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Die Züge fahren weiterhin

Berlin war der sichere Hafen für Polens queere Community. Wir dürfen unsere Nach­ba­r*in­nen nun nicht im Stich lassen.

Aus Warschau Wiktoria Jędroszkowiak

Zwei Stunden. So lange dauert die Fahrt von meiner Heimatstadt ­Posen im Westen Polens nach Berlin – kürzer als die Reise nach Osten nach Warschau, unserer Hauptstadt.

Da ich im Westen Polens aufgewachsen bin, war Berlin für mich der Ort, an dem man am ehesten als queere Person öffentlich Händchen halten konnte, ohne vorher abwägen zu müssen: Wer schaut zu, ist es sicher? In Polen mussten wir diese Abwägung trotz einer langsam wachsenden Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Partnerschaften fast überall noch ­vornehmen.

Als sich 2019 und 2020 Dutzende polnischer Gemeinden zu „LGBT-freien Zonen“ erklärten, wurde Berlin einmal mehr zum Beweis dafür, dass ein anderes Leben nah genug war, um es zu berühren, zu erleben, einzufordern. Meine Familie überquerte diese Grenze lange vor mir, aus weniger romantischen Gründen: Mein Vater fuhr jahrelang Tanklastwagen für deutsche Unternehmen.

Als Klimaaktivistin habe ich inzwischen einen unbehaglichen Frieden mit dieser Ironie geschlossen – meine politische Arbeit basiert genau auf jener Lieferkette, zu der er einst gehörte. Er nannte es einen Wandel; ich bin dazu übergegangen, den Arbeitsweg meines Vaters eher als einen Weg in Richtung Freiheit zu bezeichnen.

Ich gehe ihn immer noch ein paar Mal im Jahr, um Freund*in­nen zu besuchen, letztmals vor einem Monat mit meiner Freundin auf der Jagd nach Galerie­eröffnungen. Wir besuchten eine Ausstellung der Musikerin Lexa Gates im Gretchen und tranken Apfelschorle während einer Rekordhitzewelle.

Ein kleiner Städtetrip, der sich aus queeren Clubs und ­Cafés zusammensetzt. Im März widmete newonce, eine kostenlose polnische Kulturzeitung, eine ganze Ausgabe den Städten Posen und Berlin: Posen als Polens echtes Tor zum Berliner Techno. Das bestätigte, was ich ohnehin schon spürte: Zwei Städte hatten eine gemeinsame Kultur aufgebaut.

Es gibt einen Grund, warum Berlin auch zu Hause eine besondere politische Brisanz hat. Seit einem Jahrzehnt besteht die Politik des Chefs der na­tio­nalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit, Jarosław Kaczyński, darin, regelmäßig den Feind zu wechseln: Berlin, Brüssel, Moskau, je nachdem, was gerade passt.

Berlin war für mich der Ort, an dem man als queere Person öffentlich Händchen halten konnte

Als der Danziger Bürgermeister Paweł Adamowicz 2019 ermordet wurde, warf ihm die dem Mord vorausgehende Verleumdungskampagne gleich drei Dinge vor: Er sei zu liberal, zu prodeutsch, zu proschwul. Die ständige Darstellung der Nationalkonservativen, dass Deutschland und Berlin der Feind sei, änderte nichts an der Tatsache, dass diese jungen Menschen, die Berlin besuchten, oft das Gefühl hatten, dort ganz sie selbst sein zu können.

Als also am 25. Juli gegen Ende des Christopher Street Days ein Lieferwagen in die Menschenmenge raste, eine 65-jährige Polin tötete, die mit ihrer Tochter gekommen war, und 29 weitere Menschen verletzte, war das für mich mehr als nur eine ferne Nachricht. Gerade ihre Nationalität ist der Grund, warum mich das Ereignis so tief berührte – dieselbe Asymmetrie, die dazu führt, dass Hanau, Halle und die NSU-Morde für alle außerhalb der ins Visier genommenen Gemeinschaften abstrakte Begriffe bleiben. Zuerst schrieb ich Freund*in­nen in Berlin eine SMS; als ich wusste, dass sie in Sicherheit waren, aktualisierte ich trotzdem immer wieder ihre Instagram-Storys – nicht wegen der Informationen, sondern wegen ihrer Reaktionen, die noch von keinem Argument vereinnahmt waren, bevor die Politiker kamen, um das Geschehen für uns zu definieren. Während rechte Kräfte die Tat für ihre menschenfeindliche Politik nutzen, forderten die Organisatoren der Pride, dass der Mord eben nicht für politische Zwecke instrumentalisiert werden soll.

Es gibt ein anderes Modell dafür, wie es nach einem Anschlag wie diesem weitergehen kann: Nach Utøya, wo 2011 ein rechtsextremer Terrorist 77 Menschen ermordete, war Oslos Reaktion kein hartes Durchgreifen. Innerhalb weniger Tage legten die Einwohner zwanzig Tonnen Blumen vor dem Rathaus nieder. Die Jugendbewegung, die der Mörder auslöschen wollte, kehrte vier Jahre später ins Lager auf der Insel zurück und machte es sich zur Regel, seinen Namen niemals auszusprechen. Die Norweger nennen den Ort „øya som reiste seg“ – die Insel, die sich wieder aufgerichtet hat. Berlin braucht Oslos Drehbuch nicht, aber der Instinkt, der dahintersteckt – die Sprache des Angreifers abzulehnen, sich zu weigern, die Straßen demjenigen zu überlassen, der versucht hat, sie zu leeren –, verdient einen Platz neben dem Opportunismus der AfD. Es ist das, was queere Pol*in­nen jahrelang still praktiziert haben: diese Grenze zu überschreiten, nicht weil Berlin jemals für Queers im absoluten Sinne sicher war, sondern weil das Dasein dort an sich schon ein Statement war. Die Züge fahren immer noch. Was wir der Frau schulden, die es nie nach Hause geschafft hat, ist, uns nicht weiter durch diese Tragödie spalten zu lassen.

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