piwik no script img

Die WahrheitUnendliches Missverständnis

Wenn der eigene Nachbar einem sein Herz ausschüttet? Haltung zeigen! Doch ist der Nachbar wirklich auch der Nachbar?

M ein Nachbar Schulz, der sich mehr recht als schlecht sein Berufsleben lang als freier Kulturjournalist durchgeschlagen hat, ist jetzt Rentner, und er sagt, das sei gut so. Weit gebracht habe er es ja nie, und immer wenn er sich auf der Erfolgsseite haben wähnen können, seien die Dinge dann doch irgendwie schiefgelaufen.

So sei er mal auf der Buchmesse Gast einer dieser sowieso frustrierenden Partys gewesen, auf Einladung eines Magazins, für das er hin und wieder habe liefern dürfen, und dort von einer sehr eleganten, damenhaften Frau angesprochen und überraschenderweise zu einem Drink eingeladen worden. Wie sehr sie seine Artikel schätze, habe die Dame das Gespräch auf erfreuliche Weise eröffnet, nur frage sie sich, ob er dafür noch die nötige Zeit finden werde, da er doch nun zum Chefredakteur aufsteige. Er habe sie korrigiert: Da liege wohl ein Missverständnis vor, er sehe dem künftigen Chef zwar ähnlich, sei aber … „Ach du Scheiße!“, habe die elegante Frau ihn ganz undamenhaft abgewürgt und sowohl ihren Drink als auch ihn, Schulz, stehen gelassen.

Ähnlich habe es sich verhalten, als einmal nach einer von ihm moderierten Dichterlesung eine wiederum sehr nette Frau auf ihn zugekommen sei, zunächst die Veranstaltung, dann aber seine luziden Essays zur zeitgenössischen E-Musik gepriesen habe. Dabei habe er sich doch kein einziges Mal zu solcher Musik geäußert, mit der er sich ja auch nicht die Bohne auskenne. Und auf einem Klassentreffen, dem einzigen, an dem er je teilgenommen hatte, habe sich ausgerechnet der dicke Bresser an seine Seite gesellt, ihm auf die Schulter gedroschen und gesagt: „Mensch, Schulz, wer hätte gedacht, dass aus dir doch was werden würde! Aber zugegeben: dein ‚Ouzo-Orakel‘ – gar nicht schlecht.“

Permanente Furcht, auch im Ehebett

Und so weiter. All diese Erfahrungen hätten ihn derart verunsichert, dass sogar seine Ehe daran gescheitert sei, denn ihn habe permanent die Furcht umgetrieben, seine Lebensgefährtin könne beim morgendlichen Erwachen im Ehebett, seiner angesichtig werdend, „Ach du Scheiße“ rufen und sich aus dem Staub machen. Am Ende werde er auch beim Jüngsten Gericht das Opfer einer Verwechslung sein und, kaum dass er dort zur Ruhe gekommen sei, seiner bequemen Wolke verwiesen.

Nun übertreibe er aber und solle mit diesem Quatsch aufhören, unterbrach ich Schulz. Vielmehr solle er unbeschwert seinen Ruhestand genießen und sich mal ganz anderen Sachen widmen als dem törichten Kulturbetrieb. Er könne sich doch zum Beispiel wieder der Politik zuwenden, seine alte SPD brauche doch jeden, und es müsse ja nicht gleich wieder auf eine Kanzlerkandidatur hinauslaufen. Aus Schulzens bitterbösem Blick schloss ich, dass ich irgendwas Falsches gesagt hatte.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare