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„Donroe“-DoktrinWem gehört Grönland? Wem Kuba? Und wem Taiwan?

Donald Trumps Imperialismus endet nicht in Venezuela. Wie die Be­woh­ne­r:in­nen umkämpfter Inseln selbst auf die aktuellen Entwicklungen blicken.

Ein Schiff der dänischen Marine vor Grönland bei Nuuk Foto: Ahmet Gürhan Kartal/Anadolu Agency/imago
Inhaltsverzeichnis

Grönland

Eine Geisel im Spiel der Großmächte: So sieht Masaana Egede seine Heimat Grönland. Mit dem Gefühl, es würde über ihre Köpfe hinweg über sie verhandelt, habe die Bevölkerung schon im Verhältnis zu Dänemark lange gekämpft. „Jetzt sind es andere, die über Grönland sprechen und nicht mit Grönland“, sagte der Journalist am Dienstag dem dänischen Rundfunk DR. Seit dem ersten Januarwochenende ist das Sprechen über Grönland mal wieder eskaliert.

Dass US-Präsident Donald Trump die arktische Insel „haben“ will, war bekannt. Aber von der Offenheit, mit der er und seine Gefolgsleute diese Anspruchshaltung kurz nach der US-Militäroperation in Venezuela zur Schau stellten, seien dann doch alle überrascht worden, auch die Dänen, sagt Professor Robin Allers von Hochschule der norwegischen Armee der taz. „Das Beängstigende ist, dass sich da jetzt ein kohärentes Bild ergibt – von einem Auftrag Trumps, den seine Mitarbeiter umsetzen: Arbeitet mir einen Plan aus, wie wir Grönland kriegen“.

Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen hatte nach mehreren entsprechenden Äußerungen aus den USA vergangene Woche den Ton verschärft. Sie erinnerte den Nato-Partner daran, dass er nicht das Recht habe, fremdes Territorium zu annektieren – und dass das Königreich Dänemark, zu dem Grönland gehört, unter dem Schutz der Nato stehe.

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Jens Frederik Nielsen, Grönlands Regierungschef, ist einerseits um demonstratives Zusammenstehen mit dem einstigen Kolonialherren Dänemark bemüht. Zugleich hob er Grönlands eigene Stärken und Interessen hervor.

Als am Dienstag mehrere große Nato-Länder, darunter Deutschland, in einer Erklärung betonten, die Sicherheit der Arktis sei gemeinsame Nato-Aufgabe und Grönland gehöre dem grönländischen Volk, bedankte sich Jens-Frederik Nielsen in einem Facebook-Post – und ordnete es als Erfolg des eigenen diplomatischen Engagements im vergangenen Jahr ein.

Die dänische Premierministerin Mette Frederiksen bei einem Besuch in Grönland im April 2025 Foto: Tom Little/reuters

Eine klare Botschaft aus Nuuk war seit Beginn der Causa Trump: Grönland ist nicht zu verkaufen. Das wird dort so oft wiederholt wie es von den USA ignoriert wird. Zu den vom Weißen Haus jetzt aufgezählten Optionen, die „zur Erreichung dieses wichtigen Außenpolitischen Ziels“ geprüft würden, gehört wieder die eines Kaufangebots. Gleichzeitig wird ein militärisches Vorgehen als Option offen gehalten.

Was Grönlands Regierungschef Nielsen seinerseits den USA anbietet, ist ein Dialog über erweiterte Zusammenarbeit und Handel. Der müsse aber respektvoll und über die korrekten diplomatischen und politischen Kanäle geführt werden – sowie „unter Anwendung bereits existierender Foren, die auf bereits existierenden Verträgen mit den USA beruhen“.

Auf die dänisch-amerikanische Verteidigungsabsprache von 1951, die 2003 mit grönländischer Beteiligung erneuert wurde, weist auch Dänemark immer wieder hin. Sie räumt den USA weitreichende Möglichkeiten der militärischen Präsenz in Grönland ein – was Trump aber offenbar nicht mehr ausreicht.

