Ein Jahr Corona in Berlin: Wenn der Partner zuschlägt

Mehr Anrufe bei den Beratungsstellen deuten auf ein Ansteigen von häuslicher Gewalt. Auch die Hilfe bei digitaler Gewalt wird vermehrt angefragt.

Ein Mann und eine Frau stehen hinter einem zerbrochenen Teller in einer Küche

Da ist schon mehr kaputt als nur ein Teller Foto: picture alliance/dpa

BERLIN taz | Hat die häusliche Gewalt in der Pandemie zugenommen? Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht, weil es noch an repräsentativen Studien fehlt. Doch die Anrufe von Gewaltbetroffenen bei Hilfetelefonen nehmen zu. „Wir haben noch keine detaillierten Auswertungen, aber wir merken eine Steigerung“, sagt Doris Felbinger, Geschäftsführerin der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG e. V.).

Bei der BIG-Hotline, die Frauen und Kinder bei häuslicher Gewalt berät, gingen in den ersten beiden Wochen nach dem ersten Lockdown vergangenes Jahr über 30 Prozent mehr Anrufe ein als im Vorjahreszeitraum.

Wie auch andere Beratungsstellen stellt Felbinger fest, dass die Anfragen vor allem in Wellen erfolgen, die mit den Lockdowns zusammenhängen. Wer nicht rausgehen darf, kann auch nicht unauffällig die BIG-Hotline anrufen, während der Täter im Nebenzimmer sitzt.

Das Virus Natürlich hat man sich hier bereits davor mit der neuen Erkrankung beschäftigt, am 1. März 2020 aber wurde auch in Berlin der erste Fall einer Infektion mit dem Coronavirus bestätigt. Der erste Lockdown folgte schnell: Am 17. März wurden die Schulen und Clubs geschlossen, am 23. März folgten fast alle Geschäfte.

In Serie Seit einem Jahr hält uns ein Virus, das einem längst erschreckend vertraut erscheint, in Atem. Was macht das mit Berlin und seinen BewohnerInnen? In einer loser Folge wollen wir der Frage mit den ersten Bilanzen nachgehen, nach dem Blick auf die soziale Distanz und den Kulturbetrieb folgt die Gewaltfrage.

Für digitale Treffen wurde deshalb ein unauffälliges Signal in Kanada erdacht, das auch in Deutschland immer bekannter wird: Die Gewaltbetroffenen strecken die Handfläche zum Bildschirm aus, legen den Daumen hinein und umschließen ihn mit den restlichen Fingern. Wenn die Person Kopfhörer trägt, kann man ihr Fragen stellen, die sie mit Ja oder Nein beantworten kann: Soll eine Hilfestelle informiert werden? Soll die Polizei gerufen werden?

Bei der bislang einzigen repräsentativen Studie zu häuslicher Gewalt in der Pandemie wurden deutschlandweit zwischen April und Mai 3.800 Frauen im Auftrag der TU München befragt. Das Ergebnis: Etwa 3 Prozent der Frauen wurden innerhalb eines Monats geschlagen, sexuell vergewaltigt und erfuhren andere Formen der Gewalt. Vergleichen lässt sich diese Zahl mit anderen Studien nicht, weil oft andere Zeiträume abgefragt werden. Doch 3 Prozent innerhalb eines Monats – das scheint nicht wirklich wenig. Und es könnten im Fortschreiten der Pandemie noch viel mehr geworden sein.

Nicht alle, die Hilfe brauchen, suchen sie sich. Viele schämen sich oder kennen die Hilfenotrufe nicht

Was tun, wenn der (Ex-)Partner zuschlägt? In Berlin gibt es die Möglichkeit, in eines von sechs Frauenhäusern zu ziehen. Eines davon ist das Caritas-Frauenhaus, das seit seiner Gründung 1983 von Gabriele Kriegs geleitet wird. Sie hat schon viele Frauen kommen und wieder gehen sehen. Kriegs weiß: Nicht alle, die Hilfe brauchen, suchen sie sich. Ihre Arbeit im Frauenhaus zeigt nur einen Ausschnitt der Gewalt. „Viele melden sich gar nicht bei uns“, sagt Kriegs. Die Dunkelziffer ist hoch, viele schämen sich oder kennen die Hilfenotrufe nicht.

