Diskussion über Frauen an der Macht: Brot für Tisch sieben

Warum wärmt es das Hirn, wenn man Gutes tut, Macht zu besitzen aber noch mehr? Und kann man ein gutes Gefühl auch essen?

Beate Zschäpe in Nahaufnahme, die Augen geschlossen

Hat brav das Essen auf den Tisch gebracht, wenn die Uwes vom Morden kamen: Beate Zschäpe Foto: Peter Kneffel/dpa

Sind Frauen bessere Menschen?“, fragt die Freundin und bestellt das Lammfilet.

„Meine Chefin nicht!“, sagt die PR-Beraterin.

„In deiner Branche gibt es keine guten Menschen, Werbung zielt immer auf Egoismus ab.“

„Auf Gier!“

„Woher zum Teufel kommt jetzt diese Gut-Böse-, Frauen-Männer-Klischeefrage in deinem Dötz?“

„Na, Pedro hat mir einen Artikel geschickt, dass viele frauengeführte Länder das besser hingekriegt haben mit der Coronakontrolle, während die USA, Brasilien etc. alle völlig im Eimer sind, wegen der irren Testosteron-Superspreader an der Macht!“

Der Freund mischt sich ein: „Nee! Das geht nicht, immer alles mit Testosteron zu entschuldigen! Dann könnte ich hier jetzt nämlich mein Glied rausholen, auf den Tisch pinkeln und sagen: ‚Oh sorry, mein Testosteron hat mich spontan übermannt.‘“

„Iiiiih, sag nicht Glied, das klingt schlimm.“

„Stimmt, bei Glied muss ich immer an Kastration denken.“

Der Freund richtet das Messer auf sie: „Sag nicht Kastration!“

„Beruhig dich, Frederik!“

„Ich bin immer der Ruhigste in dieser Runde. Und ich hab die vegane Pasta bestellt und du das kleine süße Lamm!“

„Aber du bist kein Veganer!“

„Aber auch kein Verdränger, das sind Frauen nämlich, das ist eure Art, das Böse global universal mitzutragen! Lamm essen ist mir als Mann zu brutal!“

„Verdrängerin bitte.“

„Wer ist überhaupt ein guter Mensch? Mal den Komparativ beiseitegelassen.“

„Margaret Thatcher nicht!“

„Ach, immer wird die als schlechtes Beispiel angeführt.“

„Beate Zschäpe auch nicht.“

„Die Nazilette hat immerhin die Katzen zu den Nachbarn gebracht, bevor sie alles abgefackelt hat.“

„Frauen performen ihre Schlechtigkeit anders.“

„Es reicht ihnen, für gut gehalten zu werden, im Zweifel zumindest von sich selber.“

„Und so halten sie jeden Drecksladen hübsch mit am Laufen!“

„Die Zschäpe hat immer schön geputzt und Abendessen hingestellt, wenn die Jungs vom Morden kamen.“

„Apropos, der Kellner könnte ruhig mal seinen Job machen und endlich Brot bringen, ich hab übel Unterzucker! Der Junge wird ja nicht für seinen guten Hintern bezahlt.“

„Sexistin.“

„Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“

„Genau so ist es. Die Hochglanz-Nutten, die Typen in Machtpositionen heiraten, wollen eigentlich nur ihr Leben lang Menü essen und dann werden sie aus Langeweile wohltätig.“

„Vielleicht fühlen die sich einfach gut dabei, Gutes zu tun, egal, wie dünn, operiert und gruselig geschminkt die aussehen.“

„Ich fühl mich auch gut, wenn ich Gutes tue.“

„Wenn dir dabei jemand zusieht.“

„Nee, auch ganz heimlich.“

„Aha, was tust du denn heimlich Gutes?“

„Das ist geheim, ich prahle nicht.“

„Die Wissenschaft sagt: Gutes tun wärmt das Hirn mit guten Hormonen.“

„Warum ist die Welt dann so ein übler Laden?“

„Weil Macht dem Hirn noch besser gefällt!“

„Es geht immer nur um Ausschüttung, der Mensch ist nichts als ein kapitalistisch-hormonelles System.“

„Ich brauch jetzt echt mal ein Stück Brot! Es gibt nichts Gutes, außer man isst es.“

Jasmin Ramadan ist Schriftstellerin in Hamburg. Ihr letzter Roman „Hotel Jasmin“ ist im Tropen/Klett-Cotta Verlag erschienen. Sie war für den diesjährigen Bachmann-Preis nominiert. In der taz verdichtet sie im Zwei-Wochen-Takt tatsächlich Erlebtes literarisch.

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