Dorfkrimi von und mit Bjarne Mädel: Monk mit Aussicht

Der Schauspieler Bjarne Mädel hat in dem Film „Sörensen hat Angst“ erstmals auch die Regie übernommen. Ist ihm das gelungen?

Bjarne Mädel mit Hund Cord vor Wattenmeer.

Sörensen (Bjarne Mädel) mit Hund Cord Foto: Michael Ihle/NDR

Bjarne Mädel wurde bekannt in der Rolle des Mobbingopfers Ernie in der Fernsehserie „Stromberg“. Er wurde etabliert als Polizeiobermeister Dietmar („Bär“) Schaeffer in „Mord mit Aussicht“. Er wurde Kult als „Tatortreiniger“ Schotty. Was soll man als Schauspieler danach noch machen?

Erstens: die Chancen ergreifen, nicht in eine Schublade gesteckt zu werden oder wenigstens nicht darin stecken zu bleiben. Die genannten Serienfiguren waren ja allesamt veritable Schluffis. Gegen dieses Image hat Mädel erst vor gut zwei Wochen in dem filmischen Ferdinand-von-Schirach-Doppel­whopper „Feinde“ angespielt. ­„Bestürzender Murks“ und „viele Stunden schlechtes Fernsehen“ hatte die Kollegin von der FAZ darüber geschrieben. Aber die darstellerische Leistung Mädels in der Rolle des harten Bullen, der, um ein entführtes Mädchen zu retten, zum verbotenen Mittel der Folter greift, wurde doch recht einhellig gelobt.

Zweitens: die Möglichkeiten nutzen. Tun, was keine Geringeren als Clint Eastwood, Sylvester Stallone und Kevin Costner, nicht zu vergessen George Clooney – oder in Deutschland, nun ja: Til Schweiger – vor ihm getan haben. In den Regiestuhl wechseln. Wie dieser Wechsel bei Mädel aussieht, kann man sich heute Abend in „Sörensen hat Angst“ (Buch: Sven Stricker) angucken. Es ist Mädels Regiedebüt.

Sörensen hat also Angst. Sörensen – gespielt übrigens von dem Schauspieler Bjarne Mädel – hat eigentlich immer Angst, weil er nämlich an einer Angststörung leidet: „Und dann suchst du dir einen Job, in dem du auf keinen Fall Angst haben darfst, um dich dagegen zu behaupten, verstehst du. Also wirst du Polizist.“ Schon wieder ein Bulle. Aber was soll man machen in einem Land, in dem gefühlt 78 Prozent aller Fernsehfilme Krimis sind. Nur scheint einem dieser hyperneurotische Sörensen, so kurz nach „Feinde“, ein Rückfall in die alten Serienrollen zu sein, ärger noch: eine extreme Steigerungsform aller bisher bekannten Bjarne-Mädel-Schluffis.

Zahlreiche Phobien

Es ist schon wahr: Im zeitgenössischen Krimi haben die pathologisch auffälligen Ermittler den harten Bullen von einst längst den Rang abgelaufen. Man denke etwa an Saga Norén mit ihrem Asperger-Syndrom („Die Brücke“). Oder natürlich an „Monk“ mit seinen zahlreichen Phobien und einer Zwangsstörung.

„Sörensen hat Angst“, ARD, Mittwoch, 20.01.21, 20:45 Uhr

Bei Sörensen ist es, unter anderem, Hyperakusis, die krankhafte Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen. Also nichts wie raus aus dem Großstadtmoloch Hamburg und ab nach Katenbüll im Landkreis Brake: „Ja, ist alles sehr überschaubar bei uns, ne. Manchmal passiert auch tagelang gar nichts“, erklärt die neue Kollegin Jennifer („Jenni“) Holstenbeck (Katrin Wichmann). „Das ist genau der Grund, warum ich hier bin“, freut sich Sörensen, natürlich zu früh: „Der Hinrichs sitzt tot in seinem Stall“, hat der zweite neue Kollege (Leo Meier) gerade erfahren.

Tatsächlich erinnern dieser Malte („Kriminalkommissaranwärter, erstes Behördenpraktikum“) und Jenni schon sehr an Dietmar Schaeffer (gespielt von Bjarne Mädel) und Bärbel Schmied, die beiden Sidekicks der in das Eifel-Kaff Hengasch abgeschobenen Kommissarin aus „Mord mit Aussicht“. „1 A Landeier“ (so der Titel der 169. „Polizeiruf“-Folge) sind ein beliebtes Krimimotiv. Da ist die Welt (des Verbrechens) quasi noch in Ordnung.

Dass einem all die ländlichen Verschrobenheiten so bekannt vorkommen, ist aber nur das kleinere Problem von „Sörensen hat Angst“ (über das die Nebenrollenbesetzung mit Ausnahmeschauspielern wie Anne Ratte-Polle, Matthias Brandt, Peter Kurth hinweghelfen könnte).

Kein heimeliger Mord

Das viel größere Problem besteht darin, dass sich die Ermordeten – es bleibt nicht bei dem einen – schließlich als Mitglieder eines Rings von Gewalttätern und Kinderpornografen erweisen. Ja, das gibt es auch auf dem platten Land, wie wir spätestens seit Lügde sicher wissen. Nur tut sich da, in dem Film, ein unüberbrückbarer Abgrund auf zwischen den lustigen Witzfiguren und diesem härtesten aller Filmsujets überhaupt (in der ARD etwa verhandelt in „Operation Zucker“).

Sexuelle Gewalt gegen Kinder ist kein heimeliger Mord (ob mit oder ohne Aussicht), da hört der Spaß auf. Wenn schon nicht der Regiedebütant Bjarne – der erfahrene Schauspieler Mädel hätte das wohl wissen können.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de