Die Kunst der Woche: Im dritten Raum
Die Installation „Zwischen Tür und Zukunft“ macht Zukunftsvisionen sichtbar – und reimaginiert Zugehörigkeit für Menschen, die Rassismus erleben.
E s war die schönste Eröffnung seit langem. Schon am ersten Abend des von Diane Izabiliza und Saida-Mahalia Saad kuratierten Projekts „Zwischen Tür und Zukunft“ bei Spore dachte und hörte ich es immer wieder: Vernissage kann so anders sein.
Von Lesung und Konzerten getragen, eröffnete die immersive Installation, die Video- und Soundarbeiten sowie Workshops zur Frage zusammenbringt, wie insbesondere für Menschen, für die in Deutschland Rassismus und/oder Antisemitismus Alltagserfahrungen sind, Zukunftsvisionen aussehen können. Zugespitzt auf die Frage: „Ist hier noch Sicherheit zu finden?“, löst sich das Projekt von der binären Gegenüberstellung Gehen oder Bleiben – schon allein, da nicht immer gegeben ist, überhaubt gehen oder bleiben zu können.
Den Weg der Annäherung an Zugehörigkeit und Safety, den Izabiliza und Saad gewählt haben, führt dabei nicht über die politische Form der Manifeste, sondern entlang nicht weniger politischer Pfade: in und durch Körper. Angefangen dabei, dass die beiden ihre Rolle als Gastgeber:innen auch darin ausdrückten, die Besucher:innen zu einem Festmahl einzuladen.
Und so übersetzte der Eröffnungsabend, was in Communities of Color und queeren Communities selbstverständliche Praxis ist: das familiäre Zusammenkommen mit Menschen, die ich vielleicht nicht persönlich kenne, mit denen ich aber ein bestimmtes Erleben und in der Welt sein teile. Das kuratorische Konzept der Kollaboration als Arbeitsweise ist da nur konsequent.
Der für das Projekt bespielte Ausstellungsraum im Erdgeschoss mit seinem angeschrägten Fenster, das schon von außen den Blick auf die collagierten Bewegtbilder aus Arin Ismails Videoarbeit „Repeat“ freigibt, lässt sich als Shuttle Bay des Projekts beschreiben. Im Inneren angelangt verdoppelt sich „Repeat“ an den Wänden und trifft auf die responsive Audioinstallation „Sustained Vacillation – Responsive System“ der Soundkünstlerin Kim Diana Vu. Mit den Bewegungen des Publikums ändert sich der Soundteppich, der die Bilder rahmt. Es ist Weite zu hören, Wasserrauschen, dann wieder bedrohliches Dröhnen und knisternde Störgeräusche, die schließlich von einem Waterphone in glockenartigen Feedback-Loops abgelöst werden.
Zwischen Tür und Zukunft, Spore Initiative, bis 1. Februar, Do.+Fr. 15–20 Uhr, Sa.+So. 12–20 Uhr, Hermannstr. 86, Web: www.instagram.com/tuerundzukunft + Spore
Finissage „Zwischen Tür und Zukunft“ mit Rahmenprogramm am 01. 02.: Künstler*innengespräch (deutsche Lautsprache), 18:30-19:00 Uhr: Arin Ismail und Kim Diana Vu, im Gespräch mit Lena Whooo, anschließend Q&A; Paneldiskussion „Wie kann eine gerechtere Zukunft aussehen?“ (deutsche Lautsprache und deutsche Gebärdensprache), 19:00-20:00 Uhr: Diskussion mit Dr. Susan Neiman, Kathy-Ann Tan, Salber Lee Williams, anschließend Q&A
Footage und Sound, für das die beiden Künstler:innen erstmals kollaborierten, entstanden auf einem Curatorial Lab, für das sieben Teilnehmende unter somatischer Begleitung von Auro Orso unter anderem Gegenstände mitbrachten, die sie mit einem Gefühl von Sicherheit in Verbindung bringen. Arin Ismail wiederum reagierte mit eigenen Bildern.
In der so entstandenen Videoarbeit begegnen uns immer wieder Sphären und Spiralen: Säulenreihen schmiegen sich in Gehörwindungen; Wendeltreppen verwandeln die Seiten eines Buches zur kurdischen Frauenbewegung zu Portalen in andere Dimensionen. Über Händen schwebend dreht sich ein aus seiner Halterung gelöster Globus um die eigene Achse. Er transformiert zur Glasmurmel; derweil saust ein aufgedrehter Kreisel über den Boden; kaleidoskopartige Multiplizierungen lassen die Bilder immer fragmentierter werden.
Im Wandtext werden diese Fragmente als „visuelles Tauziehen zwischen Intimität und Überwältigung“ beschrieben. Und so schafft sich hier eine künstlerische Form der queeren Abstraktion Ausdruck. Ist doch das körperliche Erleben manchmal die tiefere Antwort als das ewige Reagieren auf die hegemoniale Anrufung des (Sich-)Zeigens in Form eindeutiger Zeichen.
Wie ein Echo gleiten mehrsprachige Sätze in blauer Schrift über eine dritte Wand: „Zwischen uns liegen Geschichten, die sich nicht entscheiden wollen.“ Und so ist es vielleicht ein „Dritter Raum“ der hier spür- und denkbar wird, wie es auch Diane Izabiliza und Saida-Mahalia Saad in der reboot.fm-Radiosendung „Talking Feminisms“ als Hoffnung formulieren.
Die Musik, die sie dabei haben, liefert einen weiteren Soundtrack zum Projekt – von Labi Siffre über Jamila Woods und Mykki Blanco feat. Blood Orange (Folge #62: www.mixcloud.com/rebootfm). Im Gespräch beschreibt Moderatorin Tatjana eine Sensation, die ich nur ebenso an das Projekt zurück spiegeln kann: Ambivalenz als Erleichterung.
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