Dokudrama über Heinrich Vogeler: Der verträumte Stalinist

Marie Noëlles Film „Heinrich Vogeler – Aus dem Leben eines Träumers“ erzählt von der Wandlung des Jugendstilmalers zum Sowjetkünstler.

Die Schauspieler Florian Lukas und Johann von Bülow in einer Filmszene im Freien.

Florian Lukas als Heinrich Vogeler und Johann von Bülow als dessen Freund Rainer Maria Rilke Foto: Benjamin Eichler

BREMEN taz | Er war ein Star der Worpsweder Künstlerkolonie, der Traumprinz des Jugendstils. Oder eben ein „kleinbürgerlicher Romantiker“. So nennt sich Heinrich Vogeler selbst in dem Film „Heinrich Vogeler – aus dem Leben eines Träumers“. Zwar hat ihm Regisseurin Marie Noëlle diese Worte in den Mund gelegt, aber die den gesamten Film durchziehenden eingesprochenen Erinnerungen basieren auf verschiedenen, nicht beendeten Selbstbiografien und Briefen des Künstlers.

Noëlle legt hier gleich in den ersten Minuten ihres Films einen Keim, der die Unruhe spürbar werden lässt, die Heinrich Vogeler sein Leben lang anzutreiben scheint. Dabei schafft er sich in dem kleinen Dorf Worpswede bei Bremen in den 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts ein Utopia der Künste.

Alles, was er anfasst, wird durch Schönheit geadelt. Seine gemalten Idyllen, die (jugend-)stilbildenden Grafiken, der Barkenhoff, der nach seinen Entwürfen umgebaut wurde. Mit der Dorfschönheit Martha führt er ein glückliches Familienleben, mit Rainer Maria Rilke hat er einen Freund, der ihn intellektuell und künstlerisch herausfordert – mit Ludwig Roselius schließlich einen großzügigen Mäzen.

Und der Film feiert diesen frühen Höhepunkt von Vogelers Karriere. Marie Noëlle hat an den Originalschauplätzen gedreht und lässt Florian Lukas als Vogeler sowie Anna-Maria Mühe als seine Frau Martha romantisch durch den Regen in den Wiesen laufen. Er kniet als mittelalterlicher Ritter kostümiert vor ihr nieder. Sie schaut so glücklich versonnen wie auf seinen Bildern, für die sie sein Lieblingsmodell war.

Die Werke stehen für sich

Von den Spielszenen wird immer wieder zu Vogelers Gemälden, Zeichnungen und Grafiken geschnitten, und Marie Noëlle ist dabei so klug, diese Werke für sich stehen zu lassen und sie nicht, wie so oft in Malerporträts, mit der eigenen Kamera nachzubauen.

Man sieht auch nicht den Künstler mit dem Pinsel in der Hand und im Gegenschnitt dann das gerade fertiggestellte, möglichst berühmte Werk. Am Illusionskino ist Noëlle nicht interessiert. Deshalb ist ihr Film auf einer ganz anderen Ebene angesiedelt als der ebenfalls in Worpswede gedrehte Spielfilm „Paula“ über Paula Modersohn-Becker von Christian Schwochow aus dem Jahr 2016.

In einem offenen Brief hat Vogeler 1917 den deutschen Kaiser Wilhelm II. aufgefordert, den Krieg zu beenden

Hier verkörpern zwar auch Schau­spie­le­r*in­nen die historischen Gestalten, und Noëlle steckt sie auch in die passenden Kostüme, aber sie führt sie dadurch ein, dass sie sie mit lebensgroßen Papierdrucken von historischen Originalfotos ihrer Figuren kämpfen lässt. Diese „Starschnitte“ müssen sie zerreißen, durchstechen oder zerknüllen, um ihren Platz einzunehmen.

Auch sonst spielt Noëlle gern mit den Konventionen der historischen Künstler*innen­biografie. So lässt sie ihre Dar­stel­le­r*in­nen in historischen Kostümen an geparkten Motorrädern vorbei durch das Paris von heute laufen, und die zeitgenössische französische Künstlerin Sophie Sainrapt unterhält sich in ihrem Atelier mit Auguste Rodin, der von Samuel Finzi mit riesigem, angeklebtem und sicher historisch korrektem Bart gespielt wird.

