Die Wahrheit: Der Mensch wackelt pandemisch

„Was wackelt, kippt nicht!“: An der Fitness arbeiten und Pfunde abschmelzen ist ein hehres Ziel, und geht weit über Nordic Walking hinaus …

Der Mensch ist eine wackelige Angelegenheit, jedenfalls bei Gleichgewichtsübungen. Ich bin da in etwas hineingeraten, was mich ständig an meine Grenzen bringt. Für den Monat Mai wurden sämtliche meiner Auftritte als Bühnenkünstler abgesagt. Was also tun? Meine Blutdruckwerte entwickelten sich, wie man sich das eher von Aktienkursen wünscht. Es ging beständig nach oben. Dazu kam ein gewaltiges Freizeitkontingent, das zu füllen war.

Die Frau in meinem Leben plant allerdings eine dauerhafte Zukunft und erfreulicherweise mit mir, dem seien diese Werte aber eher abträglich, argumentierte sie zielgenau. Meine Rentenerwartung legt mir zwar eher ein vorzeitiges Verscheiden nahe, aber grundsätzlich liebe ich die Zeit mit ihr, war also bereit, Lebensgewohnheiten zu überdenken, den Körper zu entrosten, Sehnen geschmeidig zu machen – kurz: an der Fitness zu arbeiten und Kilos abzuschmelzen.

Andere kaufen in der Pandemie teure Möbel oder eine neue Küche. Ich beschloss, direkt in mich zu investieren und begann am Bodensee eine Reha. Das nennt man „Badekur“, und tatsächlich muss man täglich ins Wasser, zur Gymnastik. Was wir „früher“ abfällig als „Hausfrauensport“ klassifiziert haben, auf einer Stufe mit diesem unfassbaren „Nordic Walking“, bringt mich nun zu Schweißausbrüchen in einem ansonsten angenehm kühlen Wasserbecken.

Das Schlimmste aber sind die Dehnübungen und die Wirbelsäulen-Gymnastik. Ständig steht man auf einem Bein vorn, das andere hinten, und hebt und senkt Körperteile. Die Anleitungen sind oft bildhaft: „Stellen Sie sich vor, an Ihrem Po ist ein Scheinwerfer befestigt, mit dem leuchten Sie nun hoch und runter, hoch und runter.“

Was nicht runtergeht, ist mein Gewicht. Ich wiege mich täglich. Am Tag meiner Ankunft standen auf meinem Essenzettel 1.800 Kilokalorien. Nach dem Eingangsgespräch mit dem Arzt verlor ich über Nacht unerwartet weitere 400, aber nicht Gramm auf der Waage, sondern Kilokalorien auf dem Zettel. Auf der Waage tat sich trotzdem nichts. Die Dame am Empfang tröstete mich: „Wenn Sie sisch auch mit Maschke wieget!“

Ich mache jede Menge Zusatztraining, weil ich meistens etwas vergesse. Zum einen die obligatorische Maske, die nur zum Training oder zum Essen abgesetzt werden darf, oder den „Laufzettel“, auf dem die Teilnahme an den Verordnungen „abgezeichnet“ wird. Dann muss ich jedes Mal zurück, die Treppen hoch, und versuche, mich dabei ohne die Maske nicht erwischen zu lassen und trotzdem noch pünktlich zu kommen.

Jetzt soll ich das rechte Bein im Stand über das linke schlagen, beide Füße nebeneinander stellen, Arme hoch und nach links dehnen. Als ich am ersten Tag meiner Lehre als Zimmermann oben auf einem wackeligen Holzgerüst stand, rief der Geselle zu mir hoch: „Was wackelt, kippt nicht!“ Ich habe ihm schon damals nicht geglaubt, und in diesem Augenblick zweifle ich mehr denn je.

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Der Kabarettist und Autor Bernd Gieseking steht seit über zwanzig Jahren auf der Bühne. Er schreibt Kolumnen für die »Wahrheit«-Seite der »taz«, Kinderhörspiele für den WDR Hörfunk sowie Bücher – und die am liebsten über Finnland: »Finne Dich Selbst!« und »Das kuriose Finnland-Buch«, alle erschienen im Fischer Verlag. Wenn er nicht schreibt, dann tourt er mit seinen Kabarettprogrammen »Gefühlte Dreißig«, »Finne Dich Selbst!« sowie - jeweils in den Wintermonaten - mit seinem alljährlichen satirischen Jahresrückblick »Ab dafür!« durch die Republik.

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kari

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