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Die WahrheitAbrahammer und die Kunst des Denkens

Was ein ehemaliger Profiboxer mit Meinungsführerschaft und einem Gedankenführerschein zu tun hat. Eine kurze Erörterung mit ohne Habermas.

I m Englischunterricht in der Schule lernte ich, dass Meinung „opinion“ heißt und Gedanke „thought“. Vielleicht meine ich auch nur, es gelernt zu haben, oder denke, dass ich es meine. Auf jeden Fall ändern sich die Zeiten, und heute heißt Meinung „thought“. Das weiß ich, weil ich in den sozialen Netzwerken, Abteilung Jobangebote – dort treibe ich mich gelegentlich herum, um zu erfahren, welche „skills“ gerade angesagt sind –, immer wieder auf den Ausdruck „Thought Leadership“ stoße.

Während ich „Thought Leadership“ nach alter Schule mit „Gedankenführerschaft“ übersetze und diejenigen, die sich diesen ebenso neu- wie abartigen Führerkult ausgedacht haben, direkt verpflichten möchte, erstmal einen Gedankenführerschein zu machen, übersetzen es die Business-Blitzbirnen mit „Meinungsführerschaft“, die es anzustreben gelte.

Die alternative Übersetzung passt gut in unsere Zeit, denn jeder, der heutzutage etwas meint, glaubt ja schon, zu denken. Schlimmer noch: Kam man früher nur über den Umweg des Denkens zu einer Meinung, wird mittlerweile ohne Zwischenstopp gemeint. Verständlich irgendwie, denn das spart Energie. Denken ist anstrengend.

Kürzlich traf ich bei einem Netzwerk-Event den Ex-Profiboxer Arthur Abraham, 46. Der Mann ist 18-facher Weltmeister in zwei Gewichtsklassen. Spitzname: Abrahammer. Bilanz: 52 Profikämpfe. 46 Siege. 30 durch K. o. Noch heute stecken 22 Schrauben in seinem Kiefer, Folge eines Kampfes im Jahre 2006, als ihm sein Gegner einen doppelten Kieferbruch verpasste. Abrahammer gewann trotzdem. Ich fragte ihn, ob es damals im Ring sehr weh tat. Darauf er: „Schmerz kann man mit dem Kopf steuern.“ Das nenne ich „Thought Leadership“.

Lieber vordenken

Die Business-Unterflieger gehen anders an das Thema heran. „Thought Leader“ sind ihnen zufolge Vordenker. Heimliches Motto: Lieber vordenken als nachdenken. Nicht zu vergessen das Ausdenken, und zwar von Bullshitfloskeln. Oft stolpere ich auch über „Funnel-Denke“. So heißt das aktuelle Top-Mindset für Jobsuchende im Marketingbereich. Funnel ist das englische Wort für Trichter. Man könnte also auch Trichter-Denke sagen.

Allerdings klingt das noch bekloppter. Als hätte sich der Schöpfer des Ausdrucks beim Formulieren einen eingetrichtert. Gemeint ist, dass man erst breit und dann spitz zulaufend kommunizieren, die potenzielle Kundschaft also immer enger an die Leine nehmen soll, bis sie gar keine andere Wahl mehr hat, als dem Gott des Konsums zu huldigen und die heilige Zahlung auf den Weg zu bringen.

Prinzipiell habe ich gegen Führung nichts einzuwenden. Wenn Schalke führt, ist das okay. Wenn jedoch Thought Leader im Funnel-Tunnel etwas aushecken, um ums zum Geldausgeben zu verführen, fühle ich mich an der Nase herumgeführt. Drum nehmt dies, geliebte Gedankenführer: Wo jemand über andere bestimmen will, da lass dich bloß nicht nieder. Gute Menschen haben keine Leader!

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