Diskriminierte Sin­ti*z­ze und Rom*­nja: „Wir haben nur noch Angst“

In Bockenem wird eine Sinti*zze- und Rom*nja-Familie auf ihrem Parkplatz drangsaliert. Am Sonntag fielen Schüsse aus einer Schreckschusspistole.

Ein Parkplatz mit Autos und Wohnwägen

Endstation nach langer Suche: der Parkplatz der Sin­ti*z­ze und Rom*­nja im Landkreis Hildesheim Foto: Michael Vollmer

HANNOVER taz | Zwei Schüsse hallten am Sonntagmittag durch die Luft in Bockenem, einer 10.000-Einwohner*innen-Stadt im Landkreis Hildesheim. Ein junger Mann hatte im Vorbeifahren vom Beifahrersitz eines Autos eine Schreckschusspistole abgefeuert, als er am Rasthof einer Aral-Tankstelle an der A7 vorbeifuhr. Obwohl die Staatsanwaltschaft Hildesheim das nicht so sieht, liegt die Vermutung nahe, dass die Schüsse Einschüchterungsversuche gegenüber einer Familie Sin­ti*z­ze und Rom*­nja sein sollten, die auf dem Rasthof Stellplätze gemietet hatte. Unter ihnen waren wohl auch Überlebende der Verfolgung in der NS-Zeit.

Seit Wochen findet die etwa 70-köpfige Familie nun keinen vorübergehenden Stellplatz für ihre 26 Wohnwagen und Transporter. Nach einer Zeit in Bielefeld zog sie zunächst nach Hameln. Nachdem sie dort aber nicht bleiben konnte, wollte die Gruppe einen derzeit ungenutzten Veranstaltungsplatz in Hildesheim mieten. Der Pächter konnte den Platz jedoch nicht zur Verfügung stellen, weil er schon einem anderen Mieter versprochen war. So strandeten die Sin­ti*z­ze und Rom­n*ja auf dem Parkplatz eines Freibads westlich von Hildesheim.

Der dortigen Gemeinde Nordstemmen war das aber nicht recht. Das Ordnungsamt stellte ein Ultimatum zum Verlassen des Schwimmbadparkplatzes und drohte mit Platzverweisen. Auch regionale Medien berichteten über den Aufenthaltsort der Familie und über vermeintliche Verstöße gegen die Maskenpflicht innerhalb der Gruppe.

Damals sagte der Sprecher der Familie, Josef Jim, gegenüber der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung: „Wir haben nur noch Angst.“ Er berichtete von Passant*innen, die riefen, die Familie solle verschwinden, und die Familienmitglieder jagten. Die Behörden seien in der Situation auch keine große Hilfe gewesen, sagte Jim.

Daraufhin verließ die Familie den Freibadparkplatz und mietete den Aral-Parkplatz an der A7 in Bockenem. Doch auch dort sollte keine Ruhe für die verfolgte Minderheit einkehren. Kaum war die Familie angekommen, sprach sich ihr Aufenthalt herum. Das gesamte Wochenende über soll es zu Anfeindungen gekommen sein.

Mario Franz, niedersächsischer Verband deutscher Sinti e.V.

„Die Tendenz zum Antiziganismus hat in den letzten Jahren in besorgniserregendem Maß zugenommen“

Die Hildesheimer Allgemeine Zeitung berichtet, An­woh­ne­r*in­nen seien hupend um den Aufenthaltsort der Familie herum gefahren, von Beschimpfungs- und Hasstiraden ist die Rede. Mehrfach kam die Polizei wegen Ruhestörungen, Bedrohungen und Sachbeschädigungen, wie ein Beamter der lokalen Polizeiinspektion der taz bestätigte. An­woh­ne­r*in­nen hatten den Notruf gerufen, weil sie sich von den Pöbeleien durch die Bockenemer gestört fühlten. Die Be­am­t*in­nen sprachen mehrere Platzverweise aus. Der Gipfel des antiziganistischen Momentums in Bockenem war am Sonntagmittag mit den Schüssen in die Luft erreicht.

Nur ein „dummer Jugendstreich“ sei das gewesen, behaupten der ermittelte Schütze und der Fahrer des Wagens bei der Polizei. Die ist nachsichtig mit den 24-Jährigen und sieht von einer Hausdurchsuchung ab, da die Waffe freiwillig übergeben worden sei. Das bestätigt die zuständige Staatsanwaltschaft Hildesheim. Sie ermittelt lediglich wegen eines Verstoßes gegen das Waffengesetz. Ein politisches Motiv will die Sprecherin Christina Wotschke nicht erkennen.

Andreas Glock, der Bürgermeister von Bockenem verurteilte die Tat scharf: „Das geht gar nicht“, sagte er der taz am Telefon. Ein Problem mit extrem Rechten gäbe es seiner Meinung aber nicht in der Kleinstadt.

Für Mario Franz, Vorstand des Niedersächsischen Verbands deutscher Sinti e.V., kommen die Anfeindungen wenig überraschend, seien deswegen aber nicht weniger erschreckend. Europaweit gehörten sie zum Alltag der Sin­ti*z­ze und Rom*nja. „Anhand der Diskriminierungsfälle, die uns in der niedersächsischen Beratungsstelle für Sin­ti*z­ze und Rom*­nja zugetragen werden, lässt sich erkennen, dass die Tendenz zum Antiziganismus in den letzten Jahren in besorgniserregendem Maß zugenommen hat.“

Am Montagnachmittag war von den Betroffenen auf dem Rasthof keine Spur mehr zu finden. In einer Bockenemer Facebookgruppe wird derweil weiter gehetzt. Wo die Sin­ti*z­ze und Rom­n*ja jetzt sind, ist unklar.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de