piwik no script img

Die Farben sind echt

Weltfestspiele der Jugend und Studenten, Alexanderplatz, Ost-Berlin, 1973 Fotos: Thomas Hoepker/Magnum Photos, courtesy Buchkunst Berlin

Es müssen unwirkliche Tage gewesen sein im Ost-Berlin des Sommers 1973. Erich Honecker ließ sich bei den „Weltfestspielen der Jugend und Studenten“ feiern wie ein Popstar. An seiner Seite PLO-Chef Jassir Arafat, die US-amerikanische Bürgerrechtlerin Angela Davis, dazu Freiheitskämpfer aus Afrika und Asien. Honecker wollte die Welt von der Überlegenheit des Sozialismus überzeugen und hatte mit Bedacht die Zügel gelockert.

So sehr, dass drei Übermütige auf die Spitze der „Nuttenbrosche“, dem mächtigen Brunnen am Alexanderplatz, kletterten und oben wohl nicht fassen konnten, was sie gerade an Freiheit erlebten. „Leute, sind wir noch in der DDR oder schon im Westen?“, schienen sie zu rufen. Wer auf einen sechs Meter hohen Brunnen klettert, kann schnell auch auf Mauern steigen. Thomas Hoepker drückte auf den Auslöser.

Honeckers Show, eine Mischung aus Woodstock und Karneval der Kulturen mit unglaublichen acht Millionen Besuchern sollte Farbbilder erzeugen, die die Schwarz-Weiß-Fotos vom Mauerbau vergessen machen und von einem lebenswerten Land künden, mit Herz für junge Leute. Einer, der sie lieferte, war Thomas Hoepker, damals 37 Jahre alt, in der Bundesrepublik geboren und für den Stern nach Ost-Berlin gekommen.

Wolf Biermann in seiner Wohnung in der Chausseestraße, Ost-Berlin, 1974

Es wirkt wie blanke Ironie, dass ein Münchner mit seinen Kodak-Filmen Honeckers ostdeutschen „Sozialismus in den Farben der DDR“ in den Westen trug. Zweideutiger Titel der Stern-Reportage: „Genossen ohne Reue“. Im Politbüro dürften sie angestoßen haben auf diesen Spin. Wurden in den Vorwochen doch Zehntausende DDR-Bürger eingeschüchtert, ermahnt und in Kinderheime, Jugendwerkhöfe und psychiatrische Abteilungen oder einfach in den Knast gesteckt.

Auf dem Plateau des Volksparks Prenzlauer Berg, der aus Trümmerschutt des Zweiten Weltkrieges errichtet wurde, Ost-Berlin, 1984

Dennoch – wenn es in der DDR so etwas gab wie „goldene Jahre“, dann Anfang der Siebziger. Die DDR hatte mit Bonn das Grundlagenabkommen ausgehandelt, das Reiseerleichterungen, diplomatische Anerkennung und Korrespondentenaustausch beinhaltete. Und die Läden wurden voller. So voll, dass es Fernsehwerbung gab und sogar Versandkataloge.

1973 war Thomas Hoepker nur mit einer Sonderakkreditierung unterwegs, 1974 wurde seine Frau Eva Windmöller als erste Stern-Korrespondentin akkreditiert, und Hoepker als „technisches Hilfspersonal“ mit ihr. Natürlich wusste die Stasi, dass er Fotograf war, natürlich wurde er wie seine Frau überwacht. Doch das Westjournalistenpaar hatte große Freiheiten. Ein Glück für Hoepkers Bilder, und ein Risiko. Heute könnte man glauben, die DDR sei so gewesen wie auf den Bildern. Die Farben sind echt. Sind es auch die Motive? Hoepkers Bilder waren vermutlich nie so authentisch, wie es die Stern-Redaktion gern gehabt hätte. Den „Genossen ohne Reue“ folgte im Oktober 1974 „Ohne Aufpasser durch die DDR“. Als ob es das gegeben hätte für Westjournalisten.

Leipzig, 1990

Bis 1990 war Hoepker immer wieder in der DDR und hat fotografiert. Die stärksten Bilder sind aus den frühen Siebzigern – mit zärtlichen Küssen und politischer Hoffnung, seltener Privatheit, absonderlichen Schaufenstern und den Prenzlauer-Berg-Klitschen, die für den Erfolg der SED-Wohnungspolitik standen.

Mädchen mit roten Nelken in den Zöpfen, Erfurt, 1975
Weimar, 1990

Die „liberalen“ Jahre der DDR waren 1976 schon wieder vorbei. Wolf Biermann, den Hoepker mehrfach porträtiert hat, damals ein wahrhaftiger Kommunist, wurde im November dieses Jahres von Honecker als erster aus dem Land geworfen. Dass sich in den Achtzigern die Idee vom Sozialismus endgültig erledigt hatte, sieht man an den Gesichtern, ganz gleich ob in Erfurt, Ost-Berlin oder Görlitz. Und an dem Fahnenmeer, das das Elend verhüllen sollte.

BU Foto: xy

Was war die DDR? Gibt es darauf eine eindeutige Antwort? Thomas Hoepkers Farbbilder lenken den Blick zurück auf diesen verhunzten Staat, seine uniformierten Reihen, seine Nischen – und auf die übermütigen Jungs oben auf der „Nuttenbrosche“. Hoffentlich haben sie ihren kurzen Ausflug ausgiebig genossen. Thomas Gerlach

Der Bildband „DDR / East Germany: Colour Works 1972–1990“ ist bei Buchkunst Berlin erschienen. Die gleichnamige Ausstellung ist noch bis 28. Februar in der Galerie Buchkunst Berlin zu sehen.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen