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Die Welt,ein Gutshof

Danh Vo ist Konzeptkünstler. Sein berühmtestes Projekt ist „We the people“,ein 1:1-Kupfer-Nachbau der New Yorker Freiheitsstatue, der in rund 250 Teilen über Sammlungen und Museen der ganzen Welt verteilt ist

Von Astrid Kaminski (Text) und Sophie Kirchner (Fotos)

Renommierter Künstler sein ist das eine. Das andere: einen Brandenburger Gutshof zu einem Ort machen, an dem Kunst, Natur und Leben ineinander aufgehen.

Draußen: „Brandenburg: Homophobie, Rassismus und so weiter, habe ich gedacht. Und dann festgestellt, dass ich noch nie da gewesen bin. Bis ich den Güldenhof kaufte.“ Der Güldenhof ist ein ehemaliger Gutshof mit LPG-Geschichte, 70 Kilometer nördlich von Berlin, auf der Höhe von Rheinsberg. Das Haupthaus brannte im 19. Jahrhundert ab und wurde mehrfach neu aufgebaut. Der Konzeptkünstler Danh Vo besitzt den Hof seit zehn Jahren. Als er ankam, gab es Scheunen voller Abfall und ein Dixiklo, jetzt Architektur, Design, Skulpturen, Obst, Staudenbeete, die selbst bei Dauerregen leuchten, einen Trümmersteinhaufen und Leute, die kommen und gehen.

Drinnen: Mit Maulbeeren dekorierte Pfannkuchen auf einem langen Tisch. Wer will, darf mitessen. Wenn es keine Pfannkuchen gibt, dann Pizza oder über Nacht gegartes Wildschwein im Schmortopf. Oder haute cuisine der Köch:innen, die den Hof besuchen. Oder vietnamesische Gerichte. Oder Marta, die Managerin, kocht. Mit Kräutern aus dem Garten, Pilzen aus den Wäldern, die in Einweckgläsern lagern, Biogemüse von einem Hof der Umgebung. Eine Küche aus Multiplex, so simpel wie stilsicher. Fred Fischer, der Schreiner, lässt beim Essen durchblicken, dass er sie so nicht gebaut hätte. Gerade baut er Gestelle für über 500 Jahre alte vietnamesische Keramik, die aus dem Hội-An-Wrack stammt und für eine Ausstellung Danh Vos bestimmt ist. Die Schreinerei liegt auf der anderen Seite des Hofes, neben der Keramikwerkstatt.

Schiffbruch: Wie die von Danh Vo ersteigerte Keramik hat der Künstler einen Schiffbruch erlebt: Als vierjähriger Bootsflüchtling wurde er samt seiner Familie von einem dänischen Containerschiff im Südchinesischen Meer gerettet und nach Singapur gebracht. Von dort ging es weiter in einen Vorort von Kopenhagen, wo er aufwuchs, während seine Oma mütterlicherseits in Cuxhaven landete.

Sprachen: Danh Vo spricht, wie er meint, kein Deutsch, obwohl er seit 2004 seinen Wohnsitz in Deutschland hat – und Nebenwohnungen in Japan, Mexiko und Italien. Vielleicht kokettiert er. Zumindest sein Gartendeutsch ist besser als das vieler Muttersprachler:innen. „Bärlauch“, „Calendula“, „Maulbeere“, „Stoppelpilze“, „Mispel“, „Brennnessel“, „Grünkohl“, „Szechuanpfeffer“. Am Anfang konnte er als Städter nichts davon auseinanderhalten, aber dank Christine Schulz, der Gärtnerin, ist das längst anders. „Wegen ihr beschäftige ich mehr Leute für meinen Garten als für meine Kunst“, sagt er, und erkennt an, dass „gute Gärtnerinnen, wie Christine, über die menschliche Zeit hinausdenken“.

Trümmerhaufen: Von rotem Mohn umwogt ragt ein Steinhaufen zwischen Staudenbeet und Obstgarten hervor. Für die Gärtnerin symbolisiert er die Mühe, die es kostete, all die Findlinge aus der Brandenburger Erde zu sammeln, um sie urbar zu machen. Für Danh Vo den Versuch, ein guter Nachbar zu sein. Im 50-Seelen-Dorf sind Kiesgrubenbesitzer ansässig. Also ging der Künstler Steine kaufen. Und schuf ein Monument guter Intentionen.

Winter: „Etwas von dieser Größe als Sommerhaus zu betreiben, wäre lächerlich. Also musste ich mich mit dem Winter auseinandersetzen. Privilegiert wie ich bin, bin ich früher im Winter nach Thailand oder Mexiko geflüchtet. Aber diesen Ort hier zu betreiben, bedeutet, den Winter zu akzeptieren.“

Öfen: Als sich Danh Vo mit der Frage nach der Heizungsart auseinandersetzte, wurde er auf Falko Martens aus Templin aufmerksam gemacht. Er fuhr hin. Im Haus des Ofenbauers fand er „die ganze Familie – einschließlich Oma, Katzen und Hund“ – auf einem stufenartig aufgebauten Lehmofen versammelt. So etwas wollte er haben. Dreimal: fürs Studio, für die Küche, für den „Wintergarten“ – eine Scheune mit Plexiglasdach.