Sicherheitsexperte Allers meint, Trumps Argument vom nötigen US-militärischen Schutz der Arktis sei nur vorgeschoben. „So, wie es sich jetzt darstellt, will Trump vor allem das Territorium der USA vergrößern. Er will seinen Namen in Zusammenhang mit diesem Landgewinn sehen.“

Statt über Verbesserungen der alten Absprachen in Dialog zu treten, schickten Trump und seine Leute ihre Grönland-Ansichten bislang öffentlich in Richtung Norden. „Anrufe von unseren Politikern nehmen sie nicht an, aber äußern sich gerne auf Social Media – natürlich fühlt sich das so an, als ob es über unser Köpfe hinweg geschieht“, empört sich der grönländische Journalist Egede.

Doch das könnte sich ändern: Am Donnerstag traf ein Trump-Berater Gesandte aus Dänemark und Grönland. Kommende Woche will US-Außenminister Marco Rubio mit der dänischen Seite reden.

Bei täglich neuen Entwicklungen und viel Aufregung ist Regierungschef Nielsen darauf bedacht, die kleine Bevölkerung des riesigen Landes zu beruhigen. „Grönland kann und darf nicht mit Venezuela oder anderen Ländern verglichen werden, die von Chaos und Diktatur beherrscht sind“, schrieb er auf Facebook. „Wir sind eine offene, demokratische Gesellschaft mit starken Institutionen. Unsere Entscheidungen werden hier getroffen.“ Niemand werde kommen und Grönland übernehmen.

Was die grönländische Bevölkerung eint, ist die Forderung nach Respekt und die Abneigung dagegen, Spielball der Weltpolitik zu sein. Es gefällt niemandem, wenn Trump-Berater Stephen Millersagt, dem US-Militär würde sich auf Grönland niemand in den Weg stellen, „da leben gerade mal 30.000 Menschen!“ – zumal es mehr als 56.000 sind. Wie es weitergehen soll, darüber herrscht in der Bevölkerung und in der Politik weniger Einigkeit.

Aki-Matilda Høegh-Dam von der Partei Naleraq sagt: „Wenn Grönlands Zukunft von Grönländern entschieden werden soll, müssen wir uns sicher sein, dass wir wissen, in welche Richtung wir fahren möchten.“ Ihre Partei, die eine schnelle Unabhängigkeit von Dänemark will, verdoppelte bei der Wahl im März 2025 – unter dem Eindruck der damaligen Grönland-Anwandlungen Trumps – ihren Stimmenanteil, blieb aber in Opposition.

Gesundheitssystem, Lebensmittelpreise, Bildung – wie löst man Grönlands Probleme am besten?

Die Trump-Regierung verspricht gelegentlich, dass es den Menschen als Teil der USA besser gehen würde als im Königreich Dänemark. Um die große Mehrheit für sich zu gewinnen, müsste sie aber wohl erstmal an ihrem Tonfall arbeiten.

Kuba

Ein Moskitobekämpfer schaut im Fernsehen einen Bericht über die Entführung von Venezuelas Präsident, Havanna, Kuba, 6. Januar Foto: Ramon Espinosa/ap

Juan Elias Navarro glaubt nicht an eine US-Intervention in Kuba. „Hier ist doch kaum etwas zu holen“, sagt der kritische Blogger aus Santiago de Cuba und winkt ab. Das lohne sich anders als in Venezuela nicht. Er gibt nichts auf die Worte von US-Außenminister Marco Rubio, der seit Jahren keinen Hehl daraus macht, dass er die sozialistische Führung in Havanna fallen sehen will.

Kein Wunder, denn Rubio ist selbst Sohn kubanischer Migranten, zählt zum erzkonservativen Spektrum der einflussreichen Kuba-Connection in der US-amerikanischen Politik. Für ihn ist die kubanische Revolution von 1959 ein „Unfall der Geschichte“.

