Ein Lob der Streitkultur: Bock auf Zoff

Meine Freundin A. und ich, wir streiten uns oft. Egal wie heftig es wird, unsere Freun­d:in­nen­schaft hält das aus – weil ein Konsens uns wie ein Spielfeldmarker umzäunt.

Frauenhände recken sich Sprechblasen entgegen

Willst du Streit? Foto: Tim Robberts/getty

Meine Handbewegung ist bedacht, als ich die Karotte in streichholzgroße Stäbe schneide. So hat meine Freundin A. es mir für das Bibimbap aufgetragen. Währenddessen brät sie den Tofu an und spricht über Mark Fishers Buch „Capitalist Realism“. Ich müsse es unbedingt lesen. Und endlich diesen einen Vortrag über die Kritik an Edward Saids Orientalismuskritik schauen. Damit wir endlich darüber streiten können.

A. und ich, wir widersprechen uns oft. Ob in Instagram-Nachrichten, Gruppenchats oder beim Abhängen, unsere Gespräche haben ein Zickzackmuster. Eine Person von uns sagt etwas und die andere schiebt ein Gegenargument ein. So geht es stundenlang. Manchmal wird es emotionaler, wir gehen an die Substanz und piksen uns dorthin, wo es am meisten wehtut. Es gibt Augenblicke, da bin ich so sauer. Warum spricht sie jetzt so wie diese Leute, die wir vor ein paar Jahren noch gemeinsam leidenschaftlich gehasst haben, ist sie jetzt etwa auch so eine, ich dachte, wir wären befreundet?

Die dampfende Reisschale ist angerichtet, ich brate mir noch schnell ein Bio-Spiegelei als Topping, sie verzichtet und hört mir dabei zu, wie ich diese eine Bekannte mit der toxischen Social-Media-Präsenz doch irgendwie verteidigen muss. Das regelmäßige „hm“ soll signalisieren, dass sie noch folgt, es impliziert aber auch, wie gern sie jetzt einhaken würde, obwohl ich noch nicht ausgesprochen habe. Sie unterbricht mich nicht.

An meinem Gaumen brennt es leicht, irgendetwas in der Schüssel war noch zu heiß, als A. ein besonders aufwühlendes Thema hervorholt. Es ist gut, dass ich kurz nicht fähig bin zu reden, denn obwohl ich dachte, alle ihre Argumente schon zu kennen, stellen sich die meisten doch als unerwartet und überraschenderweise schlüssig heraus. Ja, ich stimme ihr zu, aber bringt das konsequenterweise nicht mein ganzes Gedankengerüst ins Zittern? Welche Angst ist größer: jene davor, im Unrecht zu sein, oder die, dass mein Selbstverständnis ins Schwanken gerät?

In den wichtigsten Dingen sind wir uns einig. Wir können uns auf einen Konsens verlassen, der uns wie ein Spielfeldmarker umzäunt: Antifaschismus und Feminismus finden wir super, jeden Antisemitismus und Rassismus hingegen scheiße, Kapitalismus sowieso, Sexarbeit muss dekriminalisiert werden, her mit trans Rechten, weg mit Nationalstaaten (Deutschland zuerst, Israel zuletzt) und we don’t call the cops. Egal wie heftig wir uns bei allem anderen streiten, unsere Freun­d:in­nen­schaft hält das aus. Wir vertrauen uns gegenseitig darin, uns nicht zu canceln, obwohl wir jede Uneinigkeit ausdiskutieren, wenn auch mit dem Fazit des Dissenses. Wir lieben und respektieren uns nicht deshalb, weil wir davon politisch profitieren.

Beim Abschied sind wir sehr müde, aber glücklich, wir haben viel gelacht, auch wenn man es dem Text nicht anmerkt, und wir sagen: Wir müssen das öfter machen, das war schön.

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Hengameh Yaghoobifarah studierte Medienkulturwissenschaft und Skandinavistik an der Uni Freiburg und in Linköping. Heute arbeitet Yaghoobifarah als Autor_in, Redakteur_in und Referent_in zu Queerness, Feminismus, Antirassismus, Popkultur und Medienästhetik.

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