Die Wahrheit

Erdwürmer und Ohrmäuse

Und wieder ein Trend, der in England trendet und über den Ärmelkanal schwappt: Riesenohrlöcher sind out, der letzte Schrei sind Mäuse!

Engländer sind exzentrisch, das ist bekannt. Man denke an Sportarten wie die Wurmlockmeisterschaften in Blackawton in der Grafschaft Devon, bei denen es darum geht, so viele Würmer wie möglich aus dem Erdreich zu locken. Oder die Ringermeisterschaften, die in einem mit Bratensauce gefüllten Planschbecken ausgetragen werden.

Den Fußball sollen die Engländer auch erfunden haben. Schon seit dem 17. Jahrhundert wird in Derbyshire zur Fastnacht ein Wettkampf zwischen zwei Dörfern ausgetragen, bei dem es darum geht, einen Ball im gegnerischen Tor unterzubringen. So weit, so normal. Aber hier dauert das Spiel zwei Tage, und die Tore stehen fünf Kilometer voneinander entfernt. Interessant ist auch das Schneckenrennen in Norfolk auf einem nassen Tischtuch von fünfzig Zentimeter Durchmesser.

Die Tiere, die unterwegs an Erschöpfung sterben, werden von Jack Devaney aus Plymouth eingesammelt. Er macht Ohrringe aus ihnen. Meistens benutzt er dafür aber Mäuse. Der 24-jährige Student ist auf die Tierpräparation gestoßen, als er sein Ohrläppchen zwischen zwei starke Magneten klemmte. Als der Schmerz nachließ, wickelte er die Magneten in ein Stück Stoff, um herauszufinden, ob sie immer noch am Ohr haften blieben. Das taten sie.

Was lag da näher, als eine Maus auszustopfen, sie in zwei Teile zu schneiden und einen Magneten in jede Hälfte einzunähen? Fertig war das Paar Ohrringe. Es kostet achtzehn Pfund. Er habe schon einige verkauft, behauptet Devaney. Keine Maus ist perfekt, wirbt er auf seiner Webseite: Jeder Ohrring sei ein Unikat. Wer nicht genug Geld habe, könne sich eine Maushälfte kaufen und als Kühlschrankmagnet verwenden. Wer freut sich nicht über eine tote Maus, wenn man den Braten aus dem Kühlschrank holt?

Devaney macht auch Sonderanfertigungen. Neben der halben Maus kann man Ohrringe bestellen, die nur aus dem Kopf oder dem Hintern des Nagers bestehen. Den Mäusen könne es egal sein, sagt Devaney. Sie seien ja schon tot, wenn er sie in der Zoohandlung kaufe, wo sie als Schlangenfutter angeboten werden. Und es sei doch allemal würdevoller, am Ohr einer Dame als im Bauch einer Schlange zu enden.

Auch vor anderen Tierkadavern schreckt er nicht zurück. Devaney hat Federtaschen aus toten Ratten, Toasterüberzüge aus Kaninchen und Modeschmuck aus Rattenhoden hergestellt. Demnächst will er Dachse in Pantoffeln verwandeln.

Ihm werde nicht mulmig beim Umgang mit toten Nagern, sagt er, da er frühzeitig desensibilisiert worden sei, als er in einem Fleischerladen gearbeitet habe. Wurden da auch Nagetiere verkauft?

Zum Schluss noch ein guter Rat: Wenn man von einer Horde Tierpräparatoren gejagt wird, ist es ein fataler Fehler, sich tot zu stellen.

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Geboren 1954 in Berlin. 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren“, „Der gläserne Trinker“, "Türzwerge schlägt man nicht" (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch), "Mein Irland" (Mare) etc.

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