Die Wahrheit: Besenderte Einzelgänger im Zwielicht
Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung (233): Ausgewilderte Luchse können eigentlich ganz gut mit Menschen.
Der größte europäische Beutegreifer ist heute „streng geschützt“. In seinem „Portrait Luchse“ (2022) schreibt der Germanist Bernhard Malkmus: „Thoreaus ‚Wildheit‘ kann hier und heute nur entstehen und geschützt werden, wenn sie engmaschig beobachtet wird. Die vereinzelten Luchspopulationen in unserer zerschnittenen Kulturlandschaft werden folglich überwacht von einem dichten Netz an Fotofallen und Sensoren … Wir haben den Luchs ‚ausgewildert‘, richtig ‚einbürgern‘ darf er sich aber nicht“, obwohl er mit den Menschen weitgehend konfliktfrei zusammenleben könnte.
In Deutschland, vor allem im Pfälzerwald, im Bayerischen Wald und im Harz, lebten 2021 laut WWF 140 Luchse – „nicht zuletzt dank der konsequenten Überwachung durch Sender“. Der einjährige Luchs „Martin“ wurde im Karlsruher Zoo „auf ein Leben in Freiheit vorbereitet“, wozu unter anderem das Anbringen eines GPS-Senders an seinem Körper gehörte, danach wurde er im Schwarzwald ausgewildert.
„Die Rückkehr des Luchses ist ein Meilenstein für den Artenschutz – und ein Hoffnungsschimmer für die Artenvielfalt in unseren Wäldern“, heißt es. Verantwortlich dafür ist das Projekt „Luchs Baden-Württemberg“. Bis 2027 will es zehn weitere Luchse, vor allem Weibchen, besendern und auswildern. „Die scheuen Einzelgänger sollen nicht nur die Wildnis bereichern, sondern auch zur Vermehrung der bedrohten Art beitragen.“
Die Ostthüringer Zeitung meldete 2021 aus Schleiz/Bad Lobenstein: „Die Luchsin Mira, seit Ende 2020 im Saale-Orla-Kreis unterwegs, erhielt ein neues Halsband mit GPS-Sender.“ Das bisher von ihr getragene war anscheinend ab- oder ausgefallen, weswegen man sie erneut fing und betäubte.
Über das „Luchs Telemetrie Pilotprojekt“ der Firma von Dr. Ulrich Fielitz heißt es auf dessen Internetseite: „Um die GPS-GSM Technik am Luchs zu testen, sollen zunächst zwei männliche Luchse mit den Sendern ausgestattet werden. Nach erfolgreichem Abschluss der Pilotphase ist geplant, in einem grenzüberschreitend angelegten Projekt mehrere Luchse auf beiden Seiten der [bayrisch-böhmischen] Grenze zu besendern. Zusätzlich soll anhand von mit gleicher Technik ausgestatteten Rehen die Interaktion zwischen Rehen und Luchsen in einem der großräumig natürlichen Entwicklung überlassenen Bergwaldökosysteme untersucht werden.“ Einer der besenderten Luchse wurde in der Pilotphase auf den Namen Milan getauft.
