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„Die Linke strebte nicht nach Macht“

„Jacobin“-Gründer Bhaskar Sunkara will die großen Fragen der Transformation angehen. Statt Zohran Mamdani zu feiern, sollen die US-amerikanischen Linken größer denken. Doch wie kann eine sozialistische Welt aussehen?

Aus New YorkLukas Hermsmeier

Bhaskar Sunkara gründete mit 21 Jahren das erfolgreiche sozialistische Magazin „Jacobin“ mit einer Auflage von 75.000 Exemplaren in den USA und Ablegern in Südamerika und Europa. Der Autor kennt den Gründer und duzt ihn im Gespräch.

taz: Bhaskar, du hast 2013 einen Satz geschrieben in einem Artikel, der mir in Erinnerung geblieben ist. „Das Problem der Linken ist nicht, dass sie zu ernst wäre, sondern dass sie sich selbst nicht ernst genug nimmt.“ Was genau hattest du damals beobachtet?

Bhaskar Sunkara: Die Linke war eine Subkultur. Sie strebte zu lang nicht ernsthaft nach Macht. Es wurde auch nicht wirklich daran gearbeitet, die programmatischen und organisatorischen Voraussetzungen zu schaffen, eine große Mehrheit der Menschen für sich zu gewinnen.

taz: War das der Grund, warum du 2010 das sozialistische Magazin „Jacobin“ gegründet hast?

Sunkara: Die Gründung von „Jacobin“ hatte zwei Ziele. Zum einen ging es darum, innerhalb der Linken einen orthodoxen Marxismus zu vertreten. Ich wollte nicht, dass die Linke immer nur alltäglichen Widerstand fetischisiert und sich dabei weiter von der Frage entfernt, wie man den Staat transformiert, wie man Gewerkschaften und die Interessen der Ar­bei­te­r:in­nen stärkt. Das andere Ziel war es, sozialistische Ideen bei einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Wir wollten ganz normale Menschen erreichen.

taz: New York City hat mit Zohran Mamdani einen demokratisch-sozialistischen Bürgermeister. Die Democratic Socialists of America (DSA) sind mit rund 120.000 Mitgliedern die größte sozialistische Organisation in der Geschichte des Landes. Landesweit bekleiden immer mehr DSA-Mitglieder politische Ämter. Nimmt sich die Linke endlich ernst?

Sunkara: Mein ursprünglicher, ziemlich bescheidener Traum hat sich erfüllt: Der Sozialismus hat in der US-Politik Fuß gefasst. Hier in New York ist es sogar eine Massenbewegung. Ich sehe heute allerdings andere Gefahren als damals. Vor allem, dass sich die sozialistische Bewegung nicht mehr unterscheidet, etwa von linkem Populismus, von der Sozialdemokratie, von Kräften, die um jeden Preis Wahlen gewinnen wollen.

taz: Was unterscheidet Sozialismus von linkem Populismus?

Sunkara: Populismus ist eine Taktik. Wir gegen euch. Und ich habe keinerlei Probleme mit der Rhetorik der 99 Prozent – als Strategie. Auf analytischer Ebene aber halte ich das für eine Illusion. Um Mehrheiten zu holen, muss die Ar­bei­te­r:in­nen­klas­se zwar auch Teile der Mittelschicht, der Arbeitslosen und des Lumpenproletariats überzeugen, aber wir sollten nicht so tun, als wären diese Gruppen alle das Gleiche.

taz: Während liberale bis rechte Kräfte derzeit vorm Radikalismus der Linken warnen, siehst du das gegenteilige Risiko. In einem Interview mit der „New York Times“ im Sommer sagtest du, dass die DSA keinesfalls moderater werden dürfen. Gibt es dafür bereits Anzeichen?

Sunkara: Es gibt innerhalb der DSA starke Tendenzen, eine Neuausrichtung der Demokratischen Partei als primäres Ziel zu verfolgen. Also Leute wie Zohran Mamdani ins Amt zu bringen, die dann so gut liefern wie möglich. Das ist kompetente, sozialdemokratische Politik. Aber es ist eben noch kein Sozialismus, der eine ganz andere Beziehung zum Klassenkampf hat. Bei AOC [der linken Kongressabgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez] zum Beispiel sehe ich nicht den Hauch eines sozialistischen Programms. Zwanzig weitere AOCs in den Kongress zu schicken, das wird nicht reichen.

taz: Wenn du dich heute umschaust, zum Beispiel bei den Treffen der DSA, siehst du dann viele junge Bhaskars herumlaufen, oder sind die neuen jungen Linken anders?

Sunkara: Meine Politisierung basierte damals vor allem auf Ideen. Bevor ich zu meinem allerersten DSA-Treffen ging, 2007 war das, als 17-Jähriger, hatte ich bereits die Trotzki-Biografie von Isaac Deutscher gelesen. Heute läuft die Politisierung bei den meisten viel organischer ab. Die Leute sind wütend auf den Status quo, demokratischen Sozialismus ist in aller Munde, und sie denken: Das klingt gar nicht so schlecht. Geh ich mal hin.

taz: Wie viel innerlinker Widerspruch ist bei „Jacobin“ gewünscht?

Sunkara: Ich würde sagen, dass jede Redaktion einen gewissen Rahmen festlegen, eine Reihe von Ideen nennen muss, die das Projekt beschreiben. Das ist besser, und auch interessanter, als eine strikte und enge Blattlinie zu verfolgen. Bei „Jacobin“ suchen wir nach einem Nachfolgesystem für den Kapitalismus. Man findet also nur wenige Texte darüber, was die Democrats tun sollten, um Wahlen zu gewinnen.

taz: Machst du dir Sorgen, wie sich KI auf den Journalismus auswirkt?

