Die Wahrheit: Ein Block, zwei Welten

Im Spätkauf geht es zu wie in der Serie „4 Blocks“. Ist doch der Chef der Bruder des Hauptdarstellers. Behauptet der Chef, der Bruder von allen ist.

Mit dem Spätkauf fing es an. Den haben die freundlichen jungen, libanesisch-hintergründigen Herren im ehemaligen Sonnenstudio „Sunny Days“ aufgemacht. Den Namen haben sie einfach beibehalten. Dann haben sie im Haus daneben einen Frisörsalon eröffnet, den sie der Einfachheit halber auch „Sunny Days“ nannten, was ja eine geradezu wohltuende Abwechslung zu all den „Hairlich“- und „Mata Haari“- und „Haare Krishna“-Friseursalons darstellt.

Es folgte ein Spielautomatenladen mit dem durchaus philosophisch anmutenden Namen „Sunny Nights“, und schließlich haben die Frauen der Jungs daneben einen Aufbackshop eröffnet, nachgerade zwingend „Sunny Mornings“ geheißen.

Da stehen die Ladys nun zu zweit, die eine verschleiert, die andere mit blau gefärbten Haaren, Tattoos und knallpinken Queen-Nails mit Silberglitzern an den Fingern, und verkaufen belegte Brötchen und immer nur halb aufgetaute Berliner. Wenn man die aber bei ihrem ordnungsgemäßen Namen „Berliner“ bestellt, schallt einem von beiden Damen sofort ein empörtes „Wallah, das ist Pfannkuchen, wir sind hier in Berlin, hier heißt das Pfannkuchen, du Schwabe!“ entgegen. Dabei bin ich aus Westfalen.

Es ist halt unser ganz eigener Block, denke ich manchmal, und lustigerweise sieht der Spätkauf-Chef auch genauso aus wie der Hauptdarsteller aus der Serie 4 Blocks“. „Ey, kennst du ‚4 Blocks‘?“, fragte er mich eines Nachts an der Kasse unvermittelt, als ich mein Sixpack auf den Tresen stellte. Als ich verneinte, sagte er: „Musst du unbedingt gucken, Bruder! Ist voll cool. Mein Bruder ist Toni, der Hauptdarsteller.“ – „Ja klar, Bruder“, sagte ich, und er erwiderte: „Nee, mein richtiger Bruder, Bruder!“

Dann habe ich aus Neugier tatsächlich 4 Blocks geguckt, und es war wirklich voll cool, aber ich bin seither nicht sicher, ob zu viel Nähe zu den Sonnenkindern eine gute Idee ist. Neulich wollte ich dort einen Schwung Zwei-Cent-Briefmarken kaufen, weil ich noch alte 68-Cent-Marken zu Hause hatte, und der Sonnenchef drückte mir einen ganzen Block in die Hand. Als ich bezahlen wollte, sagte er mit diesem gönnerhaften Paten-Ton wie Toni in „4 Blocks“: „Lass mal, Bruder. Für diese bescheuerten Zwei-Cent-Marken will ich kein Geld, nimm einfach, so viele du brauchst.“

Ich bedankte mich verblüfft – und war wirklich dankbar, weil ich befürchtet hatte, sie könnten die bescheuerten Zwei-Cent-Marken gar nicht führen und ich müsste mir wegen dem Quatsch einen Tag frei nehmen, um in den Vorhof der Hölle zu gehen, in die letzte verbliebene Postfiliale des ganzen Stadtteils. Aber er sagte nur: „Kannst sicher auch mal was für uns tun, Bruder.“ Als ich ihn daraufhin irritiert ansah, lachte er und sagte: „Kleiner Scherz, Dicker. Nur weil mein Bruder bei ‚4 Blocks‘ mitspielt, musst du keine Angst haben.“

Ich lachte mit, und als ich rausging, rief er mir noch nach: „Aber ‚4 Blocks‘ ist alles nach wahren Begebenheiten, krass authentisch!“

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Heiko Werning ist Reptilienforscher aus Berufung, Froschbeschützer aus Notwendigkeit, Schriftsteller aus Gründen und Liedermacher aus Leidenschaft. Er studierte Technischen Umweltschutz und Geographie an der TU Berlin. Er tritt sonntags bei der Berliner „Reformbühne Heim & Welt“ und donnerstags bei den Weddinger „Brauseboys“ auf und schreibt regelmäßig für Taz und Titanic. Letzte Buchveröffentlichung: „Vom Wedding verweht“ (Edition Tiamat).

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