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Die Reste vom FestEin letzter Stresstest für die Nordmanntanne

Wenn die Bedingungen stimmen, sind die Berliner durchaus für Sport zu haben. Auch Randsportarten wie der Weihnachtsbaumweitwurf finden ihre Fans.

Ein Baum ganz vorbildlich in diesem Symbolbild im Flug Foto: Frank Hammerschmidt/picture alliance/dpa

W as für ein Wetter am vergangenen Wochenende, strahlend blau der Himmel und die Sonne kitzelte einem eine warme Ahnung auf den Nasenrücken. Glücklicherweise aber war es drumherum so knackig kalt, dass der Schnee weiterhin für eine wirklich winterliche Kulisse in der Stadt sorgte. Also etwas, was man die vergangenen Jahre in Berlin bestenfalls mal minutenweise erleben durfte, wenn überhaupt. Was die Menschen in Massen nach draußen trieb.

So schlitterten die Fußgänger unverdrossen über die Gehwege, von allem, was nur eine Ahnung von Hügel war, wurde heruntergerutscht, mit Schlitten oder ohne, und auf dem zugefrorenen Landwehrkanal glitten sie mit ihren Schlittschuhen über das Eis. Manche spielten sogar Eishockey.

Da war in diesen Tagen doch eine beachtliche breitensportliche Bewegung zu sehen, die man in dieser Stadt, die sonst bei sportlichen Großveranstaltungen sehr skeptisch ist, geradezu olympisch nennen möchte.

Manche gönnten ihr Herz dabei auch einer eher kuriosen, aber immer mehr an Popularität gewinnenden Randsportart wie dem Weihnachtsbaumweitwurf. Was nach einer winterlichen Dorfjugendgaudi klingt, soll laut einem großen schwedischen Möbelhaus ein schwedischer Brauch sein: dass man zum demonstrativen Beschluss der Weihnachtstage den Baum aus der Wohnung schmeißt.

Richtig entsorgt

werden die Berliner Weihnachtsbäume von der Berliner Stadtreinigung, die in einer zweiten Tour durch die Bezirke vom 19. bis zum 24. Januar die am Straßenrand geparkten Bäume abholt. Die sollen natürlich komplett abgeschmückt und keinesfalls in einem Plastiksack verpackt sein.

Begeisterte Kinder

Bei dem Möbelhaus sollte das dann so weit wie möglich sein, schließlich handelte es sich bei der Veranstaltung um eine Weihnachtsbaumweitwurfmeisterschaft, die eigentlich draußen auf dem Parkplatz vor dem Haus stattfinden sollte. Weil es an dem Samstag aber wirklich knirschend kalt war, entschied man sich für eine Indoorveranstaltung, womit – marketingtechnisch durchaus vorteilhaft – die Interessierten erst mal durch das Haus an den Angeboten vorbei mussten, bis sie in einer Logistikhalle an der Abwurfstelle ankamen.

Dort fand sich immer eine kleine Schlange bereit für den olympischen Geist, also für das „schneller, höher, weiter“, auch wenn ein durchaus kräftig gebauter Mann selbstgewiss zu Protokoll gab: „Den Tagesrekord werde ich wohl nicht schaffen.“

Stolz rief ein Mädchen durch die Halle: Mama, ich darf auch mitwerfen

Und wieso er sich überhaupt eingereiht hat? „Weil die Kinder das machen wollen.“

Der Nachwuchs zeigte sich hier als der eigentliche Push-Faktor. Da mussten nur die mit ihren Einkaufswägen vorbeischiebenden Menschen gefragt werden, ob sie nicht mitmachen wollten und schon wurde wieder ein Papa in die Warteschlange geschoben, wie von dem wohl sechsjährigen Mädchen in ihrem lilafarbenen Anorak, die gleich stolz durch die Halle rief: „Mama, ich darf auch mitwerfen.“ Mama aber, mit dem Einkaufswagen auf einer Bank wartend, wollte nicht: „Einfach keine Lust.“

wochentaz

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Erfundene Tradition

Geworfen wurde im wesentlichen auf zwei Arten: Die einen stemmten den Baum wie einen Speer in die Weite, die anderen schubsten ihn mit der Hand unten am Baumstamm von sich weg. Und um eine Vergleichbarkeit herzustellen, gab es für die Kinder, die Frauen und die Männer jeweils nur einen Wurfbaum. Der sich als recht robust erwies. Auch nach mehreren Würfen hintereinander nadelten die Bäume kaum. Nordmanntanne. Mächtige 9.50 Meter waren an diesem Tag der weiteste Wurf.

Das mit dem schwedischen Brauch ist übrigens eine Erfindung des schwedischen Möbelhauses. Zwar ist es durchaus so, dass an dem am 13. Januar gefeierten St.-Knuts-Tag in Schweden die Weihnachtsbäume abgeschmückt und dann auch aus der Wohnung entfernt werden. Aber das hat nach klaren Entsorgungsregeln zu geschehen. Geworfen werden sollte da nichts.

Am Abend aber schoss dann tatsächlich, diesen nicht existenten schwedischen Brauch aufnehmend, so ein Baum vom vierten Stock in einen Berliner Innenhof. Die nachbarschaftliche Glühweinrunde störte sich nicht daran, schließlich war sie umsichtig gebeten worden, für das Spektakel etwas zur Seite zu treten.

Wie sonst sollte man so einen sperrigen Baum schon aus seiner Wohnung bekommen? Und der Schnee ist ja jetzt auch wieder weg.

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Thomas Mauch
Redakteur taz.Berlin
Jahrgang 1960, seit 2001 im Berlinressort der taz.
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