Die Journalistin Ida B. Wells: Ein Licht der Wahrheit

Ida B. Wells schrieb im 19. Jahrhundert über rassistische Gewalt in den USA. Damals wurde sie bedroht. Heute wird sie verehrt und endlich ausgezeichnet.

Michelle Duster hält ein bild ihrer Großmutter Ida B. Wells in der Hand

Michelle Duster und ihre Urgroßmutter Ida B. Wells Foto: Charles Rex Arbogast/AP

Die Journalistin Ida B. Wells lebte zu einer Zeit, in der investigative Recherche – für eine Frau und erst recht für eine Schwarze Frau – nicht bad-ass war, sondern lebensgefährlich. Denn die Gewalt, über die sie ab den 1880er Jahren schrieb und gegen die sie kämpfte, war die vor allem in den Südstaaten der USA weit verbreitete Lynchjustiz. Afroamerikaner*innen (aber auch Angehörige anderer Minderheiten wie etwa italienische Einwanderer) wurden von weißen Mobs und selbsternannten Bürgerwehren wegen tatsächlich oder vermeintlich begangener Verbrechen öffentlich zu Tode gequält – gehängt, verbrannt oder verstümmelt. Wells machte die Schicksale der Opfer öffentlich und enthüllte in ihren Recherchen, wie oft die grausame Selbstjustiz unter einem Vorwand verübt wurde, etwa die angebliche Vergewaltigung einer weißen Frau.

Der Beweggrund hinter den Lynchmorden aber war stets derselbe: Rassismus. Dagegen schrieb Wells ihr Leben lang an und wurde zur berühmtesten Schwarzen Frau ihrer Zeit, wie die New York Times viele Jahrzehnte später schrieb. 89 Jahre nach ihrem Tod hat Ida B. Wells in der vergangenen Woche für ihre „ausgezeichnete und mutige Berichterstattung“ einen Pulitzerpreis bekommen, die wohl begehrteste Auszeichnung für Journalist*innen weltweit.

Lehrerin und Journalistin

Ida Bell Wells wird 1862 in Holly Springs, Mississippi geboren. Für die Familie bedeutet die Abschaffung der Sklaverei durch die Emanzipationsproklamation 1863 nicht nur Freiheit, sondern einen Weg aus der Armut. Die Eltern investieren das Geld, das sie erübrigen können, in Bildung. Sie sterben 1878 an einer Gelbfieberepidemie, wodurch Ida zur Ernährerin ihrer fünf noch lebenden Geschwister wird und als Lehrerin arbeitet.

1882 zieht sie mit zwei Geschwistern zu einer Tante nach Memphis und schreibt unter dem Pseudonym „Iola“ über Ungerechtigkeiten im Bildungswesen. Denn die formelle Abschaffung der Sklaverei bedeutete keinesfalls Gleichberechtigung. Immer mehr Gesetze wurden erlassen, die eine getrennte Nutzung öffentlicher Einrichtungen für Schwarze und weiße Menschen vorschrieb. Diese Zeit ist als Jim-Crow-Ära bekannt, benannt nach einer rassistischen Karikatur. Das juristische Prinzip des separate but equal – getrennt, aber gleichberechtigt – sollte Afroamerikaner*innen noch bis in die 1960er Jahre verhöhnen und diskriminieren.

Im Jahr 1883 hat Ida B. Wells, mehr ein halbes Jahrhundert vor Rosa Parks, ein Schlüsselerlebnis: Auf dem Weg zu ihrer Arbeit an einer Schule in Woodstock wird sie aus einem Zug gewiesen, weil sie im Abteil für weiße Frauen gesessen hatte. Daraufhin verklagt Wells die Eisenbahngesellschaft, bekommt zunächst eine Entschädigung zugesprochen, verliert schließlich aber in letzter Instanz. Sie veröffentlicht einen Artikel über diese Erfahrung, durch den sie bekannt wird. Nachdem sie wegen kritischer Artikel zum segregierten Schulwesen 1891 ihren Job als Lehrerin verliert, widmet sie sich dann ganz dem Journalismus, den sie immer auch als Aktivismus versteht: „Der Weg zur Wiedergutmachung von Unrecht besteht darin, das Licht der Wahrheit auf dieses Unrecht zu richten.“

Im Jahr 1892 werden ein Freund von Wells und seine beiden Geschäftspartner, die einen Lebensmittelladen in Konkurrenz zu dem Geschäft eines Weißen eröffnet hatten, gelyncht. Fortan schreibt Wells über rassistische Gewalt, benennt Täter und Verantwortliche, fordert Gerechtigkeit. Denn längst ist das Phänomen ein strukturelles. „Der neueste Höhepunkt des Kriegs gegen schwarzen Fortschritt ist die Verfestigung der Lynchjustiz in Strafgerichten überall im Süden“, schreibt Wells im Mai 1894. „Richter, Geschworene, Sheriffs und Gefängniswärter sind allesamt weiße Männer.“ Anstatt ordentlicher Gerichtsverfahren herrscht Selbstjustiz bis zur Hinrichtung.

