Digitale Bildwelten: Wie Bildgebungs-KI die Anime-Studios bestiehlt
Mit nur wenigen Klicks verwandelt KI Selfies in Ghibli-Figuren – süß, aber urheberrechtlich fragwürdig. So wird Kunst zur Massenware gemacht.

Wer in den letzten Tagen auf Social Media unterwegs war, hat es bemerkt: Etwas ist anders. Statt der üblichen Videoflut dominiert ein neuer – stiller – Trend: Pastellfarben, sanfte Pinselstriche und große, gutmütige Augen verzücken das Netz.
Am 25. März veröffentlichte OpenAI, das Unternehmen hinter ChatGPT, ein Update, das die KI-basierte Bilderzeugung auf ein neues Level hebt. Aus Prompts oder Fotos entstehen Kunstwerke im Stile von Pixar, Muppets, Gameboy oder Studio Ghibli.
Besonders letzterer hat das Netz im Sturm erobert: Social Media ist überschwemmt mit Bildern, die aussehen, als wären sie direkt aus „Chihiros Reise ins Zauberland“ entnommen.
Die Ästhetik trifft einen Nerv, weil sie viele schöne Kindheitserinnerungen hervorruft. Aus dieser Nostalgie heraus kann scheinbar niemand widerstehen, das eigene Selfie in eine Anime-Figur zu verwandeln und sich für einen kurzen Moment besser zu fühlen. Auch Unternehmen und Politiker*innen haben ihre Chance auf kostenlose Werbung im Ghibli-Style erkannt.
Emmanuel Macron richtet mithilfe der KI-Ghibli-Bilder auf Instagram ein paar Dankeszeilen an die potenzielle Wählerschaft. Der X-Account des Weißen Hauses inszeniert das Foto einer verhafteten Migrantin kurz vor der Abschiebung als ghiblieskes Meme.
Eine Geschmacklosigkeit, vor der auch Medienschaffende nicht haltmachen. Plötzlich erscheinen Darstellungen der katastrophalen Zustände in Gaza als weichgezeichnete Anime-Szenen. Ein grotesker Kontrast, dessen Nutzen unklar bleibt. Doch während das Internet irgendwo zwischen digitalem Spieltrieb und Ghibli-Fiebertraum taumelt, schlagen Künstler*innen Alarm.
„Beleidigung für das Leben selbst“
Was viele als Hommage feiern, ist für die Kunstszene ein dreistes Plagiat und der klare Verstoß gegen Urheberrechte. Der Schöpfer des ikonischen Anime-Stils, Hayao Miyazaki, positionierte sich bereits im Jahr 2016 mit den klaren Worten „Beleidigung für das Leben selbst“ gegen KI-generierte Kunst.
OpenAI beteuert, keine lebenden Künstler*innen direkt zu imitieren, sondern nur Stilrichtungen nachzubilden – doch das Training der KI auf Ghiblis Werken bleibt mindestens umstritten, immerhin replizieren Algorithmen nun in wenigen Sekunden ein kreatives Erbe, in dem jahrzehntelange Arbeit steckt.
Vielleicht ist genau das der einzig gute Effekt am Hype. Sie entfacht die Debatte um KI und fair bezahlte Kunst neu. Doch nicht nur den Kreativschöpfern schadet der Trend. Auch die Kunstdiebe von OpenAI, die Magie zur Massenware machen wollen, spüren erste finanzielle Konsequenzen.
So rief Sam Altman, CEO von OpenAI, der selbst sein X-Profilbild durch eine Ghibli-Version ersetzt hat, User zur Mäßigung auf: „Könnt ihr euch bitte mit der Bilderzeugung zurückhalten? Das ist verrückt, unser Team muss schlafen.“ Der plötzliche Boom dieser Funktion führt dazu, dass die Server von OpenAI immer wieder überlastet sind.
Was aber auch nach dem Trend noch bleiben wird, sind die Fragen über Kreativität, Urheberrecht und den Wert menschlicher Kunst im Zeitalter von KI. Ist es eine Revolution oder Ausbeutung? Sicher ist, die Ghibli-Raubkopien haben das Netz verhext – für die einen ist es süße Magie, für die anderen ein böser Fluch.
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