Dirk Ahrens über schwule Heidekönige: „Wir machen Werbung für queere Menschen“
Demnächst wird wieder ein schwuler Heidekönig inthronisiert. Er soll für die Akzeptanz queeren Lebens auf dem Land eintreten.
taz: Herr Ahrens, der Titel „Schwuler Heidekönig“ klingt ja wie eine queere Parodie auf die verschiedenen Heideköniginnen in der Region. Aber Sie meinen es ernst.
Dirk Ahrens: Durchaus – und das seit 26 Jahren! Das Ehrenamt wurde im Jahr 2000 von der Aidshilfe ins Leben gerufen. Damals wurde überlegt, wie man auf HIV und Safer Sex aufmerksam machen konnte. Und dann haben die gemerkt, dass es rundherum all diese Majestäten gibt. Also kreierten sie einen schwulen Heidekönig.
taz: Damals waren das ja zum Teil ziemlich wilde Majestäten.
Dirk Ahrens: Zu der Zeit wurden wir ja nur auf queere Veranstaltungen eingeladen. Deshalb gingen die Königsuniformen eher in die Richtung Fetisch. Da gab es Könige, die halbnackt mit freiem Oberkörper und nur mit der übergeworfenen Schärpe durch die Lande gefahren sind. Das waren Könige in Lack und Leder, und einer davon hatte auch eine goldene Badehose.
taz: Aber wie ist der König dann seriös geworden?
Dirk Ahrens: 2013 hat die Aidshilfe aufgehört, die Veranstaltung zu organisieren. Da haben wir am schwulen Stammtisch gesagt, dass der König nicht sterben darf. Wir haben das auf privater Ebene weitergeführt. Und wir haben dem König ein etwas anderes Bild gegeben, weil das Thema HIV zu der Zeit ja ein wenig in den Hintergrund getreten ist. Von da an sollte der König für Akzeptanz eines queeren Lebens auf dem Land eintreten.
taz: Wie ist er denn hoffähig geworden?
Dirk Ahrens: Wir kamen auf die Idee, dass wir uns in die Adelsliste der Produktköniginnen eintragen lassen, bei der alle Majestäten Deutschlands vertreten sind. Dadurch wurden wir im Jahr 2017 zum ersten Mal zur Inthronisierung der Heidekönigin von Amelinghausen eingeladen. Wir werden inzwischen von den anderen Majestäten ganz gut angenommen und fahren auch zu deren Festivitäten.
taz: Was bedeutet das?
Dirk Ahrens: Wir reisen nach Fehmarn zur Rapsblütenkönigin oder zur Kartoffelkönigin nach Bad Bevensen. Das sind alleine schon so um die dreißig Auftritte, die der König da macht. Man besucht sich also gegenseitig und macht dabei Werbung für seine Region oder sein Produkt. Und wir machen Werbung für queere Menschen.
In Lüneburg wird am 14. Februar der neue schwule Heidekönig inthronisiert
taz: Inzwischen finden die Wahl des neuen Königs sowie dessen Inthronisation ja auch in einem gebührend aristokratischen Rahmen statt.
Dirk Ahrens: Genau, dank unserer Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch dürfen wir seit drei Jahren im Fürstensaal des Rathauses wählen lassen. Das ist der prunkvollste Saal, den es in Lüneburg gibt und der eigentlich nur für Empfänge und Konzerte freigegeben wird.
taz: Damit ist der schwule Heidekönig ja in der besseren Gesellschaft der Stadt angekommen. Das wäre mit einer goldenen Badehose wohl nicht möglich gewesen.
Dirk Ahrens: Das stimmt. Der König tritt jetzt in normalen Klamotten auf. Dadurch sind wir vielleicht auch leichter in die bürgerlichen Feste hineingekommen. Aber der König darf sich seine Tracht immer selber aussuchen. Es hat auch schon einen König gegeben, der mit Basecap und mit Jeans auf die Bühne gegangen ist.
taz: Welche Rolle spielt der schwule Heidekönig angesichts des zunehmenden Rechtsrucks in Deutschland?
Dirk Ahrens: Vor ein paar Jahren, als die Ehe für alle gekommen war, haben wir noch gesagt, wir würden den König bald gar nicht mehr brauchen. Aber jetzt ist es so, dass er wichtiger denn je geworden ist. Wenn die Konservativen in der CDU und die AFD stärker werden, haben wir queeren Menschen wieder ein schlechteres Leben und da müssen wir gegen ansteuern. Das tun wir, indem wir uns zeigen und so anderen Menschen, die auf dem Land leben, Mut machen.
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