Sunkara: Wir publizieren unter anderem viele junge, talentierte Akademiker, die über Jahre ihre Expertise aufgebaut und ihr Handwerk verfeinert haben. Da frage ich mich schon, ob der Einfluss von KI dieses Aneignen spezieller Fähigkeit untergräbt. Ich glaube zwar, dass sich gute eigene Arbeit auf lange Sicht durchsetzen wird. Kurzfristig fürchte ich jedoch, dass der immense hohe Druck dazu führt, dass Menschen Abkürzungen nehmen.

taz: Was sind andere Erkenntnisse aus den sechzehn Jahren als linker Verleger?

Sunkara: Was die Form betrifft, gibt es keinen Unterschied zwischen gutem linkem Journalismus und gutem rechtem Journalismus. Es gibt kein linkes oder rechtes Design, keine linke oder rechte Buchhaltung, kein linkes oder rechtes Redigieren, es gibt nur gut oder schlecht.

taz: In deinem neuen Buch beschäftigst du dich mit der Frage, ob Sozialismus in der realen Welt funktionieren kann. Das Buch hast du mit deinen Jacobin-Kollegen Mike Beggs und Ben Burgis geschrieben. Wie kam dieses Projekt zustande?

Sunkara: Ich glaube, dass es viele Linke als Tatsache betrachten, dass es keine ernsten Modelle des Sozialismus gibt. Seit die Sowjetunion zusammengebrochen ist, seit sich die Sozialdemokratie immer weiter zurückgezogen hat und auch seit Systeme wie der jugoslawische Marktsozialismus gestürzt sind, gibt es kein Vertrauen mehr in Alternative. Wir wollen uns den Herausforderungen eines neuen sozialistischen Staates stellen.

taz: Wie sah eure Forschung aus?

Sunkara: Wir haben die real existierenden Sozialismen betrachtet, deren administrative Planung. In der Sowjetunion, in Jugoslawien, in Ungarn, in der DDR, und so weiter. Wir haben uns mit Betrieben im Kapitalismus beschäftigt, in denen Ar­bei­te­r:in­nen mitbestimmen, etwa Genossenschaften. Und dann wir uns auch mit den Debatten innerhalb und außerhalb des Ostblocks in den 80er Jahren beschäftigt, als eine stärkere Marktorientierung bei gleichzeitiger Beibehaltung des sozialistischen Systems gefordert wurde.

taz: Zu welchem Ergebnis seid ihr gekommen?

Sunkara: Wir hätten eine vergesellschaftete Wirtschaft. Die Unterscheidung zwischen denen, die arbeiten, und denen, die besitzen, wäre abgeschafft. Wir sprechen also von der größten Veränderung seit der neolithischen Revolution. Auf technischer Ebene ist unser System recht pragmatisch. Es gäbe einen großen, staatlichen Sektor, der Güter und Dienste bereitstellt, die der Marktlogik entzogen sind. Und es gäbe einen stark regulierten marktwirtschaftlichen Sektor, der aus arbeitergeführten Unternehmen besteht, die entsprechend der Nachfrage produzieren und miteinander konkurrieren.

taz: Was würde der staatliche Sektor abdecken?

Sunkara: Wir sind der Überzeugung, dass der Staat Dinge wie Gesundheitsversorgung, Bildung und Pflege effizienter als der Markt bereitstellen kann. In Bereichen wie der Energie- und Verkehrsinfrastruktur handelt es sich um natürliche Monopole. Heißt: Dort herrschen sowieso meist nur ein oder wenige Unternehmen. Auch das kann der Staat besser übernehmen.

taz: Und wie kann man sich vor autoritären Elementen schützen?

Sunkara:Wichtig ist, den Kampf für die Demokratie nie aufzugeben. Der beste Schutz vor Autoritarismus ist meiner Meinung nach eine ermächtigte Bevölkerung. Anstatt nur eine einzige staatliche Behörde zu haben, die Fabriken betreibt, gibt es in unserem System Zehntausende demokratisch geführte Unternehmen.

taz: Gibt es unter all diesen Vorschlägen, aus dem Buch, welche, bei denen du besonders zweifelst, ob sie funktionieren?

Sunkara:Was das Wohnungswesen betrifft, sind wir der Meinung, dass alle Wohnungen und Häuser öffentliches Eigentum sein sollten. Die Be­woh­ne­r:in­nen zahlen Miete, aber haben eine dauerhafte Absicherung. Sie können ihre Wohnungen renovieren, dürfen diese aber nicht als Investment behandeln. Ich halte das auf abstrakter Ebene für einen sehr gelungenen Ansatz. Gleichzeitig sollte kei­n:e So­zia­lis­t:in mit der Forderung auftreten, alle Einfamilienhäuser zu vergesellschaften. Das wäre politisches Gift. Insofern haben wir in bestimmten Bereichen der Blaupause dafür entschieden, einen Schritt von den politischen Verhältnissen der Gegenwart wegzutreten.

taz: Hast du Hoffnung, Teile dieser Transformationen selbst zu erleben?

Sunkara:Ich halte es tatsächlich für möglich. Wir haben eine eigene Währung, eine eigene Zentralbank, eine gewaltige Produktionskapazität. Wenn der Sozialismus in den USA nicht möglich ist, dann ist er vielleicht nirgendwo möglich.