Die Wahrheit: Schallallalie – überall Widerhall!

Wenn das liebe Tal um mich dampft, von oben der Ruf nach Echo stampft: Das Spiel mit dem Schall wird einfach nie alt.

Ein Feuerwehrmann am Ufer eines Schluchtensees.

Hier ist beim Echo samt Schluchten­juchzen wohl irgendwas schief­gegangen... Foto: Gian Ehrenzeller/dpa

Die Nymphe Echo gilt als Erfinderin des Echos, doch eigentlich verdanken wir das Phänomen des Widerhalls der rachsüchtigen Hera. Im Auftrag von Zeus hatte die gesprächige Nymphe dessen argwöhnische Gattin Hera in langen Gesprächen hingehalten, sodass dieser seinen amourösen Abenteuern nachgehen konnte.

Als Hera dessen gewahr wurde, beraubte sie die Nymphe Echo der Sprache: Rache, Rache! Echo konnte fortan nur die letzte Silbe der Worte wiederholen, die an sie gerichtet wurden. Die sprachlich geforderte Nymphe verliebte sich zu allem Überfluss ausgerechnet in den selbstverliebten Narziss, der sie natürlich verschmähte. Die unglückliche Nymphe soll sich daraufhin körperlich so nach ihm verzehrt haben, dass nur Stimme und Gebeine übrig blieben, die sich am Ende in Felsen verwandelten. Daher kommt es also, dass felsige Schluchten das Echo zurückwerfen.

Die beliebte Ansage auf Anrufbeantworter und Mailboxen, „Ich bin gerade nicht da, aber ich rufe zurück!“, ist ein schön zeitgemäßes Echo auf das Verschwinden der unglücklichen Nymphe. Von Urheberrechtswegen hätte das Echo jedoch nach der rachsüchtigen Hera benannt werden müssen. Immerhin erinnert die Heraldik oder Wappenkunde an Heras Vermögen, sich gegen Zeus’ Anfechtungen zu wappnen.

Als Echo noch richtig reden konnte, sagte die Nymphe gerne: „Wie man in den Wald hineinruft, so ruft es zurück.“ Doch in einen Wald hineinrufen ist weniger ratsam, denn der schweigt meistens nur bedeutsam zurück. Für einen richtigen Rückruf eignet sich eine schöne Schlucht viel besser. Denn jede bessere Schlucht hat mindestens eine Wand, die den Schall umgehend zurückwirft. Dabei verschluckt sie meistens die Hälfte, doch gerade das macht den Schluchtenjuchzern am meisten Spaß. Schluchtenjuchzer, so nennt man die Jünger und Jüngerinnen der neuen Trendsportart Schluchtenjuchzen. In einer Zeit, wo singuläre Aktivitäten im Freien gefragt sind, ist das Spiel mit dem Echo der letzte Schrei.

Reim, komm raus

Dabei kommt es nicht nur darauf an, wie man in die Schlucht hineinruft, sondern genauso wichtig ist, was man hineinruft. Der Echoklassiker lautet natürlich „Wie heißt der Bürgermeister von Wesel?“ Leider ist die allseits bekannte Esel-Antwort völlig falsch, denn der Bürgermeister von Wesel ist eine Frau von der SPD und heißt Ulrike Westkamp. Wichtig für einen guten Echojuchzer ist aber nicht, dass er politisch korrekt ist, sondern dass er Spaß macht, wie schon Umberto Echo feststellte.

So gefällt Ina sicherlich die Antwort auf „Wie heißt der Kaiser von China?“, Atze hört lieber gerne das Echo von „Wer ist der schönste Mann am Platze?“ und Tim beömmelt sich über „Was essen Studenten? Enten“ und die Uhrzeit „In Machdeburch is achte durch“, also kurz nach acht. Einzelgänger und Menschenfeind Kalle ruft herausfordernd: „Wen hasst Kalle?“ und grinst beim Echo. Dem lässt er ein schallendes „Wen ich noch mal umbringe?“ folgen und erntet einen vernichtenden Blick von Inge.

Naturgemäß sind viele Juchzerinnen und Juchzer inhaltlich eher schlicht, doch die meisten stört das nicht.

Wichtig: das Wo

Der dritte Echofaktor nach dem Wie und Was ist das Wo. Dazu gibt es Echogeheimtipps, die nur hinter vorgehaltener Hand ausgerufen werden. Ein ganz alter Tipp ist der Loreleyfelsen am Rhein. „Ein Pistolenschuss lässt sich dort 17- bis 20-mal in den merkwürdigsten Veränderungen vernehmen.“ Berichtet der Meyer („Wer hat Eier“) von 1875.

Die Rüdesheimer Grotten sind für ihre besonders deftigen Repliken bekannt und ganz berühmt für die Akustik ist Halle an der Saale. Der schönste Echosaal ist aber der Karyatidensaal im Louvre. Dort stehen an beiden Enden des Raumes Vasen. Spricht man leise in die eine, hört man das leise Echo in der anderen.

Höhepunkt der wiederholten Echolalie ist der Echoflügel der Villa Simonette in Maimailand. Dort wiederholt sich jedes Wowort 24 bis 30 malmal. Das weiß wiederum der Eiermeyer von 1875, ich-ich.

Ergo: Ob in Wesel, Mailand oder am Loreleyfelsen – eins ist klar, keine andere Trendsportart ist so nachhallig wie das Schluchtenjuchzen!

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