Die Wahrheit: Brummende Reiter der letzten Tage

Sie machen Krach, legen sich in die Kurven, bieten bei Transplantationswetter ihre inneren Organe feil. Eine kleine Typologie der Motorradfahrer.

Illustration: ein paar Steinzeitmenschen. Einer sitzt auf einem Steinrad und mscht Brumm-Geräusche. Ein Dinosaurier schaut von der Ferne zu.

Illustration: Ari Plikat

Als Steckenpferd ist das Motorrad dem Untergang geweiht – wie das Erstellen von Mixtapes, das Sammeln von Abdichtgummis auf Colaflaschen mit Bild drin oder das Onanieren zur Bademode im aktuellen „Otto“-Katalog. Alte sterben aus, Junge spielen lieber Playstation. Wenn sich doch einmal Nachwuchs auf eine Suzuki oder ähnliches schwingt, verwechselt er die Straße mit der Playstation und stirbt ebenfalls. Anwohner stark befahrener Strecken im Ländlichen werden widersprechen, aber die Sache ist vorbei, over, finito, passé. Hohe Zeit also für die Wahrheit, die „Reiter der letzten Tage“ in einer kleinen Typologie unter die Lupe zu nehmen.

Assistenzsystemfahrer fahren nicht mehr selbst, sie lassen fahren – nämlich ihre Assistenzsysteme. Die dienen vor allem dazu, die absurde Motorleistung entgegen jeder Vernunft und aller Gesetze der Physik auf die Straßen zu bringen. Der Hinterreifen kann nicht mehr durchdrehen, der Vorderreifen nicht mehr abheben. Wenn’s regnet, hat die Maschine statt 200 nur noch 20 PS. Kurventaugliche Schlupfkon­trolle verhindert ein Wegrutschen des Reifens in der Kurve, Abstandsradar ein zu dichtes Auffahren. Der Totwinkel-Assistent erkennt, wenn man sich im toten Winkel eines Autofahrers befindet. Falls es doch einmal knallt, ruft das Moped per GPS und Funk autonom den Notarzt. Wenn das Motorrad den Unfall besser überstanden hat als sein Fahrer, übernimmt es auch die Reha.

Heizer sind, wie Harleyfahrer, Relikte einer vergangenen Ära. Sie fahren gern „sportlich“ und tragen Leder, dessen Beinkleid dergestalt abgepolstert ist, dass sie in Kurven das Knie über den Asphalt schleifen lassen können. Ihre Fahrzeuge wiegen weniger als ein Kleinkind und haben bis zu 200 PS, vor wenigen Jahren noch hätten sie damit mühelos Weltmeisterschaften für sich entschieden. Heute säbeln sie damit durch den Taunus. Heizer orgeln gern und montieren „Rennauspuffe“. Wenn wegen ihres Radaus im Grünen schöne Strecken gesperrt werden, protestieren sie dagegen orgelnd in den Innenstädten. Von vorn sehen ihre Maschinen meistens aus, als würden sie sagen: „Ergebt euch, Erdlinge, oder ihr werdet eliminiert!“ Heizer betreiben eine ohnehin riskante Tätigkeit mit enormer „Risikobereitschaft“. Sie sind die Freikletterer der Szene.

GS-Fahrer fahren eine BMW der GS-Baureihe. Die GS ist die meistverkaufte Maschine aller Zeiten und erinnert von vorn an Karl Dall, weil ein Scheinwerfer traditionell kleiner ist als der andere. Früher kauften Zahnärzte noch Harley, heute das angeblich geländetaugliche SUV auf zwei Rädern. Die GS erweckt den Eindruck, man könnte mit ihr stehenden Fußes und in einem Rutsch von Kassel bis Kapstadt durchfahren, und zwar mit einer Tankfüllung. Tatsächlich bedienen sich echte Afrikafahrer lieber schlichterer Modelle, die überdies nur einen Bruchteil dessen kosten, was der GS-Fahrer für seine vermutlich an Bord der Internationalen Raumstation ISS handgenähte Kombi hinzublättern bereit ist.

