagebäude inklusive Spielplatz, dort ein abgesperrter Haufen überdimen­sio­naler Steine, und dann ist sie nicht zu übersehen, die Feldsteinscheune. Sie wirkt zu groß für alles, was es sonst hier gibt. Wie ein Raumschiff, das versehentlich gelandet ist. Für die 125 Meter vom einen Eingang bis zum anderen braucht man in Minuten gemessen knapp zwei.

Die Scheune Bollewick ist einer der wenigen Superlative in Mecklenburg-Vorpommern, die positiv ausfallen. Die negativen: Nirgendwo anders verdient man einem Gehaltsreport zufolge so wenig wie hier, und mehr als jede zweite Gemeinde gilt als „sehr schlecht“ versorgt. Kein Wunder, dass Mecklenburg-Vorpommern im sogenannten Glücksatlas auf dem letzten Platz liegt. Was soll dann so eine Scheune?

Wer ihr Dimension verstehen will, muss das Drumherum sehen. Sie liegt in der Mecklenburgischen Seenplatte, dem flächenmäßig größten Landkreis Deutschlands. Hier passt 18-mal die Stadtfläche Münchens rein oder 6-mal Berlin, während hier gerade mal so viele Menschen leben wie in Spandau. In der Seen­platte liegt Bollewick, 600 Einwohner, und gilt als Vorzeigebeispiel für Strukturentwicklung im ländlichen Raum.

Am Eingang der Scheune hängt Waffelgeruch. Das Herzstück, der Veranstaltungsraum, wirkt sehr groß und ist dennoch nur ein kleiner Teil der restlichen 10.000 Quadratmeter, heute dunkel, die Bühne leer, ein paar Menschen sitzen herum. Ansonsten stehen hier viele Hütten, die aussehen, als würde man sie vor allem bei Weihnachtsmärkten verwenden. Das muss jetzt mal jemand erklären. Wer trägt hier die Verantwortung? Am Steuer des Raumschiffs sitzt Antje Styskal.

Styskal ist seit 2019 Bürgermeisterin von Bollewick. Ist sie Bollewickerin? Nein, sie stammt ursprünglich aus Dresden, geboren 1967. Wollte sie schon immer Bürgermeisterin werden? Auch nein, sie hat Krankenschwester gelernt. Hat sie wenigstens Bezüge in die Region? Zum dritten Mal nein. Außer vielleicht, dass sie auch Ossi ist, wie sie sagt. Zwar zog sie nach der Wende zum Arbeiten über Bayern in die Schweiz und war froh, dass das Ossisein endlich keine Rolle mehr spielte. Zurück in Deutschland habe ihr der sächsische Dia­lekt geholfen anzukommen. Und zwar in Mecklenburg-Vorpommern, genauer Bollewick.

Weil Styskal ist, wie sie ist, wollte sie nicht nur wohnen, sondern sich auch beteiligen. Erst in der freiwilligen Feuerwehr, dann bei Dorffesten, dann in der Gemeindevertretung –und wieso nicht gleich als Bürgermeisterin? Seit sieben Jahren ist sie jetzt im Amt.

Ihr Vorgänger hatte das Bioenergiedorf vorangetrieben, hat die Landwirte dafür begeistert, die sich in anderen Regionen angeschaut haben, wie sie das dort umgesetzt haben. Erkenntnis: Das geht! Aber wie? Wie überzeugt man am besten? Styskal erklärt sich das auch damit, dass ein Betrieb von einem Holländer geführt wird, ein anderer von einem Wessi. „Natürlich war das für viele erst mal ex­trem beängstigend, auch mit dieser neuen Gesellschaft und mit neuen Strukturen umzugehen. Für Menschen aus dem Westen, die diese wirtschaftlichen Prozesse bereits kannten, mag das weniger problematisch gewesen sein.“ Drei Landwirtschaftsbetriebe haben letztendlich Biogasanlagen gebaut. Eine Großabnehmerin der Wärme, die entsteht, ist die Scheune selbst. „Ansonsten ist es häufig in dörflichen Strukturen so, dass der Aufwand für die Leitungsverlegung, die Hausanschlüsse und so weiter zu groß ist.“

Heute führt sie durch die Scheune. Es gibt eigentlich alles. Ein Café, ein Restaurant und ein Hotel mit 60 Betten. Das Standesamt hat hier eine Außenstelle. Die Feuerwehr hat ein Fahrzeug unten geparkt. Die Dorfsportgruppe trifft sich hier. Im ersten Stockwerk eine Ausstellung mit Linolschnitten des Künstlers Werner Schinko. Am Wochenende gibt es einen Abiball. Im Spielzimmer wurde Altes wieder verbaut, die Kinderrutsche stand mal woanders. In seltenen Momenten ist Styskal – Heilpraktikerin von Hauptberuf, Büro im oberen Stockwerk – auch alleine hier. Angst will sie noch nie gehabt haben. „Es ist ein warmer Ort, an dem man gerne ist“, sagt sie, während hinter ihr ein Labrador vorbeiläuft. Auf dem Klo steht ein Extra­abfalleimer für Windeln.

