Die Wahrheit: Sich selbst was zu sagen haben

Das Schweigen hat ein Ende: In der heutigen Selbstbespiegelungsgesellschaft wird das gute Selbstgespräch wieder gepflegt.

Ein Paar sitzt an einem See, aus dem ein Handy herausragt.

Das narzisstische Paar unmittelbar vor der Selbstbespiegelung Foto: Uli Deck/dpa

Wer in Zeiten des permanenten Dialogs mit dem Smartphone einmal innehält und sich fragt: „Mit wem spreche ich eigentlich am meisten?“ Der oder die wird eine erstaunliche Antwort bekommen – „mit mir selbst!“ Kein Wunder, denn wer ist uns am sympathischsten? Wir selbst sind es. Und wen mögen wir am liebsten? Uns selbst.

Deshalb steht auch jeder in einem ständigen Dialog mit sich selbst, oder besser gesagt, einem Monolog mit sich selbst. Denn reden wir mit uns selbst, können wir uns angeblich sicher sein, dass wir beide dieselbe Meinung haben. Das nennen Kommunikationsforscher „Zwillingsphänomen“, da Zwillinge, heißt es, sich nie widersprechen, weil sie sich auch in ihren jeweiligen Meinungen gleichen wie ein Ei dem anderen.

Einen kontroversen inneren Dialog führen dagegen Einzelkinder wie der innerlich zerrissene Gollum aus „Herr der Ringe“, was uns lehren sollte, dass so eine permanente innere Debatte auch den besten Hobbit zermürbt.

Unter Menschen sind Frauen und Männer durchaus unterschiedlich, was Selbstgespräche angeht. Frauen machen sich häufiger Vorwürfe, dass sie zu wenig mit sich selbst reden, während der Mann gern schon mal das Selbstgespräch einstellt oder sich selbst sagt, jetzt sag ich (auch mir selbst) mal nichts.

Äußern per äußerem Dialog

Das ist so weit nicht weiter schlimm, solange das nicht daher rührt, dass man sich selbst nichts mehr zu sagen hat. In dem Fall jedoch sollte man umgehend zu einem Selbstgesprächstherapeuten gehen, wenn man denn einen Termin bekommt. Denn diese Dialogexperten sind leider auch meist hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt und brauchen etwas richtig Überzeugendes, wie das Knistern von großen Geldscheinen, um aus sich selbst herauszukommen und in einen äußeren Dialog zu treten.

Jeder neu abgeschlossene Gesprächsvertrag sagt dem Selbstgesprächstherapeuten, dass er ein wertvoller und besonderer Mensch ist, besonders wenn er auf den einträglichen Preis seiner Gruppensitzung blickt. Denn in der Selbstgesprächstherapie gibt es nur Gruppensitzungen, da zu einem guten Selbstgespräch bekanntlich immer zwei gehören, nämlich das Ich und das Selbst. So eine Gruppensitzung geht natürlich ins Geld – und der Klient fängt an, sich ganz viel zu sagen. Gut, wenn das der Therapeut nicht hören kann, denn Begriffe wie „Kurpfuscher“ und „Blutsauger“ hört kein Selbstgesprächstherapeut gerne. Für den Therapeuten außen ist das auch nicht zu hören, aber der Dialog innen ist umso lauter. Da die zwei innen sich dann gewöhnlich rasch einig sind, dauert eine Selbstgesprächstherapie meist nicht sehr lange, und es heißt „Wir kündigen Ihnen!“

Die Selbstgespräche zu Hause sind natürlich wieder genauso redundant und langweilig wie vorher, das Selbst bleibt eben doch das alte. Doch es geht auch ohne Therapeuten, es heißt ja nicht umsonst „Selbst ist der Mann, selbst ist die Frau, wir machen’s selbst, genau!“ So ploppen überall Selbstgesprächskreise auf, in denen man lernt, sich selbst gut zu unterhalten. Wie angenehm so ein innerer Gesprächskreis ist, weiß nur derjenige zu schätzen, der so einen Salon einmal besucht hat. Die absolute Stille der Teilnehmer beeindruckt selbst das kritischste Selbst.

Doch was lernt man und frau dort im stillen Kreis? Zunächst, dass sich ein gutes Selbstgespräch im Selbstgesprächskreis im Kreis drehen darf, aber eins darf es nie, nämlich langweilen. Man lernt in so einem Gesprächskreis auch, sich selbst nicht dauernd zu unterbrechen und sich selbst ausreden zu lassen. Sich selbst anzuschreien oder gar herumzuschubsen ist in diesen Gesprächskreisen selbstredend verpönt. Aber wem sage ich das eigentlich? Vermutlich mir selbst.

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