Die Wahrheit: Flatter, flatter, knatter, knatter
Hinter dem Absperrband Tabu – ein geheimnisvoller Streifzug durch verbotene Zonen mit und ohne Schutzfadenzauber.
Ob Berlin oder Stuttgart, Chicago oder Hamburg-Bramfeld, die Tabu-Bar solltest du meiden! Denn „tabu“ heißt bei den Südsee-Insulanern heiliger Ort und bedeutet mit anderen Worten: „Verschwinde schleunigst“!
Der Besuch irgendeiner Tabu-Bar bedeutet demzufolge einen Tabubruch, der nur mit einer aufwendigen Erlösungszeremonie gesühnt werden kann. Jeder Südsee-Insulaner weiß das und meidet die tabuisierten Orte geflissentlich. Diese sind durch magische Energie (Mana) geschützt. Darüber hinaus wird eine Tabu-Bar in Polynesien mit einem verzauberten Faden umsäumt und durch ihn geschützt. Wehe also dem Frevler, der eine leere Tabu-Bar in Polynesien betritt und frech ein Getränk ordert. Ein heftiger Schadenszauber wird ihn treffen, spätestens beim Bezahlen.
Auch die deutsche Sage kennt das Schutzprinzip eines Tabu-Ortes durch einen magischen Faden – das Kein-Schaden-durch-Faden-Prinzip. Zwergenkönig Laurin hatte so einen hauchdünnen Seidenfaden um seinen wunderbaren Rosengarten gelegt, um Unbefugte fernzuhalten. Diese nahten aber bald in Gestalt von Dietrich von Bern und Freund Witege, zwei bekannte Grobiane, die nichts Besseres zu tun hatten, als den Rosengarten zu zertrampeln.
Leider funktionierte der feine Schutzzauber des Zwergenkönigs überhaupt nicht, die Rüpel nahmen Laurin überdies gefangen und einer Überlieferung nach musste er auch noch als Hofnarr für Dietrich von Bern arbeiten. Ein Schutzzauber-Erfolg vergleichbar mit dem einer rammelvollen Tabu-Bar in Polynesien.
Abwehrzauber am Tatort
Bei aller Kritik, ein Fadenschadenszauber hat sich bis in unsere heutige Zeit erhalten, den wir alle aus unseren abendlichen Fernsehermittlungen kennen. Da wird der Tatort nämlich nach dem obligatorischen Mord magisch aufgeladen, indem er unter dem Murmeln von Zauberformeln mit einem Abwehrzauber geschützt wird. Das eigentliche Zauberwort heißt aber Tatort-Absperrband, denn das soll Unbefugte davon abhalten, den Tatort zu entweihen. Nur Rettungskräfte und ermittelnde Zaubererinnen dürfen den magischen Kreis betreten.
Doch woher haben die magischen Ermittler und ihre Hilfszwerge das hilfreiche Absperrband für ihr archaisches Ritual? Die Beschaffung ist kein Zauberwerk, von Amazon bis e-bay, überall wird uns das nützliche Absperrband für einen kleinen Taler angeboten. Und der Bedarf ist da, vermutlich sind private Vorermittlungen mit allen Schikanen mittlerweile üblich, Amazon meldet stolz: Tatortabsperrband im letzten Monat 30 Mal verkauft.
Am mit Flatterband abgesicherten Tatort sollten die Beteiligten besser schweigen und dem Beispiel Polynesiens folgen, wo es tabu ist, den Namen kürzlich Verstorbener auszusprechen. Eine schlichte SMS mit dem Namen tuts ja auch. Tabu sollte Tatort-Absperrband für Kinder sein, leider wird es verantwortungslos im Netz für suspekte Kinderpartys und Krimibingos angeboten. An Geschmacklosigkeit wird das nur noch von Toilettenpaper-Absperrband übertroffen, das in dunklen Kanälen erworben werden kann. Gibt’s für 8,99 Euro. Dazu ist am Tatort nur betretenes Schweigen angemessen.
Und was das Betreten der Tabu-Bars hierzulande angeht, die ruchlosen Gäste sollten wissen, das das Zwergen-Kommando Laurin da war, wenn sie ihr Auto nach dem Barbesuch in Tatort-Absperrband eingewickelt wiederfinden!
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