Die Wahrheit: Allein in der Bank

Weil irische Finanzinstitute einen denkbar schlechten Ruf haben, vermeiden sie persönliche Begegnungen mit ihren Kunden lieber.

Die erste Hürde, die es zu überwinden gilt, um meine Bankgeschäfte zu erledigen, ist der Wind. Die Bank hat nämlich eine Sicherheitsschleuse. Durch die erste Tür gelangt man in einen kleinen Vorraum, doch die zweite Tür lässt sich erst öffnen, wenn die erste Tür geschlossen ist. Letzteres verhindert jedoch der Sturm, der in Irland seit Mitte August tobt. Schließlich gelingt es mir, mit dem Fuß die Außentür zuzudrücken und mit der ausgestreckten Hand die zweite Tür aufzuziehen.

Man hat umgebaut, stelle ich fest, als ich in der menschenleeren Bank stehe. Der Tresen für die Kundenberatung ist verschwunden, und auch der Schalter, an dem man Geld einzahlt oder abhebt, ist weg. Stattdessen stehen dort zwei Automaten, getrennt durch Sichtblenden. Ein Schild weist darauf hin, dass man künftig nur noch dann persönlich bedient wird, wenn man mindestens 3.000 Euro einzahlt. Augenkontakt ist aber in jedem Fall zu vermeiden. Jemand hat mit einem Kugelschreiber hinzugefügt: „Kleinkunden, verpisst euch!“

So weit musste es ja kommen. Die Banken sind eingeschnappt, weil sie für den Fast-Bankrott Irlands verantwortlich gemacht werden. Hinzu kommt die parlamentarische Untersuchung über die Gründe für den Bankenzusammenbruch und die von der damaligen Regierung verhängte Bankengarantie. Der Bericht soll in gut zwei Wochen veröffentlicht werden, falls der Druckkostenzuschuss aus Brüssel rechtzeitig eintrifft. Aber fest steht bereits, dass es keine Schuldzuweisungen und erst recht keine Reformen geben wird. Die Bankiers und Politiker, die in dem Bericht vorkommen, durften ihn vorher lesen und Korrekturen anbringen, falls sie mit dem Ergebnis nicht einverstanden waren.

So bleibt festzustellen, dass die Bankenpleite einfach Pech war. Banken verspekulieren sich eben manchmal, aber das kann man ja nicht an Personen festmachen. Die Untersuchung hat mehr als 100.000 Euro gekostet – pro Tag. Insgesamt kamen rund fünf Millionen Euro zusammen, die in die Taschen der Regierungskumpane in den Anwaltskanzleien gewandert sind.

Die Banken haben nun den schwarzen Peter, die Menschen vertrauen ihnen nicht mehr. Kein Wunder, dass meine Bank niemanden mehr sehen will. Und sie hat sich eine weitere Strafe ausgedacht. Wer ein „Fada“ in seinem Namen hat, bekommt kein Geld. Ein Fada hat nichts mit der gleichnamigen koffeinhaltigen Limonade aus Marseille zu tun, sondern ist ein Accent aigu, der in der irischen Sprache und in irischen Namen häufig vorkommt. Ein Bankcomputer kennt das aber nicht und weist solche Überweisungsformulare zurück. Wäre Ruairí Ó Brádaigh, dem 2013 verstorbenen früheren Chef der Irisch-Republikanischen Armee (IRA), so etwas widerfahren, hätte er vermutlich die IRA-Waffen eigenhändig wieder ausgegraben.

Mir kommt die leere Bank unheimlich vor, und ich beschließe, mit Begleitschutz zurückzukommen. Aber ich sitze fest. Der Sturm hält die Außentür einen Spalt weit offen, so dass die Innentür gesperrt ist.

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Geboren 1954 in Berlin. 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren“, „Der gläserne Trinker“, "Türzwerge schlägt man nicht" (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch), "Mein Irland" (Mare) etc.

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