Die miesen Deals der Deutschen Bank

Nicht nur die üblichen Verdächtigen

Bei der Hauptversammlung der skandalgeschüttelten Deutschen Bank dürfte es turbulent zugehen. Auch Großanleger sind verstimmt.

Turbulent geht es derzeit bei der Deutschen Bank zu. Bild: reuters

BERLIN taz | Helmut Bertagnolli, Chemieprofessor im Ruhestand, will dem Vorstand der Deutschen Bank einen Denkzettel verpassen. Nachdem seine Frau starb, zwang die Bank ihn, ein neues Konto anzulegen – statt das gemeinsame auf seinen Namen umzuschreiben, wie es andere Banken machen.

Das war ein enormer Aufwand: Der Freiburger musste das neue Konto zig Stellen melden, Daueraufträge und anderes ändern. „Dass die Deutsche Bank das verlangt, ist symptomatisch für ihren Umgang mit Privatkunden“, sagt der Pensionär, der zugleich Kleinaktionär bei der Deutschen Bank ist. Er hat die Nicht-Entlastung des Vorstands bei der Hauptversammlung am Donnerstag beantragt.

Hauptversammlungen von Aktiengesellschaften sind eine Art Eigentümerparlament. Viel mehr als ein Petitionsrecht haben die Investoren allerdings nicht. Sie können Anträge stellen, Reden halten und wählen den Aufsichtsrat, über dessen Entlastung sie ebenso entscheiden wie über die des Vorstands.

Selbst wenn sie wollten, könnten die Aktionäre den Vorstand mit der Doppelspitze Jürgen Fitschen und Anshu Jain nicht abwählen. Das kann nur der Aufsichtsrat. Trotzdem wird die Abstimmung über die Entlastung des Vorstands mit Spannung erwartet.

Kirch-Prozess: Die Deutsche Bank musste den Erben des Medienmoguls Leo Kirch 925 Millionen Euro zahlen, nachdem Exchef Rolf Breuer dessen Kreditwürdigkeit öffentlich angezweifelt und den Konzern so zum Einsturz gebracht hatte. Breuer und andere stehen jetzt wegen Falschaussagen in München vor Gericht.

Libor-Manipulation: Weil Mitarbeiter der Deutschen Bank den Referenzzins Libor manipuliert haben, verhängten britische und amerikanische Behörden eine Rekordstrafe von 2,5 Milliarden Dollar.

Subprime-Krise: Um einen Streit über geschönte Hypothekenpapiere in den USA aus der Welt zu schaffen, zahlen die Frankfurter gut 1,9 Milliarden Dollar an die beiden staatlichen Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac.

Schwerer Betrug: In Italien verurteilt wegen Zinswetten mit der Mailänder Verwaltung, in Südkorea zeitweise vom Börsenhandel ausgeschlossen. (ak, vb)

Vor Kurzem haben Fitschen und Jain die neue Strategie für die Bank präsentiert: Sie bringen die erst 2010 übernommene Tochter Postbank an die Börse, schließen fast ein Viertel der Filialen in Deutschland und streichen eine noch nicht bekannte Zahl an Jobs. Gleichzeitig wollen sie die Vermögensberatung für Superreiche ausbauen und die Investmentsparte stärken.

Die Aktionäre überzeugt das nicht. Das ist nicht der Neuanfang, den sie sich wünschen. Viele Anteilseigner haben genug von Rechtsbrüchen, Skandalen und Rekordstrafen rund um die Deutsche Bank. Menschenrechtler und Umweltschützer haben die Bank schon lange im Visier. Seit Jahren versuchen sie mit Anträgen bei Hauptversammlungen als kritische Aktionäre auf miese Geschäfte mit Rüstungsfirmen oder Umweltzerstörern hinzuweisen.

Skandale schaden der Rendite

Doch diesmal sind es nicht nur die üblichen Verdächtigen, die aufbegehren. Auch die Großanleger, die sogenannten institutionellen Investoren wie Fondsgesellschaften, Vermögensverwalter oder Versicherer, sind verstimmt. Die vielen Skandale schaden auch der Rendite, der Aktienkurs ist auf dem Nivieau von vor 20 Jahren. Erstmals haben mehrere einflussreiche Aktionärsberatungshäuser wie ISS, Class Lewis oder Ivox Investoren aufgefordert, den Vorstand nicht zu entlasten.

„Das Ausmaß der Skandale ist zu groß“, sagt Analystin Anke Zschorn von Aktionärsberater Ivox. Die permanenten Regelverletzungen kosten richtig viel Geld. Seit Amtsantritt von Fitschen und Jain 2012 hat die Deutsche Bank 8,7 Milliarden Euro für Rechtsstreitigkeiten und Strafen ausgegeben, zum Beispiel für Zinsmanipulationen.

Die Anteilseigner hätten dieses Geld lieber als Dividende ausgeschüttet bekommen. Fitschen steht zurzeit in München wegen Prozessbetrugs gemeinsam mit seinen Vorgängern vor Gericht. Schon diese Tatsache ist für US-Aktionärsberater Grund genug, eine Nichtentlastung des Vorstands zu empfehlen.

Angst vor Kursverluste

Dass es wirklich dazu kommt, erwartet aber niemand. Zur Hauptversammlung kommen nur etwa ein Drittel der Anteilseigner. Stimmen die drei größten Aktionäre – der US-Vermögensverwalter BlackRock, das Emirat Katar und die Deutsche Bank selbst – wie erwartet für die Entlastung, sind das über 40 Prozent. Die meisten Aktien befinden sich im Streubesitz, verteilen sich also auf zahlreiche Eigentümer.

Viele fürchten um den Wert ihrer eigenen Aktie, wenn sie dem Vorstand eins überbraten. Trotzdem ist das Abstimmungsergebnis nicht irrelevant. „Es geht um die Signalwirkung“, sagt Analystin Zschorn.

Je schlechter das Ergebnis, desto größer ist der Handlungsdruck für den Aufsichtsrat. In Deutschland gelten Entlastungen auf Hauptversammlungen mit weniger als 90 Prozent der Stimmen als Ohrfeige. Schon 2014 haben die Aktionäre mit einem Ergebnis von 86 Prozent ein Misstrauensvotum abgegeben – Folgen hatte das aber nicht.

Viele Ziele nicht erreicht

Vor der Hauptversammlung haben Fitschen und Jain große Investoren besucht und für sich geworben. Jain war etwa bei Union Investment, der Kapitalanlagegesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken. Sie ist mit einem Anteil von 1 Prozent einer der 20 größten Aktionäre. „Wie wir abstimmen, geben wir im Vorfeld nicht bekannt“, sagt ein Sprecher. Aber: „Die Deutsche Bank hat viele Ziele nicht erreicht“. Die Rendite sei nicht hoch genug.

Doch die Bank macht Gewinn: 2014 nach Abzug der Steuern 1,7 Milliarden Euro. Union Investment erwartet, dass der Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner den Vorstand umbaut, aber an Fitschen und Jain festhält. „Herr Achleitner hat unser Vertrauen“, sagt der Sprecher.

Kleinaktionär Bertagnolli hat kein Vertrauen mehr. Als Kunde hat er der Bank den Rücken zugewandt. Weil sein persönlicher Betreuer bei der Beerdigung seiner Frau war, behielt er ein Konto bei der Deutschen Bank. Pro forma: „Ich bin jetzt bei der Sparkasse.“

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