Wegen der Pandemie gibt es im Caritas-Frauenhaus ein strenges Hygienekonzept. Statt 20 Plätzen gibt es derzeit dort auch nur noch 18 Plätze. Deswegen sei die Auslastung des Frauenhauses während der Pandemie um 10 Prozent zurück­gegangen. „Das sind knapp unter 10 Frauen, es ist also nicht so wesentlich“, sagt Kriegs. Überrascht das Kriegs? „Ich habe es mir schlimmer vorgestellt. Ich war ganz erstaunt, dass es trotzdem noch funktioniert hat“, sagt sie.

Außerdem blieben die Frauen länger im Caritas-Frauenhaus. Vor der Pandemie hätte es auch Frauen gegeben, die ins Haus gekommen seien, um ihren Partnern einen „Denkzettel“ zu verpassen, so Kriegs. Sie zogen am Morgen ein und am Abend wieder aus. „Das passiert während der Pandemie nicht“, sagt Kriegs. „Im Gegenteil: Kurz vor Weihnachten zog hier eine Frau aus, von der ich dachte: Bei der Gewalt, die sie erfahren hat? Das passt gar nicht.“ Doch die Frau habe zu große Angst vor dem anstehenden Lockdown, einer Corona-Infektion und der sozialen Isolation gehabt und wäre deshalb zurück zu ihrem Mann gezogen. „Das ist ein Einzelfall, aber es kommt vor“, so Kriegs.

Im Juni vergangenen Jahres warnten die UN vor häuslicher Gewalt als „Schattenpandemie“. Also als massenhaftes Phänomen, das die Coronavirus-Pandemie mit sich trägt.

Das Digitale bleibt dabei oft unerwähnt: Das Friedrichshainer Frieda-Frauenzentrum e. V. ist Trägerverein des „Anti-Stalking-Projekts“. Es berät Frauen, die von digitaler Gewalt betroffen sind.

In Zeiten von Zoom-Meetings sei das eine besondere Herausforderung: „Es ist eine Form der Gewalt, die alle treffen kann“, sagt Maria Koch, Geschäftsführerin des Frieda e. V. So wird in der bereits genannten Studie der TU München bei 4,6 Prozent der Frauen festgestellt, dass ihre digitalen Kontakte vom Partner kontrolliert werden.

Häufig richten (Ex-)Partner die Betriebssysteme auf dem Handy der Partnerinnen ein, haben die Passwörter und können sehen, was auf dem Handy passiert. Inklusive Standort. Laut Koch sind etwa 80 Prozent der Personen, die Frauen mit digitaler Gewalt belästigen, männlich.

Das Anti-Stalking-Projekt bietet an drei Tagen in der Woche Beratungstermine an. Sie sind weit im Voraus ausgebucht. Neben den einfacheren Maßnahmen wie dem Ändern von Passwörtern und dem Ausschalten des GPS kann in Beratungs­terminen auch nach Spyware gesucht werden – um sie zu entfernen.

Besonders stark trifft digitale Gewalt mehrfach Diskriminierte. Eine Studie des Kinderhilfswerks Plan International stellte fest, dass Mädchen und junge Frauen vor allem dann digitale Gewalt und Belästigung erleben, wenn sie eine Behinderung haben, politisch aktiv, BPoC oder queer sind.

Die Pandemie hat auf diejenigen, die von digitaler Gewalt betroffen sind, einen besonderen Einfluss: Sie haben teilweise den Wunsch, sich aus dem digitalen Raum zurückzuziehen. Auch wenn sie das nicht haben, ist ein sozialer Raum außerhalb des Computers wichtig. Deswegen war es besonders bedauerlich, dass das Frieda-Frauenzentrum wegen der Coronakontaktbeschränkungen nur telefonisch und digital beraten durfte. „Wir sind froh, dass wir wieder Beratungen vor Ort anbieten können“, sagt Koch.

„Die Aufmerksamkeit zum Thema Gewalt gegen Frauen ist im Zuge der Pandemie größer geworden“, beobachtet Koch. Sie findet es wichtig, dass auch hier die Maßnahmen und Mittel mehr werden. Doch müsse man, so Koch, auch Maßnahmen treffen, dass Gewalt gar nicht erst ausgeübt werde. „Es braucht ein gesellschaftliches Umdenken und politisches Handeln, damit patriarchale Gewalt eingedämmt wird.“

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