Die Wahrheit: Dotcoms letzter Akt
Neues aus Neuseeland: Lange verschwunden, tritt der Megaupload-Gründer Kim Schmitz jetzt in der Show des ultrarechten Talkers Tucker Carlson auf.
Wenn uns nicht gerade ein Moschee-Attentat oder starkes Erdbeben erschüttert, dann ist der schönste Arsch der Welt eigentlich ein beschauliches Pflaster für Auslandskorrespondenten. Daher verschwand ich Mitte Januar 2012 auch wie alle anderen Kiwis in die Sommerpause: ohne Internet oder Handy-Empfang an die wilde Westküste. Was sollte schon groß passieren in der einen Woche?
Ab und zu strampelte ich 20 Kilometer auf dem Fahrrad ab, um im Café von Punakaiki eine Zeitung zu lesen, die meist veraltet war. So erfuhr ich zu meinem Entsetzen erst mit zwei Tagen Verspätung, dass der korpulente Hacker Kim Schmitz aus Kiel, zuletzt international als Megaupload-Gründer Kim Dotcom bekannt und zwischendurch als Kimble, in seiner Luxusvilla nördlich von Auckland verhaftet worden war.
Aktuell geht anders, aber ich musste ran. Der Urlaub war versaut, die deutschen Redaktionen warteten. Neuseeland hatte eine Weltnachricht. Die Razzia im Morgengrauen war vom FBI in Auftrag gegeben. Ob das legal war, ist umstritten, aber es war hollywoodreif. Genauso hochdramatisch ging es fortan mit dem bekanntesten deutschen Einwanderer in Aotearoa weiter. Auch sein Visastatus war umstritten.
Korpulente Karikatur
Kim mutierte zum krawalligen Politrebellen und gründete die Internetpartei, die jedoch nach großem PR-Hype bei den Nationalwahlen mit 1,4 Prozent abschmierte. Der Megalomaniac wurde zur Karikatur, kämpfte aber die nächsten zehn Jahre tapfer weiter gegen seine Auslieferung in die USA. Dort will man ihm nach wie vor wegen Copyrightverletzung und Betrug den Prozess machen.
Lange hörte man wenig von ihm, bis auf russische Propaganda über angebliche amerikanische „Biolabore“ in der Ukraine. Im November 2024 hatte der sechsfache Vater einen Schlaganfall. Das erfuhr man nur von X. Er sitzt seitdem schwerbehindert im Rollstuhl und kann einem leid tun. Oder konnte. Denn vor zwei Wochen ließ er sich erstmals wieder blicken und hören, zugeschaltet aus den Bergen Neuseelands – ausgerechnet bei Amerikas ultrarechtem Schwurbel-Agitator Tucker Carlson.
Dotcoms Sprache war schleppend. Der 52-Jährige erzählte stockend von seiner Reha, von KI und Propaganda, von „free speech“ und seinem Helden Julian Assange. Das beste Land der Welt? Die Schweiz, sagte er. Und ließ dann einfließen, dass er in seiner Noch-Wahlheimat Aotearoa die NZ Outdoors & Freedom Party unterstützt – eine Splitterpartei für Impfgegner und Covid-Leugner.
Der Auftritt in der Tucker Carlson Show machte prompt Schlagzeilen im New Zealand Herald. Falls der verschwörungsnahe Putin-Sympathisant nach der Genesung doch wieder in die Politik zurückkehren sollte, dann habe ich endlich guten Grund, Kim Dotcom ganz unjournalistisch zum Kotzen zu finden. Nicht nur, weil er mir damals den Westküstenurlaub versaut hat.
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