Heizen als Architektur: Zwei Tage dauert es, bis die Sollwärme erreicht ist. Sie wird in Kupferrohren durch die etwa zwei Kubikmeter einnehmenden Öfen geleitet. Sie sehen aus wie eine Mischung aus Thron, Pyramide, Burgzinne und Amphitheater. Auch geschlafen wird darauf. Öfen wie diese definieren für den Künstler den Raum. Warme Orte ermöglichten andere Tätigkeiten als kältere; so entstehe eine Vielfalt an Leben im Raum.

Maulbeeren: Laut dem Dichter Theodor Fontane verbrachte Friedrich II. seine glücklichsten Jahre als Prinz auf Schloss Rheinsberg. Zweien seiner Getreuen vermachte er jeweils einen Gutshof, nur fünf Kilometer voneinander entfernt. Der Güldenhof war einer davon, der andere Gut Zernikow, wo der Dichter Achim von Arnim aufwuchs. Der dortige Gutsherr Michael Gabriel Fredersdorff widmete sich der Maulbeerbaumpolitik von Friedrich II. und ließ mehrere Tausend Maulbeerbäume in der Gegend pflanzen. Die Bäume dienten als Habitat für Seidenraupen und damit der Seidenproduktion. 70 davon leben bis heute.

Katholizismus: Eine barocke, geschnitzte Maria, die einen Bienenstock beherbergt, ein Kruzifix, ein Abendmahl, noch eine Maria. Christliche Ikonografie ist auf dem Güldenhof präsent. Auch in Vos Museumsarbeiten. In seiner diesjährigen Einzelausstellung im Amsterdamer Stedelijk Museum war eine fragmentierte spanische Skulptur des Gekreuzigten zu sehen, ergänzt durch Abdrücke der Hände von Vos Vater, die Reagenzgläser mit rankender ­Kapuzinerkresse halten, „Untitled“.

Religion als Protest: Ist der Katholizismus ein koloniales Trauma, an dem sich der Künstler abarbeitet? „Nein, eher ein persönliches.“ Nach der Kolonialzeit war Vietnam getrennt in Nord und Süd. Der Vater des Künstlers, Phùng Vo, hegte Hoffnungen, dass der langjährig von den USA gestützte, antikommunistische Diktator Ngô Đình Diệm das Land wiedervereinen könne. Nach der Ermordung des Hoffnungsträgers nahm der Vater aus Protest dessen Glauben an. Für den Sohn bedeutete das, bis zum 18. Geburtstag jeden Sonntag in die Kirche gehen zu müssen, am Ostersonntag sogar „fucking three times“.

Hinwendung: Warum eigentlich Brandenburg? Und nicht zum Beispiel Dänemark, wo es zum selben Preis Immobilien mit höherem Standard gibt? „Wegen Marta hauptsächlich – und wegen Christine, Fred, Oliver … “. Marta Lusena ist die in Mailand aufgewachsene Studio-Managerin, Geisteswissenschaftlerin mit Schwerpunkt Geschichte, die ihn fast seit Beginn seiner Karriere unterstützt. „Wenn jemand dir sein Leben widmet, was kann die Antwort sein? Zu versuchen, diese Hinwendung zurückzugeben. Marta hat Familie – Partner, drei Kinder. Ich kann sie nicht nach Dänemark umziehen. Wenn man privilegiert ist, ist es nicht das Geld, was fehlt. Es ist die Hinwendung.“

Garten: Zehn Jahre hat Christine Schulz den Garten bereits entwickelt und gepflegt. Ihr Studio besteht aus Setzkästen unter UV-Lampen. „Eines Tages“, meint Danh Vo, „kümmere ich mich vielleicht auch nur noch um den Garten“. Jetzt schon ist er ein Bereich, in dem Natur und Kunst sich treffen, ineinanderfinden, sich ineinander auflösen. Gärten und Museen sind für Vo daher gute Ergänzungen. Die künstliche Trennung zwischen Natur und Kultur wird dort im besten Fall offensichtlich. Er zitiert die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Museum Loui­siana für Moderne Kunst in Humlebæk herbei: „Vier Stunden, mehr als doppelt so viel wie üblich. Warum? Wegen des Gartens dort.“

Der Blumenladen: „Ein Text über den Blumenladen und über den vietnamesischen Blumenmarkt in Berlin wäre wichtiger als alles, was ich zu sagen habe.“ Der Blumenladen, den er meint, befindet sich in Danh Vos ehemaligem Atelier in Berlin. Betreiberinnen sind Oanh Thi Nguyen und ihre Tochter Thanh Dieu Do. Früher hatten sie ihren Laden ein paar Meter weiter. Der Künstler kaufte Blumen bei ihr; sie kochte ihm Gerichte, die er nicht selber kochen konnte. Eines Tages sollte die Miete für den Blumenladen wieder erhöht werden. Die Rechnung war einfach: Mehr als 14 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche kann die Blumenhändlerin nicht arbeiten, um das Verlangte zu bezahlen. So öffnete Danh Vo das Atelier für Blumen. Im Schaufenster steht eine riesige Strelitzia nicolai; Danh Vos Fotos der Schnittblumen hängen im Museum.

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