Noch immer ein strukturelles Problem

Die 1,50 Meter große Wells lässt sich trotz Morddrohungen nicht an ihrer Arbeit hindern, reist bis nach Großbritannien, um über ihre Recherchen zu berichten. Das Gebäude der Zeitung The Memphis Free Speech, deren Anteilseignerin sie seit 1889 ist, wird von einem weißen Mob gestürmt und zerstört. Als es für sie in den Südstaaten zu gefährlich wird, zieht sie nach Chicago. Sie heiratet den Zeitungsgründer Ferdinand L. Barnett und bekommt mit ihm vier Kinder. Bis zu ihrem Tod 1931 engagiert sie sich nicht nur als Journalistin, sondern auch als Bürgerrechtlerin.

Journaistin, Kämpferin für die Menschenrechte und Idol: Ida B. Wells Foto: Circa Images/Imago Images

In den vergangenen Jahren ist Ida B. Wells im US-amerikanischen Journalismus zunehmend bekannt geworden. Dass Stimmen von BPoC weniger Gehör finden als weiße, ist noch immer ein strukturelles Problem. Umso bedeutender die diesjährige Preisverleihung: Zwei weitere wichtige Pulitzerpreise gingen in diesem Jahr an Schwarze Autor*innen.

Der Schriftsteller Colson Whitehead bekam den Belle­tristikpreis für seinen Roman „The Nickel Boys“, der vom Leid eines 16-Jährigen im segregierten Florida der 1960er Jahre erzählt. Die Erziehungsanstalt, in der der Junge im Roman gefoltert wird, gab es wirklich – vor wenigen Jahren fand man bei Grabungen auf dem Gelände Dutzende Leichen, teils schwer misshandelt.

Und die Journalistin des New York Times Magazine, Nikole Hannah-Jones, gewann den Kommentarpreis für einen Essay mit dem Titel „Die Gründungsideale unserer Demokratie waren falsch, als sie geschrieben wurden. Schwarze Amerikaner haben dafür gekämpft, sie wahr zu machen.“ Der Text lenkte den Blick darauf, dass das „Land der Freien“ – wie es in der amerikanischen Nationalhymne heißt – längst nicht für alle frei war, sondern auf dem Prinzip der Unfreiheit gründete.

Hannah-Jones hat nicht nur das „1619 Project“ ins Leben gerufen, mit dem das NYT Mag 2019 an die Ankunft der ersten versklavten Afrikaner*innen in den USA erinnerte. Sie ist auch Mitbegründerin der Ida B. Wells Society For Investigative Reporting, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Journalist*innen of Color zu fördern. Noch immer sind 76 Prozent der Journalist*innen in US-Redaktionen weiß. Women of Color haben es schwer, ihren Job ohne Diskriminierung ausüben zu können – besonders unter Donald Trump. Der Fernsehkorrespondentin Yamiche Alcindor etwa wurde in einer Pressekonferenz des Weißen Hauses das Mikro weggenommen, während Trump zu ihr sagte, sie solle „nett sein“ und nicht „bedrohlich“.

Bedrückend aktuell

Diese drei Preise senden auch ein Signal in Zeiten, in denen immer wieder klar wird, wie präsent die rassistische Gewalt noch heute ist. Als die Entscheidung der Pulitzerjury bekanntgegeben wurde, drang noch ein anderes Thema an die Öffentlichkeit: der Mord an Ahmaud Arbery. Ein 25-jähriger Mann aus Georgia, der beim Joggen von zwei weißen Männern verfolgt und auf offener Straße erschossen wurde. Angeblich, weil er einem gesuchten Einbrecher ähnlich sah. Ein moderner Fall von Lynchjustiz, wenn man so will – zumindest eines von vielen Beispielen von Gewalt gegen Schwarze Menschen in den USA und die oft nur zögerliche Strafverfolgung der Täter.

Im Februar dieses Jahres erst verabschiedete das US-Repräsentantenhaus einen Gesetzentwurf, der Lynchjustiz als Hasskriminalität einstuft und auch bundesweit unter Strafe stellt – 120 Jahre nachdem diese Bemühungen erstmals zur Sprache kamen.

Dem Entwurf zufolge wurden in den Jahren 1892 bis 1968 in den USA insgesamt 4.742 Lynchmorde verzeichnet. 3.445 der Opfer waren demnach Schwarz. Nikole Hannah-Jones schrieb nach der Bekanntgabe der Preisträger*innen auf Twitter, die New York Times, für die sie selbst heute arbeite, habe Ida B. Wells einst eine „verleumderische und bösartige Mulattin“ genannt und ihr fehlende Objektivität vorgeworfen. Solche Ressentiments gibt es noch immer. Insofern ist der Pulitzerpreis für Ida B. Wells – auch wenn er ihr nicht die Würdigung geben kann, die sie zu Lebzeiten verdient hätte – eine Mahnung an die Medienöffentlichkeit, diese Frau und ihren Kampf nicht zu vergessen.

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