Die Wahrheit

Der süße Wind küsst sanft die Bäume

Lorenzo bog in letzter Minute vor Irland ab. Der Tropensturm war als Jahrhundert-Orkan angekündigt worden. Jetzt ist der Spott groß.

Es war windig in der Nacht zum Freitag. Der Sturm mit dem schönen Namen Lorenzo, der Irland heimsuchte, war als Orkan auf der anderen Seite des Atlantik gestartet. Irlands meteorologisches Institut hatte Windgeschwindigkeiten von 130 Kilometern pro Stunde prophezeit und die zweithöchste Warnstufe Orange ausgerufen. Prima, dachte ich, da kann ich meinen neuen Regenschirm ausprobieren, der laut Garantie bis zu 140 Kilometern standhalten soll.

Auf seinem Weg über den Atlantik ging Hurrikan Lorenzo aber die Puste aus. Es lohnte nicht, den Schirm überhaupt aufzuspannen. Manche Leute machten sich in den sozialen Medien über das meteorologische Institut lustig, weil es wieder einmal danebengelegen hatte. Einer zitierte sogar den „Kaufmann von Venedig“ von William Shakespeare: „Der Mond scheint hell in einer Nacht wie dieser, als der süße Wind die Bäume sanft küsste.“

Der Klimatologe Kieran Hickey entgegnete, Lorenzo sei in letzter Minute kurz vor der irischen Westküste nach Westen abgebogen, was niemand ahnen konnte. „Da Irland in einem dynamischen Wetterumfeld liegt, darf man nicht überrascht sein, was es für uns bereithält“, sagte er.

Da die Sache mit der Wettervorhersage recht unzuverlässig ist, wendet sich das meteorologische Institut in Dublin lieber der Vergangenheit zu. Es will das Wetter der vergangenen 200 Jahre erforschen, um Aufschlüsse über den Klimawandel zu erlangen. Es gibt handschriftliche Aufzeichnungen, die bis ins Jahr 1830 zurückreichen. Bevor die alten Lederordner zerfallen, müssen sie digitalisiert und ausgewertet werden, was nach Berechnungen der Meteorologen 9.360 Stunden dauern wird.

Festgehalten wurden damals Sonnenstunden, Temperaturen, Luftfeuchtigkeit, Wind und Regen sowie extreme Wetterbedingungen. Als Dürre gelten Perioden von mindestens 15 Tagen mit weniger als 0,2 Millimeter Regen. Eine Hitzewelle liegt hingegen vor, wenn die Temperatur an fünf aufeinanderfolgenden Tagen auf mindestens 25 Grad steigt. Wenn das geschieht, spricht man in Irland noch jahrelang davon.

Ohnehin ist das Wetter stets Gesprächsthema. Selbst der scharfzüngige Dubliner Satiriker Jonathan Swift äußerte sich zu dem Thema: „Das Wetter ist sehr warm, wenn man im Bett ist.“ Es ist verblüffend, wie viele Bezeichnungen die Iren für Regen haben. Einen Tag mit Nieselregen nennen sie zum Beispiel einen „soft day“.

Das unbeständige Wetter hat den Iren immerhin die Eroberung durch die Römer erspart. „Die Herren des schönsten und reichsten Klimas auf dem ganzen Globus“, schrieb der englische Historiker Edward Gibbon im Jahr 1784, „wandten sich mit Verachtung von den düsteren und von Winterstürmen befallenen Hügeln ab, von den im blauen Nebel versteckten Seen und von der kalten und einsamen Heidelandschaft, über welche das Rotwild von nackten Barbaren gejagt wurde.“

So denken die meisten Engländer heute noch über Irland.

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Geboren 1954 in Berlin. 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren“, „Der gläserne Trinker“, "Türzwerge schlägt man nicht" (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch), "Mein Irland" (Mare) etc.

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