Warnwestenfahrer sind das Gendersternchen unter den gemeinen Motorradfahrern

Steckdosenfahrer bilden die Avantgarde des Motorradfahrens und sich darauf sehr viel ein. Statt „auf dem Bock“ sitzen sie auf einer Batterie, statt von einem klassischen Knattern (siehe: Harleyfahrer) werden sie von einem beinahe lautlosen Summen begleitet. Nicht nur, dass Autofahrer das Moped mit seiner schmalen Silhouette leider „nicht gesehen“, nein, jetzt werden sie es nicht einmal mehr gehört haben. Der E-Fahrer ist wie der E-Fahrradfahrer, also kein echter Fahrer, dafür aber ein schneller. Zum Ausgleich geht dem Gerät an der nächsten Straßenecke zuverlässig der Saft aus. Als ein US-Anbieter sein umweltfreundliches Elektromodell der Presse vorführte, natürlich auf der legendären Route 66, fuhr der Strom vorsichtshalber mit – auf Trucks mit Dieselgeneratoren.

Warnwestenfahrer sind auf allen Modellen zu finden (mit Ausnahme von Harley) und dem Flüstern der Vernunft („Lass es sein! Es ist irre gefährlich!“) insofern zugänglich, als sie in grellgelb reflektierenden Westen durch die Landschaft zockeln. Sie sind das Gendersternchen unter den Motorradfahrern. Als kurze Pausen auf zwei Rädern wollen sie für mehr Sichtbarkeit sorgen. Warnwestenfahrer lieben Assistenzsysteme, alles muss vernetzt sein. Gern tragen sie Integralhelme mit Gegensprechanlage, um sich jederzeit über das Verkehrsaufkommen informieren zu können. Ist es zu hoch oder hektisch, bleiben sie sicherheitshalber zu Hause.

Harleyfahrer sind die Quastenflosser unter den Motorradfahrern. Wer Harley fährt, könnte ebenso gut im Naturkundemuseum auf dem Skelett eines Dinosauriers reiten. In Innenstädten und von Ampel zu Ampel kommt der „Sound“ voll zur Geltung, weshalb der Harleyfahrer sich bisweilen wundert, warum ihm Passanten dafür nicht spontan Applaus zollen. Seine schmeißfliegenhafte Omnipräsenz im Urbanen steht in Gegensatz zu seinem Vorkommen jenseits der Stadtgrenzen. Mit seinem adipösen US-Vehikel meidet er konsequent enge Landstraßen, weil seine Schräglagenfreiheit bereits an ihr Ende gekommen ist, wenn man es auf den Seitenständer stellt.

GoPro-Fahrer sind, wie die Elektrofahrer auch, Sendboten einer Zukunft, in der das Motorrad keinen Platz mehr haben wird. Mithilfe einer würfelförmigen Kamera am Helm dokumentieren sie jeden zurückgelegten Kilometer, um am heimischen Rechner daraus Filmchen zu schneiden und mit Musik von Steppenwolf zu unterlegen. Bei Youtube kann man die Ergebnisse besichtigen. Der GoPro-Fahrer ist nicht um des Fahrens oder der Landschaft willen unterwegs, sondern weil er sich gern dabei zuschaut. Immer häufiger montiert er daher die Kamera am Lenker – und filmt sich selbst beim Fahren. Auf diese Weise entstehen immerhin beeindruckende Unfallvideos, von denen andere Motorradfahrer und Notärzte vor dem ersten Einsatz viel lernen können – besonders bei „Transplantationswetter“, wie Mediziner es nennen, wenn die Sonne lustig scheint und viele Motorradfahrer auf die Piste treibt.

Wiedereinsteiger sind Männer wie Frauen, gern auch im Doppelpack (er das große, sie das kleinere Moped), denen die Midlife-Crisis ein letztes Abenteuer diktiert, so wie der sterbende Baum ein letztes Mal ausschlägt. Die finanziellen Mittel sind inzwischen da, also muss es entweder eine Harley oder eine GS sein, die dann mit allen Assistenzsystemen ausgestattet und ausschließlich mit Warnweste gefahren wird. Der Wiedereinsteiger nimmt jede Fahrt mit der GoPro-Kamera auf. So kann er sich, wenn er die Maschine nach spätestens einem Jahr wieder verkauft, seinem „wilden Jahr“ wenigstens auf Festplatte erfreuen. Es ist das letzte Stadium seines ebenso brummenden wie schleichenden Todes.

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kari

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