Verhalten von Rehen
2013 berichtete die Schweizer TierWelt, dass auch einige Zürcher Forscher herausfinden wollten, wie der Luchs das Verhalten der Schweizer Rehe beeinflusst, von denen die Jäger jährlich 40.000 abschießen. Dazu hat man ein ganzes Rudel Rehe besendert. Zunächst mussten sie die Tiere dafür aber erst einmal einfangen. „Die Fangaktionen [eine Treibjagd mit mehreren hundert Meter langen Netzen] sind für die Rehe sicher mit großem Stress verbunden“, räumt der Projektleiter Benedikt Gehr ein. Doch er sei der Meinung, dass der aus der Studie resultierende Erkenntnisgewinn den kurzzeitigen Stress für die Tiere rechtfertige.“ Gehr ist sich bewusst, „dass nicht nur der Luchs, sondern auch er mit den Fangaktionen Angst unter den Rehen verbreitet. Deswegen muss er schon mal Kritik aus der Bevölkerung einstecken.“
Die polnische Forstwissenschaftlerin und Biologin Simona Kossak, die im letzten europäischen Urwald, dem Nationalpark von Bialowieza, lebte (sie starb 2007), entwickelte mit der Zeit ein Vertrauensverhältnis zu etlichen Wildtieren. Sie kamen in ihr Haus und begleiteten sie auf ihren Streifzügen. Das galt auch für einen Luchs. Abgesehen von Simona Kossak gab es dort noch eine Reihe anderer Biologen. Sie erforschten im Nationalpark Wölfe. Um sie zu besendern, fingen sie die Tiere mit Fallen. Als ein Luchs darin verendete, legte Simona Kossak sich mit ihnen an. Ihr Streit ging bis vor ein Gericht. Einmal spazierte sie mit „ihren“ Rehen durch den Wald, als diese plötzlich stehen blieben und sie laut warnten, nicht weiter zu gehen. Der Grund war die frische Spur eines Luchses. Dies bedeutete: Sie war ein Mitglied des Rehrudels geworden. „Wenn ich an dieses Erlebnis zurückdenke, wird mir warm ums Herz,“ schrieb sie. Es war ein „Durchbruch“ in ihrer Arbeit als Verhaltensforscherin.
Die Schweiz ist besonders rigide beim Bekämpfen von invasiven Arten und von Tieren, die sich nicht an die Regeln halten. Die Polizei.News meldeten aus dem Kanton Bern, dass die Überwachung eines Luchses mittels Kamerafallen ergab, dass er sich schuldig gemacht hatte, indem er sich das Eigentum eines Schweizer Bürgers angeeignet hatte. Er wurde deswegen umgehend zum Tode durch Erschießen verurteilt: „Nachdem es am 14. Oktober 2025 im Gebiet Kandergrund zu einem weiteren Nutztierriss gekommen war, konnte der dafür verantwortliche Luchs mittels Fotofallen eindeutig als das Individuum B903 identifiziert werden. Am 15. Oktober 2025 kehrte er zum gerissenen Tier zurück und wurde dabei von der Wildhut erlegt.“
Hinterpfote eines Bibers
Etwa zur selben Zeit hat man in der Schweiz einen männlichen Luchs namens „Jago“ mit einem GPS-Sender ausgestattet. Da sich der Luchs über mehrere Tage wiederholt an einen bestimmten Ort begab, wurde der Ort von Mitarbeitenden der Koordinationsstelle für Raubtierökologie und Wildtiermanagement auf Beutereste untersucht. „Dabei entdeckten sie dort eine Biberkelle (den abgeflachten Schwanz) sowie eine Hinterpfote eines Bibers. Es handelt sich um den ersten dokumentierten Fall in der Schweiz, bei dem ein Luchs einen Biber erbeutet hat. Die Erfassung eines solchen Prädationsereignisses ist vor allem durch den Einsatz moderner Telemetrie möglich geworden. Ohne die Ortungsdaten des GPS-Halsbands wäre ein gezielter Nachweis kaum realisierbar“, heißt es auf infofauna.ch (2025).
Luchse sind sehr scheu, zudem Nachttiere, die als Einzelgänger ihrer Beute auflauern. Diese besteht laut Wikipedia aus Hasenartigen und Nagetieren sowie Huftieren bis Rothirschgröße, außerdem aus Vögeln, Fischen und Reptilien; gelegentlich fressen sie auch Aas. Ihre Streifgebiete reichen von etwa 16 Quadratkilometern (weibliche Rotluchse) bis zu 248 Quadratkilometern (männliche Eurasische Luchse). Ihr Feind ist der Mensch: Jäger und Viehhalter sehen in ihnen Konkurrenten, vielerorts werden sie auch wegen ihres Fells gejagt.
Zudem leiden sie unter der Fragmentierung und Zerstörung ihrer Lebensräume aufgrund der Intensivierung von Land- und Forstwirtschaft und teilweise auch unter Störungen durch menschliche Freizeitaktivitäten. Weitere Gefahren für Luchse sind der Straßen- und Schienenverkehr sowie der Einsatz von Rattengift.
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