Den würde der Jurist nur zu gern reparieren und dazu setzt der 1971 geborene Rubio seit Jahren auf die Verschärfung der US-Sanktionen. Die sind allerdings weitgehend ausgereizt, weshalb Rubio es begrüßt, dass die USA seit Dezember die venezolanischen Tanker auf dem Weg nach Kuba blockiert.

Das verschärft die latente Energiekrise auf der Insel, die seit Monaten das Leben der Ku­ba­ne­r:in­nen massiv beeinträchtig. Mit Stromabschaltungen von wenigen Stunden in Havanna und bis zu 21 Stunden in Cárdenas. Daran wird sich kaum etwas ändern. Zum einen ist die Regierung in Havanna hoch verschuldet, hat keine Devisen, um Erdölimporte für die marode Kraftwerksinfrastruktur zu bezahlen. Zum anderen zeigten selbst befreundete Nationen wie Mexiko, Russland, der Iran, China oder Vietnam wenig Lust eine marode Ökonomie zu stützen, die als „Eimer ohne Boden“ gilt.

Das könnte sich allerdings mit der US-Intervention in Caracas ändern, aus Solidarität, aber auch aus geostrategischen Überlegungen. Marc Rubio hat mehrfach mit dem Säbel gerasselt, zuletzt gesagt „wenn ich in Havanna leben und der Regierung angehören würde, wäre ich zumindest ein wenig beunruhigt“. Allerdings hält sein Chef, Präsident Donald Trump, eine Invasion in Kuba gar nicht für nötig. „Sie bekommen ihre ganze Unterstützung von Venezuela. (…) Es sieht so aus, als würde es einfach fallen.“

Das ist ein Szenario. Doch die USA scheinen die Bedeutung Venezuelas zu überschätzen. Zwar hat das Bruderland mal bis zu 100.000 Barrel Erdöl täglich nach Kuba verschifft, doch in den letzten zwölf Monaten waren es nicht viel mehr als 10.000 Barrel, sagt Omar Everleny Pérez, ein Sozialwissenschaftler aus Havanna.

Mexiko ist partiell in die Bresche gesprungen und könnte es wieder tun, genauso wie Brasilien so Pérez. „Beide Länder könnten kubanisches Personal aufnehmen, welches aus Venezuela zurückkehrt und dort im Gesundheits-, aber auch im Sozialsektor arbeitete“. Das ist zwar nur eine Option, sie könnte allerdings die autokratische Regierung in Havanna über Wasser halten. „Zudem könnte die Regierung von

Präsident Miguel Díaz-Canel auf ökonomische Reformen setzen und die im Oktober initiierten Maßnahmen zur partiellen Öffnung der Wirtschaft vertiefen“, sagt Omar Everleny Pérez.

Allerdings igelte sich Kubas Führung bislang bei Druck eher ein. Eine US-Intervention hält auch Everleny Pérez für wenig wahrscheinlich. Eine militärische US-Intervention hält jedoch auch Everleny Pérez für wenig wahrscheinlich. Dafür seien die familiären Bindungen über die Straße von Florida hinweg zu eng.

Taiwan

Ein Schiff der Küstenwache im Hafen der taiwanesischen Stadt Keelung Foto: Ann Wang/reuters

Die US-Militärintervention gegen Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro hat in Taiwan Sorgen ausgelöst, diese könne China zur Invasion der Insel ermuntern. Peking sieht die international isolierte Inselrepublik als abtrünnige Provinz und droht mit gewaltsamer Vereinigung. Taiwans Peking-freundliche Oppositionspartei Kuomintang (KMT) wirft der Regierung der liberalen Demokratischen Fortschrittspartei (DPP) Doppelmoral vor: „Als Russland die Ukraine angriff, haben wir die Aggression kritisiert,“ sagt der KMT-Abgeordnete Lai Shih-Pao. „Warum kritisieren wir jetzt nicht die USA?“

Das Außenministerium in Taipeh erklärte bisher nur, es beobachte die politische und wirtschaftliche Lage in Venezuela, inklusive seiner Rolle im internationalen Drogenhandel und der humanitären Krise unter der autoritären Regierung. Taiwan kooperiere mit allen demokratischen Verbündeten der Region mit dem Ziel regionaler und globaler Sicherheit, der Stabilität und des Wohlstands. Kritik an Taiwans wichtigstem Sicherheitspartner USA gab es nicht.

