Die Wahrheit: Die nudelige Tristesse des Daseins
Von Nudelsalaten und falschen Freunden. Manche Feste kommen, wie sie gehen. Also, die Freunde jetzt. Oder wie?
O Gott“, seufzte Raimund, „Nudelsalat! Mit zerkochten Farfalle, Dosenerbsen und zäher, klebriger Mayo … Man kann diesen Pamp vielleicht beim Hausbau verwenden, aber doch nicht essen!“ Er ließ seinen Blick über den Tisch schweifen, betrachtete die gefüllten Datteltomaten, die Blätterteigtaschen, die Hackbällchenpyramide und stöhnte. Nicht einmal Ömers Fladenbrot konnte er anschauen, ohne dass Verzweiflung seinen Blick verschleierte. „Dieses Partybuffet“, ächzte er, „spiegelt die ganze Tristesse des Daseins – entsetzlich!“
Er verließ kopfschüttelnd die Küche und schlurfte durch den Flur, wo ein paar Gäste an die Wand gelehnt auf dem Boden saßen und über den Klimawandel, Corona und die Taktik des FC St. Pauli beim letzten Heimspiel sprachen. Im großen Zimmer vorne schubsten sich Thorsten und Rob abwechselnd von der Anlage weg, um apokryphe Aufnahmen von Zappa, Laurie Anderson und irgendwelchen spanischen Elektropunkbands aufzulegen und lange Monologe über die Perspektiven revolutionärer Musik zu halten. Das war zwar lehrreich, führte aber dazu, dass niemand tanzte und die Leute genervt den Raum verließen und viel zu schnell viel zu viel Bier tranken.
Raimund schloss die Augen und rieb sich erschüttert die Stirn. Obwohl es noch nicht einmal elf war, saßen Daniel und Betty im kleinen Gästezimmer schon eng umschlungen auf dem Sofa und knutschten sich verbissen. Wir kannten das, sie hatten das schon auf tausend Partys gemacht und würden später zu ihm oder ihr gehen und morgen früh nicht mehr wissen, was sie miteinander reden sollten. „Entsetzlich“, schnaufte Raimund, „ein Alptraum!“
Er trottete wie ein gebrochener Mann zurück in die Küche, wo sich mittlerweile Madsen mit seinem Gefolge breitgemacht hatte. Wie üblich begleiteten ihn drei oder vier junge Studentinnen, die verzückt an seinen Lippen hingen, wenn er mit seinem schrecklichen Knödelbass pathetische Arbeiterkampflieder schmetterte. Der Nudelsalat vibrierte, die Gläser klirrten im Schrank, die jungen Damen wiegten sich selig hin und her, und Raimund presste die Hände auf die Ohren und rannte mit schreckensgeweiteten Augen davon.
Wohin willst du?
„Wohin willst du?!“, rief ich, während er durch die Wohnungstür schoss. „Weg!“, rief er und sprang die Treppe hinunter. „Aber das geht nicht!“ – „Wieso nicht? Natürlich geht das!“
Wir verließen das Haus, gelangten auf die Straße, und er zögerte einen Augenblick und überlegte, welche Richtung er einschlagen sollte. „Weil“, keuchte ich außer Atem, „das deine Freunde sind! Du hast sie selber eingeladen, du hast den Nudelsalat gemacht und die Tomaten gefüllt, denn es ist, verdammt noch mal, deine eigene Party!“
Doch das war ihm egal, und er rannte wieder los, irgendwohin, wo, wenn er Glück hatte, eine Reinkarnation von Harry Rowohlt an der Theke saß und Witze erzählte.
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