Dub-Duo Space Afrika: Musik fürs Kopfkino

„Honest Labour“ von Space Afrika sind Klänge zum Tagträumen. Bei endlosen Busfahrten durch triste urbane Gegenden oder an müden Sonntagen.

Zwei Männer mit gesenkten Köpfen stehen vor heruntergelassenen Rolltoren

Joshua Inyang und Josh Reid lernten sich auf der Grundschule in Manchester kennen Foto: Chloe Magdelaine/Timon Benson

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen dem Gefühl, in jemanden verliebt zu sein, und dem, jemanden sehr gern zu mögen? Ist es vielleicht nur eine andere Formulierung für dieselbe Emotion? Im Song „Indigo Grit“, dem zweiten auf Space Afrikas neuem Album „Honest Labour“, stellt ein Mann einer Frau diese Frage. Wie ein kleiner Auszug aus einer Radioumfrage klingt das Sample, das sich vor die wabernden Klänge schiebt, die gerade eben noch den dreampopartigen Gesang der Sängerin Guest untermalten.

Die Antwort der Frau fällt entschieden aus: Es gebe da einen großen Unterschied, schließlich könne man eine Person sehr gerne mögen und nicht in diese verliebt sein. Aber woher man denn wisse, wann man in jemanden verliebt sei, will der Fragende genauer wissen. Ein „Hmm“ ist noch zu hören, dann bricht die Aufnahme ab. Die Frage bleibt im Raum, während die Musik von „Honest Labour“ weiterläuft.

Angenommen also, besagter Unterschied besteht –, ist „Honest Labour“ dann ein Album, in das man verliebt sein, oder doch eher nur eines, das man sehr gerne mögen kann? Sowohl als auch, definitiv. Was die Künstler von Space Afrika aus Manchester evozieren, sind jedoch weniger die euphorischen, ekstatischen, mehr die schwindelerregenden, die verwirrenden Gefühle.

Gegen die Einsamkeit

„Honest Labour“ ist Musik fürs Kopfkino in endlosen Busfahrten durch triste urbane Gegenden, Musik für Tagträume, für müde Sonntage, um den Staubflusen beim Herumfliegen zuzusehen, Musik zum langsamen Ausnüchtern, sei es von Substanzen oder Emotionen. Musik für und gegen die Covid- und Post-Covid-Einsamkeit.

Space Afrika sind ein Duo: Joshua Inyang und Josh Reid lernten sich auf der Grundschule in Manchester kennen, begannen in den frühen zehner Jahren gemeinsam Musik aufzunehmen, anfangs beeinflusst vom Dub-Techno aus Detroit und aus Berlin. „Above The Concrete/ Below The Concrete“ hieß ihr Debüt, herausgebracht 2014 auf Kassette, auf dem sie diesen Sound in einer auditiven Annäherung an die industrielle Landschaft ihrer Heimatstadt verpackten. Um einiges treibender, clubbiger noch war das als das, was sie später machten, auf dem ambientlastigen „Somewhere Decent To Live“ etwa, Space Afrikas Debütalbum, veröffentlicht 2018.

Space Afrika: „Honest Labour“ (DAIS / Cargo)

2020 dann kam das Mixtape „hybtwibt?“, kurz für „have you been through what i’ve been through?“. Space Afrika veröffentlichten es unter dem Eindruck des gewaltsamen Todes von George Floyd, des Rassismus, nicht nur in den USA, auch in Großbritannien. Die Einnahmen waren für die Black-Lives-Matter-Bewegung bestimmt. Die beiden Joshuas verarbeiteten Samples wie Sirenengeheul, Protestgesänge, Schnipsel aus einem Song von Aretha Franklin zu ebenso dichten wie amorphen, hochpolitischen Collagen.

Als „overlapping moments“, also sich überlappende Momente, bezeichnen die beiden Künstler treffend selbst, was sie tun, dieses elliptische Spiel mit Samples, Sounds und gesprochenem Wort, mit Rhythmen, Klangfarben der meist düsteren Sorte, mit Genres wie TripHop, Dream-Pop, Ambient, HipHop und Dub.

Tricky ist einer, der einem beim Anhören von „Honest Labour“ in den Sinn kommen könnte, vor allem sein Debüt „Maxinquaye“, überhaupt die vorwärtsgewandte Musik jener Zeit. Das Album klingt oft ein wenig so wie die Mode, mit der sich Jugendliche heute wieder kleiden: Wie Mitte der 1990er Jahre, nur ein wenig besser als in der Erinnerung.

„B£E“ wiederum, die erste Singleauskopplung, ist rauer, ungemütlicher, härter als der Rest. Blackhaine wurde für den Song ins Boot geholt, ein Rapper, Choreograf, Performer und Tänzer, der schon für Mykki Blanco und Kanye West gearbeitet hat, auch für Modelabels und im Kunstkontext. Mit Reid und Inyang verbindet ihn nicht zuletzt Manchester (die Reid inzwischen zugunsten Berlins verlassen hat), er ist wie sie Teil einer neuen Szene, die geprägt ist vom Aufwachsen und Leben in der post-postindustriellen Stadt.

„Honest Labour“ rauscht an einem vorbei. Viele der Songs klingen nur kurz an, für ein, zwei Minuten. Man muss das Album aber ohnehin eher als ganzes hören, all die „überlappenden Momente“ zusammen, die wie viele kleine Pixel mit ausreichend Abstand ein flirrendes Bild ergeben.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de