Anhänger der regierenden DPP, die langfristig die Unabhängigkeit der Insel anstrebt, verwahren sich gegen einen Vergleich mit Venezuela. „China ist nicht die USA und Venezuela ist nicht Taiwan,“ sagt der DPP-Abgeordnete Wang Ting-Yu. „Hätte China gekonnt, hätte es doch [im Fall Taiwans] längst gehandelt.“ Andere sagen, bei Drogenhandel und autoritärer Herrschaft sei China Venezuela viel ähnlicher als Taiwan. Dessen Präsident sei im Unterschied zu Maduro vom Volk gewählt.

Zwar kann Peking auf die US-Interventon in Venezuela verweisen, wenn es künftig Kritik an seinem Verhalten gegenüber Taiwan zurückweisen will. Doch Peking besteht darauf, dass Taiwan eine innenpolitische Angelegenheit ist, in die sich niemand einmischen dürfe. Deshalb ist auch China gegen Vergleiche zwischen Venezuela und Taiwan.

Peking wirft zwar den USA jetzt Völkerrechtsbruch vor. Doch fördert das Chinas Aggression gegenüber Taiwan? „Glauben Sie wirklich, China wartet auf eine Erlaubnis der USA? Selbst wenn Donald Trump nettester US-Präsident aller Zeiten wäre und penibel das Völkerrecht einhielte, würde Peking doch nicht aufhören, Taiwan zu tyrannisieren,“ meint Julien Oeuillet von Radio Taiwan International.

Laut <i>Taipei Times</i> gibt es in Taiwan drei Einschätzungen der der US-Intervention in Venezuela 1. Damit konzentrieren sich die USA auf ihre eigene Hemisphäre und ziehen sich aus andere Regionen zurück. Deshalb könne sich Taiwan nicht mehr auf den Schutz der USA verlassen und müsse sich mit Peking einigen, wie es die KMT fordert. 2. Die Intervention sei eine Warnung an „Unruhestifter“ in Amerika wie Kolumbien, Kuba und Mexiko, aber auch an Unterstützer wie China. 3. Die Gefangennahme von Chinas Partner Maduro ist ein Dilemma für Peking. Das Vorgehen der US-Spezialtruppen zeige Washingtons Stärke und Pekings Schwäche einschließlich von Venezuelas ineffektiver Luftabwehr aus chinesischer Produktion.

Das präzise Vorgehen des US-Militärs in Venezuela beruhigt manche Taiwaner:innen: „Taiwans wichtigster Sicherheitspartner kann eine actionfilmreife Operation durchführen, während China nur seine Schiffe kreisen und Raketen ins Wasser schießen kann,“ schrieb Oeuillet. Damit spielte er auf Chinas großes Seemanöver zum Jahresende an, mit dem es eine Blockade Taiwans übte.

Auch viele Chi­ne­s:in­nen zeigten sich in den sozialen Medien beeindruckt von der US-Operation gegen Maduro und forderten, China solle einen ähnlichen Enthauptungsschlag gegen Taiwan durchführen. Taiwans Vizeverteidiungsminister erklärte, man sei darauf vorbereitet. Doch dürfe die KMT nicht länger die Erhöhung des Verteidigungsetats blockieren. Das Geld werde zur Verbesserung der Luftabwehr gebraucht. Beobachter sehen Chinas Militär noch nicht so präzise agieren wie die US-Truppen bei Maduros Kidnapping. Höchstens könnten sie Taiwans Präsidenten töten.

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