Die Wahrheit: Sugo für’n Hugo

Wien ist speziell, seine Zeitungslandschaft auch. Besonders erhellend: die rechten gratis Wegwerfblätter. Ein komischer Streifzug.

Wer was wissen will über die Welt, der muss Zeitung lesen. Wer dazu was abgründig Witziges lesen will, der muss diese Wegwerfblätter lesen, die es zum Beispiel in Wien in jedem Altpapiermüll­kübel ganz in der Nähe jeder U-Bahn- oder Tramhaltestelle gibt.

Da gibt es nämlich zwei. Also zwei Wegwerfblätter, das eine heißt eigentlich Österreich, aber nach dem gleichnamigen Wegwerffernsehsender Ö24, das andere heißt auch morgen noch Heute. Sagen wir, die beiden fusionieren, dann hießen sie zusammen Heute Österreich. Und morgen dann vielleicht Die Ganze Welt.

Besonders Heute erfreut den Leser mit auch schon aus anderen Zeitungen bekannten Techniktricks: Alliterationen oder Reime in nebeneinander stehenden Überschriften zum Beispiel. So heißt es in der Ausgabe vom vorigen Donnerstag „Reptil: Gecko reiste im BH mit“ neben „Machtspiel: Aus für Außenminister“ sowie „Subtil: Biden posiert mit Trump-Fans“ und schließlich „Stil: Mit Kleidern gegen die Taliban“. Wobei „Subtil: Gecko reiste im BH mit“ oder „Reptil: Biden posiert mit Außenminister“ lustiger und wahrer gewesen wäre. Aber ja, diffizil.

Auch sonst reichen die Seiten zwei und drei, um sich ein Gesamtbild von Heute zu machen. „‚Impotent‘: Rapperin streitet mit Premier“ wird da vermeldet, neben einem Glamourfoto eben jener Rapperin im offenherzigen Plüschkitschkostüm. Auf der anderen Seite gibt es die tägliche Kanzlermeldung: „Kurz ab Montag in New York“. „Berlin will Kinder aus Lokalen aussperren“, weiß Heute, dabei wollen das eigentlich alle, nicht nur „Berlin“, und ein Hund hängt in einer Riesentüte, in die fünf Löcher geschnitten wurden, damit ihm die Zehennägel geschnitten werden können.

Warum das lesen? Weil es inspirierend ist. Man erwischt sich, wie man selbst neue schöne Schlagzeilen und die dazu passenden Nachrichten erfindet. „Diskriminiert: Warum darf Kaa nicht mit zum Heimtiertreff?“ könnte die sommerlochübliche Schlangenmeldung sein, vor der Ophidiophobe kreischend wegrennen dürften; „Dom soll nicht mehr in Kölle gelassen werden“ hätte Tiefe und Intellekt, weil die Kenntnis eines Schlagers der Bläck Fööss vorausgesetzt wird. Dahinter könnte eine gut recherchierte Geschichte über eine Bürgerinitiative für die Versetzung des Doms stecken.

„Die Sugo ist für’n Hugo“ sollte auf der Rezepteseite stehen und von zwielichtigen Pastasoßen abraten; und „Ein Strampeltier namens Egon“ von der Ü90-Strampel-WM der männlichen Windelträger im schweizerischen Lausanne berichten. Sport und Gesellschaft, People und Mode, alles drin.

Mit der Verpönung dieser auch politisch schwierigen Blätter steht man gesellschaftlich zwar auf der richtigen Seite; allein, ein Verlust wäre der Verzicht auf sie schon. Nicht auszudenken, dass sie einmal durch digitale Wegklickfenster ersetzt werden könnten. Wo bliebe denn dann das alltägliche Schmunzeln in der Tram, zu Wien Bim!?

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kari

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