Dorthe Nors „Die Sonne hat Gesellschaft“: Die Finger von Tante Clara

In kurzen, verdichteten Stücken erzählt die dänische Autorin Dorthe Nors von ungeklärten Lebens­fragen und lange nachwirkenden Ereignissen.

Die dänische Autorin Dorth Nors

Die dänische Autorin Dorthe Nors erzählt von Rückzug und Abkapselung Foto: Petra Kleis

Die Zeilen, die Dorthe Nors ihrem Erzählband „Die Sonne hat Gesellschaft“ voranstellt, entfalten heute eine spezielle Bedeutung: „Es ist immer möglich, sich ein Stück weiter zurückzuziehen.“ Natürlich konnte die Autorin 2018, als das Original erschien, nichts vom Coronavirus und den damit einhergehenden Kontaktbeschränkungen wissen, sie meint etwas ganz anderes.

Ihre Figuren bewegen sich durchaus unter Menschen, doch obwohl sie keinerlei Abstandsregeln unterliegen, finden keine Begegnungen statt; sie sind in sich selbst verkapselt, abgetrennt von ihrer Umgebung – ganz ohne Quarantäneverordnung.

Die 1970 geborene dänische Autorin hat bereits mehrere Romane geschrieben, war mit „Rechts blinken, links abbiegen“ 2017 für den Man Booker International Prize nominiert und veröffentlicht unter anderem im New Yorker. Ihre Geschichten sind kurze, verdichtete Stücke, in denen Nors in Alltagssituationen einsteigt, um dann von gegenwärtigen Krisen, ungeklärten Lebensfragen oder auch in der Vergangenheit liegenden, immer noch wirkenden Ereignissen zu erzählen.

Schokokuchen und Hygge

„Dann saßen wir da, Lilly und ich. Sie hatte Kaffee gekocht und einen Schokoladenkuchen gebacken, so einen, der in der Mitte weich ist.“ So harmlos beginnt die Erzählung „Hygge“, in der Nors die so trendige Vorstellung typisch dänischer Gemütlichkeit ad absurdum führt.

Dorthe Nors: „Die Sonne hat Gesellschaft“. Aus dem Dänischen von Frank Zuber. Kein & Aber, Zürich/Berlin 2020, 142 Seiten, 20 Euro

Lilly und der männliche Ich-Erzähler kennen sich aus dem Seniorenklub, und jetzt will Lilly es sich mit ihm „so richtig gemütlich“ machen. Der Geruch, ihre Hand „unter meinem Hosenbund, und sie wollte meine Hand“ – das katapultiert den Erzähler in die Kindheit, in eine ähnliche Szenerie mit seiner Tante Clara, „mit ihren Fingern in meinem Nacken“.

Und dann überblendet Nors die Zeitebenen, unvermittelt springt ein Satz in die Vergangenheit, ein anderer zurück in die Gegenwart. Oft ist es nur ein Wort, das dies kenntlich macht. Man muss genau lesen, denn bei Nors offenbaren wenige Worte, kurze undramatische Sätze Bedeutsames. So zeigt sie hier den Missbrauch des Jungen. Das verheißt nichts Gutes in der gegenwärtigen Situation.

Unruhe und aufsteigende Angst

Oft bewegen sich ihre weiblichen oder männlichen Figuren in weiten Landschaften. Oder aber sie sind in einer US-amerikanischen Stadt wie L. A. unterwegs, wie die Protagonistin in „Pershing Square“. Draußen die Hitze, vorm Hotel „haben sie einen Turm gebaut und eine Christbaumkugel obendrauf gesetzt. Ein seltsamer, sinnloser Turm, denkt sie“: Die Unruhe, die aufsteigende Angst ihrer Figur spiegelt die Autorin in deren Wahrnehmung der Stadt. Der sinnlose Turm ist dabei ein wiederkehrendes Bild, das ihrer Orientierungslosigkeit entspricht.

Es geht auch um ihr Verhältnis zu Männern und das zwischen Männern und Frauen allgemein. Konkreter wird Nors hier nicht, aber das ist kein Makel.

Ebenso wenig wie in „Zwischen den Filialen“. Ein Geschäftsmann auf Reisen, die sich gleichenden Gespräche in den identisch aussehenden Filialen eines ungenannt bleibenden Unternehmens. Routine, Kontrolle, Sauberkeit sind ihm wichtig. Doch dann dieser wiederkehrende Traum von Vegetation, die „rings um mich und durch mich hindurch(wuchs)“, Wasser und der Vogel, der ihm unter einem weiten Himmel das Fleisch von den Rippen pickt.

Kindheit und Sehnsucht

Ein assoziativer Sprung in die Kindheit. Und zum Schluss seine Sehnsucht, sich in dem kräftigen Strom des schmutzigen Mississippi zu versenken, „aber nun saß ich dort am Ufer. Dann lag ich. Als ich eine Weile gelegen hatte, kam der Vogel.“

Manchmal benennt Nors die Probleme klarer, sie muss es aber nicht tun. Wie sie die Verfasstheit ihrer Figuren zeichnet, in genauen, manchmal zugleich beiläufig erscheinenden Sätzen ihre Verletzlichkeiten gleichsam diskret offenbart, das ist eine feine, konzentrierte Erzählkunst.

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