Die Knigge-Frage: Muss man Anrufe beantworten?

Es klingelt und klingelt und hört nicht auf. Meistens, wenn es gerade ungünstig ist. Und dann? Abnehmen oder ignorieren?

Hier? Muss das sein? Bild: dpa

Didel dö dö didel dö dö didel dö dö döööö. Erinnert sich noch jemand an den Klingelton von Nokia? Egal, die anderen sind auch schlimm. Das Gedudel geht meistens los, wenn man sich gerade aufs Fahrrad gesetzt oder in die Badewanne gelegt hat oder hastig Lebensmittel in Einkaufstüten stopft. Außer Reichweite vibriert sich das Handy Richtung Tischkante oder tiefer in die Tasche, unter Schlüssel, Kulis und Tabakkrümel. Manchmal dröhnt es sich den Lautstärkeregler hinauf, oder Beyoncé heult einen Jingle, der sie seit zehn Jahren "crazy in love" sein lässt.

Halt der falsche Moment? Schicksal? My ass. Warum ruft das Schicksal nicht mal an, wenn man im Bett liegt und an die Decke starrt?

Andererseits: Warum ruft das Schicksal ausgerechnet dann an, wenn man mal im Bett liegt und an die Decke starrt?

Das Problem: Ein Name blinkt und blinkt und blinkt auf dem Display. Und mit jedem Blinken wächst das schlechte Gewissen. Binnen Sekunden muss eine Kosten- und Leistungsrechnung im Kopf erfolgen: Bin ich ein guter Mensch und sammle Karmapunkte, wenn ich rangehe und mir zwanzig Minuten anhöre, dass die Blumen im Beet einfach nicht wachsen wollen oder dieser Mann seine Frau auch nach vier Jahren Affäre nicht verlässt?

Diesen Text finden Sie auch in der http://www.taz.de/zeitung/tazinfo/taw-vorlauf/taz. am wochenende vom 18./19./20. Mai 2013. Darin außerdem das sonntaz-Spezial: Vergessen Sie die Zeit! Mit einer Reportage über das Warten im Altersheim, einem Gespräch mit dem Zeitforscher Karlheinz Geißler - und Rapper Samy Deluxe und Familienministerin Kristina Schröder zur Frage: Wann haben Sie das Warten einmal genossen? Am Kiosk, eKiosk oder gleich im Wochenendabo.

Oder ist der Leidensdruck mittlerweile so hoch, dass ich getrost auf stumm schalten darf? Und wenn ich mich für "stumm" entscheide, wie lange denke ich im Anschluss darüber nach, dass es ausnahmsweise ein wirklich wichtiger Anruf hätte sein können? Dass, verdammt, oh nein, oh Gott, etwas Schlimmes passiert sein könnte?

Die Anrufsituation schafft Neurosen. Im Job erst recht, da bedeutet jeder Anruf Unterbrechung - und er bedeutet Arbeit. Ich wollte noch… Hast du schon…? Schickst du eben…? Wer nicht eben schickt, schleppt seinen Beruf abends mit in die Bar oder im Sommer mit in den Urlaub und schickt eben da. Übrigens ein echtes Politikum! Ursula von der Leyen hat jedenfalls gar kein Verständnis dafür, dass Mails am Strand gecheckt werden. "Glasklare Regeln" will sie, "zu welchen Uhrzeiten muss ich erreichbar sein und wann bekomme ich dafür meinen Ruheausgleich".

Hmm. Ja. Also. Wann muss ich erreichbar sein?

Wenn ich erreichbar sein will. Und bevor das Telefon den nächsten Laut von sich geben kann: einfach mal abschalten.

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