Die Wahrheit: Lebenslänglich für Virus

Die Ziellinie der Pandemie ist in Sicht, Corona endlich besiegt – auf juristischem Wege. Die Radikalen Liberalen klagen.

Eine Person schwingt eine Sense, dahinter gleißendes Sonnenlicht.

Wird demnächst ebenfalls verklagt: der Sensenmann Foto: Reuters

„Wir werden ihn jagen“, ruft Christof Lindemann und winkt mit geballter Faust fröhlich lachend in die Webcam. Auf der anderen Seite der Leitung sitzt der Anwalt Gerd-Günter Kolowski in seiner Kanzlei. Er wird gleich losfahren, um die Klageschrift bei Gericht einzureichen. Lindemann, seines Zeichens städtischer Sachbearbeiter im Sozialamt Freiburg, ist Generalsekretär der Partei Radikale Liberale, kurz RL, und will Corona verklagen.

„Wegen Freiheitsberaubung in 80 Millionen Fällen über acht Wochen“, erläutert Lindemann, „das sind 107.502.000.000 Stunden. Freiheitsberaubung wird in Deutschland eigentlich strafrechtlich verfolgt. Eigentlich! Ein Wunder, dass da der Generalbundesanwalt nicht schon längst dransitzt! Ein Skandal!“

Und es sei ja nicht nur die Freiheitsberaubung an sich, mischt sich nun Kolowski ein, es seien ja auch die Folgeschäden dieser Freiheitsberaubung – häusliche Gewalt, Vereinsamung, Depressionen – und die Wirtschaft.

„Einige unserer Freunde in der liberalen Schwesterpartei sind schon verrückt geworden und reden wirres Zeug“, ergänzt Lindemann. „Und von den Todesopfern mal ganz zu schweigen. Nein“, Lindemann schüttelt erregt den Kopf, „wir dürfen die Todesopfer nicht verschweigen!“

Aber ist nicht eigentlich die Regierung an den Anti-Corona-Maßnahmen schuld?

Hauptverantwortlich ist das Virus

„Ja, das denken viele“, sagt Lindemann lachend. „Und so schwer es mir als Oppositionspolitiker fällt, die Regierung in Schutz zu nehmen, aber die reagiert ja nur auf die Gefahr. Hauptverantwortlich ist das Virus. All die Maßnahmen wären ja nicht nötig, wenn Corona nicht machen würde, was es macht. Nämlich krank. Der Verursacher der Maßnahmen ist das Virus, nicht Frau Merkel.“ Freiheitsberaubung sei ja nicht nur eine Straftat, sie verstoße auch gegen die Verfassung. „Ein Wunder, dass da der Verfassungsschutz nicht schon längst dransitzt! Ein Skandal!“, sagt Kolowski.

„Wenn wir gewinnen“, sagt Lindemann, „und da habe ich gar keinen Zweifel, dass wir das tun, wenn wir gewinnen, ist die Coronakrise vorbei, zumindest in Deutschland. Das bedeutet ‚lebenslänglich‘ für das Virus!“

„Minimum fünf Jahre“, mischt sich der Anwalt ein, „aber vielleicht gibt es einen Präzedenzfall wegen der 80 Millionen Opfer, und wir kommen auf gut zehn Jahre.“

„Und bis dahin sind alle geimpft – freiwillig, versteht sich“, sagt Lindemann.

Teile der Radikalen Liberalen überlegen sogar, ob man für diesen Fall nicht die Todesstrafe einführen könnte. Nur ausnahmsweise. Schaut man ins Ausland, werden solche Dinge bereits durchgeführt. Donald Trump hat erst kürzlich per Edikt die Todesstrafe gegen das Coronavirus verhängt. In einer Pressekonferenz, die unter Ausschluss von Journalisten stattfand, sagte der US-Präsident: „Every single of this tiny little coronavirus will be shot dead in no time. That’s great. By the police. By every patriot who has a gun. That’s what guns are for.“

Ähnlich hart wie die USA greift auch Russland durch. Dort hat Wladimir Putin vorige Woche das Ausatmen in der Öffentlichkeit unter Strafe gestellt. Dies werde die Zahl der Ansteckungen drastisch verringern. Wenn nicht, würde eben noch das Einatmen verboten.

So etwas sei in Deutschland selbstverständlich undenkbar, sagt Lindemann, „noch“. Deshalb sei der Weg, Corona zu verklagen, auch der einzig machbare. Das Virus käme erst ins Gefängnis und müsse später dann Entschädigung zahlen. Das Virus oder die Leute, die dahinter stecken, Wissenschaftler und Laboranten in irgendwelchen geheimen Biowaffen-Einrichtungen, die den Erreger erschaffen hätten. In China oder woanders. Schließlich müssten auch Eltern für ihre Kinder haften.

Die Radikalen Liberalen arbeiten unterdessen an weiteren Klagen. Gegen andere Krankheiten und Tücken des Lebens.

„Als Nächstes kommt dann der Klimawandel dran.“

„Es gibt keinen Klimawandel“, sagt Gerd-Günter Kolowski.

Dann eben das Wetter

„Stimmt, es gibt ja keinen Klimawandel. Dann eben das Wetter. Das Regenwetter. Und wenn’s zu warm ist. Und Wind. Das Wetter nimmt uns jede Freiheit. Die Freiheit ist unser höchstes Gut. Nach dem Geld natürlich. Jeder, der uns der Freiheit beraubt – sei es Mensch, Virus oder Wetter – muss mit der vollen Härte unserer Gesetze rechnen“, hat sich Lindemann in Rage geredet.

„Und zuletzt“, haucht Christof Lindemann erschöpft, „kommt der Tod dran. Wir werden ihn jagen!“ Denn wer beraube uns unserer Freiheit mehr als der Tod. Wir könnten nicht mehr hingehen oder wohnen, wo wir wollten, und eingesperrt sei man auch – in irgendwelchen Holzkisten auf Friedhöfen. Auch mit der Meinungsfreiheit sehe es sehr schlecht aus, wenn man erst einmal tot sei, das wäre nicht anders als in China.

„Wir werden sie alle jagen.“

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