Der Film „Heinrich Vogeler – Aus dem Leben eines Träumers“ startet im Vogeler-Festjahr aus Anlass des 150. Geburtstags am 12. 12. und des 80. Todestags des Künstlers am 14. 6.

Die vier Worpsweder Museen Barkenhoff, Große Kunstschau, Haus im Schluh und Worpsweder Kunsthalle würdigen ihn mit der Gemeinschaftsausstellung „Der Neue Mensch“ bis 6. 11.

Noch bis 15. 5. läuft eine Verlosung auf der Website vogeler22.de: Zu gewinnen ist eine Führung durch die von Vogeler gestaltete Güldenkammer im Bremer Rathaus.

Nein, Marie Noëlle hat keinen Spielfilm, sondern ein Doku­drama gedreht. Dieses Genre setzte sich im deutschen Fernsehen und Kino durch die Arbeiten von Heinrich Breloer durch („Das Beil von Wandsbeck“, „Wehner – die unerzählte Geschichte“, „Die Manns – ein Jahrhundertroman). Dessen Einfluss ist deutlich in „Heinrich Vogeler“ spürbar. Die Spielszenen wirken immer ein wenig artifiziell und die Dialoge bestehen eher aus Aussprüchen, die Informationen vermitteln sollen, statt dass mit ihnen eine glaubwürdige Gesprächssituation geschaffen würde.

Traumatisierende Kriegserfahrungen

Außerdem wird viel mit Archivmaterial gearbeitet und der Film ist gespickt mit Sequenzen aus Interviews, die mit Zeit­zeu­g*­in­nen oder Spe­zia­lis­t*in­nen geführt wurden. So hat zum Beispiel der Autor Klaus Modick mit „Konzert ohne Dichter“, einen Besteller über Vogeler und Rilke geschrieben, und im Film kommt er nun so oft zu Wort, dass er fast wie ein heimlicher zweiter Erzähler wirkt. Außer ihm werden gleich zwei Urenkelinnen von Vogeler, die Leiterin des Barkenhoffs, eine Kuratorin der Bremer Kunsthalle und viele andere Vo­gel­er­ken­ne­r*in­nen befragt.

Es gibt auch gelungene Stimmungsbilder wie jene Einstellung, in der Anna-Maria Mühe als Martha Vogeler im nächtlichen Worpswede von Vogelers Bildern heimgesucht wird. Sogar Kaiser Wilhelm II. hat einen Kurzauftritt, wenn er, gespielt von Helge Tramsen, trotzig auf einen offenen Brief reagiert, in dem Vogeler ihn 1917 dazu auffordert, den Ersten Weltkrieg zu beenden. Nach den traumatischen Kriegserfahrungen wird Vogeler immer mehr zum linken, schließlich kommunistischen Künstler.

Den Barkenhoff verschenkt er an die „Rote Hilfe“, die ihn in ein Kinderheim umfunktioniert. Und mit seinem Bewusstsein ändert sich seine Kunst. Als er 1931 in die Sowjetunion emigriert, malt er dort sogenannte Komplexbilder, die an die Montagetechniken der Futuristen oder des Fotografen John Heartfield erinnern. Und 1936 arbeitet er als Bühnenbildner an dem Film „Kämpfer“ von Gustav von Wagenheim mit.

In diesem Teil des Films macht Marie Noëlle durch eine beeindruckende Spielszene spürbar, unter welchem Druck die Exilanten in der Sowjetunion in den Zeiten von Stalins Säuberungen standen. Nach dem Überfall der Deutschen auf Russland wurde Vogeler zwangsweise nach Kasachstan umgesiedelt. Dort verelendete er so schnell, dass er 1942 an körperlicher Schwäche starb.

Marie Noëlle verklärt den Tod von Heinrich Vogeler mit dessen symbolischem Gang von der Dunkelheit ins Licht, und auch die Bilder aus glücklichen Zeiten, die an den Augen des Sterbenden vorbeiziehen, fehlen nicht. Dieses konventionelle Ende enttäuscht ein wenig, aber von solchen kleinen Schwächen abgesehen, ist ihr ein kluger, komplexer und künstlerisch inspirierter Film gelungen. Er wird dem Menschen Heinrich Vogeler gerecht – und auch seiner Kunst.

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