Dokumentarfilm „Summer of Soul“: Nach dem Sommer der Liebe

Der Dokumentarfilm „Summer of Soul“ des Musikers Questlove macht Bilder des Harlem Cultural Festival von 1969 zugänglich.

Nina Simone sitzt am Piano und schaut auf.

Nina Simone beim Harlem Cultural Festiva Foto: Disney

Man nennt es das „Black Woodstock“. Die zeitliche Nähe legt das nahe, da das Harlem Cultural Festival parallel zum „weißen“ Woodstock im Sommer des Jahres 1969 lief. Die beiden Orte liegen bloß 100 Meilen voneinander entfernt. Auch die Besucherzahlen im Mount Morris Park in Harlem waren beachtlich. Zu den sechs Gratiskonzerten kamen insgesamt knapp 300.000 Zuhörer, in Woodstock waren es rund 400.000. Als ebenbürtiger Begriff eingeprägt hat sich das Gipfeltreffen schwarzer Musiker dennoch nicht. Immerhin gab es 2019 in Harlem ein Jubiläumskonzert.

Die Konzerte wurden 1969 ausführlich in Bild und Ton festgehalten, doch gab es davon bisher sehr wenig zu sehen. Für die früheren Versuche des verantwortlichen Regisseurs Hal Tulchin, etwa einen Fernsehfilm daraus zu machen, fand sich nie genügend Geld.

Jetzt hat sich der Musiker und Produzent Ahmir „Questlove“ Thompson, Schlagzeuger der HipHop-Band The Roots, der Aufnahmen angenommen und sie in seinem Regiedebüt zu einem zweistündigen Dokumentarfilm zusammengestellt.

Das Ergebnis ist ein wunderbarer Musikfilm, in dem Nina Simone, Mahalia Jackson, Stevie Wonder, Mavis Staples, BB King und Sly Stone in Hochform zu erleben sind. Questlove hat sich allerdings nicht darauf beschränkt, seine Kollegen bei der Arbeit zu zeigen. Besucher von damals kommen ebenfalls zu Wort, erinnern sich mit 50 Jahren Abstand an ihre Erlebnisse, auch einige der aufgetretenen Künstler, sofern noch am Leben, geben Kommentare aus heutiger Sicht.

Zeit der Spannungen

Der Film zeichnet damit in knappen Strichen ein Bild der Lage der Afroamerikaner in den sechziger Jahren, erzählt nebenbei von Unruhen und schildert den Hintergrund des Festivals. Es diente neben der Feier einiger der größten Musiker des Planeten zugleich als Mittel, um sozialen Frieden zu sichern.

„Summer of Soul (… Or, When the Revolution Could Not Be Televised)“. Regie: Ahmir „Questlove“ Thompson. USA 2021, 117 Min. Läuft auf Disney Plus und Sky Ticket

Auf der Bühne stand der Leiter des Festivals, der charismatische Sänger Tony Lawrence, um in eleganter Garderobe die Musiker anzukündigen, diskret in Bühnennähe wachten Mitglieder der Black Panthers. Diese hatte Lawrence mit der Sicherheit beauftragt, nachdem die New Yorker Feuerwehr diese Aufgabe nicht hatte übernehmen wollen. Anders als bei den Hells Angels, die diesen Job im Dezember desselben Jahres im kalifornischen Altamont für die Rolling Stones erledigten, kam beim „Black Woodstock“ niemand durch die Sicherheitskräfte zu Tode.

Auf der Bühne zu erleben sind Stimmen wie der 19-jährige Stevie Wonder, der gerade erst begonnen hatte, sich auch als Beobachter gesellschaftlicher Entwicklungen zu begreifen, was sich später in Alben wie „Innervisions“ niederschlagen sollte. Expliziter sowohl in ihren Texten als auch in der psychedelisch aufgeheizten Musik geben sich Sly & the Family Stone. Was ein Zuschauer im Rückblick schwer zu verdauen fand, war der Umstand, dass mit Greg Errico ein Weißer „ausgerechnet“ am Schlagzeug saß.

Am deutlichsten fällt die Botschaft bei Nina Simone aus. Die Sängerin und Pianistin trug in Harlem nicht bloß zum ersten Mal ihren Empowerment-Song „To Be Young, Gifted, and Black“ vor, sondern bot zudem eine Spoken-Word-Performance, in der sie ihre fellow people direkt fragte: „Are you ready to kill?“ Die sozialen Spannungen, wird spätestens da deutlich, schlugen sich längst in radikalen Positionen nieder. Nina Simone beließ es bekanntlich bei Worten.

Dass „Summer of Soul“ dem Festival mit so großer Verspätung ein Denkmal setzt, dürfte sogar zusätzlich zur Wirkung des Films beitragen. Ist er doch ein indirekter Kommentar zur Black-Lives-Matter-Bewegung, in dem es gerade nicht um Gewalt, sondern um friedliche Selbstbehauptung von Afroamerikanern geht. Was an dieser Selbstbehauptung bisher fehlte, war die Sichtbarkeit. Das hat Questlove nachgeholt.

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