Styskal geht mit selbstsicherem Schritt voran. Fragt man sie vorsichtig, ob sie das nicht alles ein bisschen größenwahnsinnig findet für so ein kleines Dorf, sagt sie nur: „Ja, natürlich.“ Und erzählt die Geschichte der Scheune, erbaut 1881 vom bereits 76-jährigen ­Baron von ­Langermann zu Erlen­kamp und Spitzkuhn, der ein „Landwunder“ haben wollte. Über Jahre wurde die Scheune vom Kuhstall für 650 Tiere zum Menschenaufenthaltsort und steht nun in einem Bioenergiedorf, das über Energienutzung, Nachhaltigkeit und regionale Wertschöpfung lehrt. Biogasanlagen versorgen mit Wärme, der Strom kommt von Solaranlagen.

Hoffnung nach dem Umbau

Dass so etwas mal in Bollewick existiert, hätte man in den Neunzigern wohl nicht gedacht, als 1990 die LPG nach der Wende zumachte. Überall stank es. „Das Dorf war verschrien als stinkendes Dorf, weil vorne und hinten Gülle rauslief“, erklärt Styskal.

ABM-Kräfte sollten das Problem lösen. Mit dem Umbau kam auch Hoffnung und Arbeit. Denn als später zu einem Handwerkermarkt mehrere Tausend Leute kamen und es ob des Ansturms zu wenige Dixi-Klos gab, war klar: Das kann noch was werden.

Wetten, die Demokratie gewinnt?

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Weil es Bedarf gab, konnten neue Fördergelder beantragt werden, um den Innenausbau fortzusetzen. Den Wahnsinn aufzugeben, wäre Wahnsinn gewesen. Es hat sich gelohnt: Der Wahnsinn ist jetzt, was Menschen anzieht. Auch das niederländische Königspaar war schon zu Besuch.

Wieso funktioniert das? Auf diese Frage antwortet Styskal nicht direkt. Aber sie tut es durch viele kleine Erzählungen. Da ist zum Beispiel die Geschichte, dass sie die erste Zeit als Bürgermeisterin während der Coronapandemie damit verbracht hat, hier in der Scheune im Nähladen Masken zu nähen für die freiwillige Feuerwehr.

Styskal wollte aus dem Tourismusort auch einen machen, in dem Einheimische etwas für sich finden, vor allem Kinder und Jugendliche. Das Thema Bildung ist ihr wichtig, in der Scheune gibt es Kreativ- und Bildungsangebote für die Bollewicker. Styskal gewann mit der Idee sogar eine Förderung.

Antje Styskal ist ernst und lustig, skeptisch, trocken und herzlich bei Witzversuchen, offen bei Nachfragen, bemüht beim Präsentieren ihres Ortes. So gesehen also doch wie eine typische Mecklenburgerin. Selbst als sie aufzählt, was hier schon alles stattgefunden hat, bleibt sie gelassen: ein Treffen des Angler- und des Jagdhundeverbands inklusive Hirschrufer, na klar. Hochzeiten, na klar. „Der Hit ist momentan aber der Tanztee“, na klar. Das sei „das beste Mittel gegen Einsamkeit“.

Irgendwie passt es dann halt schon hierher, das Raumschiff. Niemand kann sich leisten, grantig zu sein – jeder ist Besatzung, jeder wird gebraucht. Das ist auch Styskals Strategie in der Gemeindevertretung: „Ich will am Ende nicht die sein, die alleine entscheidet. Als demokratisches Gremium müssen alle anderen ihre Meinung kundtun können. Wenn jemand mal anderer Meinung ist, ist das auch okay.“

Der Hit ist momentan der Tanztee, das beste Mittel gegen Einsamkeit

Antje Styskal, Bürgermeisterin

Aber gibt es nicht doch welche, die alles blöd finden? Immerhin gingen auch bei der Bundestagswahl 2025 in Bollewick die meisten Zweitstimmen an die AfD, die mit 33,9 Prozent deutlich vor der CDU lag. Styskal zuckt mit den Schultern. „Wenn, dann lassen sie mich auf jeden Fall in Ruhe“, sagt sie. Angegriffen worden sei sie noch nie.

Es gab mal Kritik, dass sie bei einem Bauvorhaben zu geheimniskrämerisch gewesen sei. „Wahrscheinlich ist das auch den dörflichen Strukturen geschuldet“, sagt Styskal heute. Nun will sie alle immer von Anfang an ins Boot holen, legt alle Beteiligten offen, verteilt Telefonnummern von Menschen, die man bei weiteren Nachfragen anrufen kann. Momentan aber geht es um Menschen, die nachrücken wollen. Styskal wird kommendes Jahr 60. Sie gibt dann ihr Amt ab, bleibt der Scheune aber treu.

Ortskundige wissen, dass man sich hier Freundinnen macht, wenn man den Namen des Dorfes richtig auszusprechen weiß: „Bolléwick“, mit Akzent auf dem e. Wieso das so ist, dazu ranken sich die Mythen. Nicht mal Antje Styskal weiß das.

Bei der Dorfbegehung Bollewicks auf der wohl geradesten Straße Mecklenburgs schreitet sie schnell voran, grüßt fast alle, die entgegenkommen. Dass es Straßen namens Unterm Regenbogen und eine „Milchtankstelle“ gibt, wird jetzt niemanden mehr überraschen. Vor dem Bollewicker Labyrinth, ein paar Hundert Meter von der Feldsteinscheune entfernt, verabschiedet sich Styskal. Sie muss zum nächsten Termin.

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