Dezentrales Theaterspiel für zuhause: Spiel im Lockdown

Wer kommt in das Pandemie-Schutzprogramm? Das Telegram-Theaterspiel „Homecoming“ von machina eX.

Mann sitzt auf einem Bett, das eine gehäkelte Tagesdecke bedeckt und meditiert

Szene aus dem Game „Homecoming“ von machina eX Foto: Barbara Lenartz

Das neue Theatergame von machina eX begann analog und dezentral. Die klassische Post lieferte ein Päckchen zu allen Teilnehmenden aus, ganz unspektakulär an die physische Wohnadresse. Im Paket befand sich ein Testset, mit dem man seine Eignung für ein europaweites Pandemieschutzprogramm nachweisen sollte.

Das schien von der nahen Zukunft auch in der ganz real-analogen Welt nicht allzuweit entfernt: ein Staat, der sich sorgt, oder Sorge zumindest vorgibt, und der seine Bewohner*innen nach Kriterien wie Alter, Vulnerabilität und sozialer Praxis clustert, was im Einzelfall durchaus diskriminierend wirkt und zuweilen tief in die eigene Privatsphäre eindringt. Und ob man mit dem Schutzprogramm tatsächlich gut geschützt ist, bleibt unsicher. Das ist im Spielsetting von „Homecoming“ so und in der analogen Realität kaum anders.

Insofern ist das Game sehr auf der Höhe der Zeit. Der Horror ist im Laufe der Produktionen dieser Game-Theater-Pioniere immer näher gekommen an den sozialen Kontext der Mitspielenden. Die ersten Games von machina eX orientierten sich vor allem an Science-Fiction-Narrativen, fern in der Zeit, zuweilen auch fern von der Erde. Später kamen Migrationsdramen, die dem klassischen Teilnehmendenkreis von machina eX zwar über die Nachrichtenmedien bekannt, aber meist eher aus zweiter Hand vertraut war.

Die Themensetzung wird immer mutiger

Bis 8. 11. kann über das HAU noch die Teilnahme an dem Game gebucht werden.

Und die Finanzmarktgames waren ebenfalls noch knapp neben der Lebensrealität des Gros der Spieler*innen angelegt. Mit „Homecoming“ – sowie dem Vorgängerspiel „Lockdown“ stießen die Spielentwickler*innen nun aber stracks zu einem alle betreffenden Problem vor. Von der Themensetzung wird das Berliner Kollektiv also immer mutiger.

„Homecoming“ wirft nicht nur die Frage auf, welche Form von Schutz vor Viren die beste ist. Es geht auch darum, welchen Schutzinstanzen überhaupt zu trauen ist. Und nicht zuletzt taucht als Folgeproblem auf: Wenn der und die Einzelne als der Rettung würdig eingestuft wurde, wer gehört dann noch zum Kreise dieser Glücklichen? Kristallisiert sich da eine neue Superelite heraus, bei der man gern Anschluss fände? Oder doch eher ein algorithmisch konstruierter Superabschaum? Will man also dazugehören oder doch lieber in die alten sozialen Kontexte zurück?

Mit all diesen Fragen werden die Mitspielenden zunächst allein gelassen Auch das ist nah am realen Pandemie-Dasein, am Einschluss im Homeoffice, am Nachdenken darüber, welche Art der Interaktion noch erlaubt, gar erwünscht ist und welche, ob erlaubt oder nicht, bei potenziellen Kommunikationspartner*innen auf positives Feedback treffen könnte. All diese Reflexionen machten den Reiz des Vorspiels aus.

Mehrere parallel aufgestellte Gruppen auf Telegram

Das eigentliche Spiel ereignete sich dann auf der Oberfläche des Messengerdienstes Telegram. Man wurde zu einer von mehreren parallel aufgestellten Gruppen zugeschaltet und dabei mit Menschen im Lockdown konfrontiert. Eine der beiden Figuren, die von machina eX geführt wurden, kam besser mit der Situation zurecht. Die andere drohte an der Einsamkeit zu zerbrechen.

Welchen Schutzinstanzen ist überhaupt zu trauen?

Sie sandte von Runde zu Runde paranoider wirkende Video- und Audiobotschaften. Aufgabe für die Teilnehmenden war es nun, gemäß der eigenen Restmenschlichkeit die verunsicherte Figur zu beruhigen und zugleich herauszufinden, ob deren Test für das Schutzprogramm zur Aufnahme in Letzteres geführt hatte.

Die Aufgaben erfüllten die einzelnen Gruppen je nach Vertrautheit mit den Rätsellösungsstrukturen von machina eX mal schneller und mal langsamer. Die einzusetzenden Mittel waren weniger vielfältig als beim Vorläufergame „Lockdown“. Das war einerseits schade, andererseits waren die Möglichkeiten des Scheiterns – und damit die Gefahr, stundenlang im Spiel zu versinken – konsument*innenfreundlich reduziert.

Telegram-Theater als Erweitung des Theatererlebnisses

Völlig auf der Strecke blieb beim wilden Austauschen lösungsorientierter Nachrichten allerdings die Debatte darüber, ob es tatsächlich so schlau ist, der verängstigten Figur beim Einstieg ins Schutzprogramm zu helfen. Vielleicht hatte sie aus gutem Grund Angst vor dem Programm?

Es zeigte sich wieder einmal: Der homo ludens, der spielende Mensch, ist nicht unbedingt ein tief schürfender Gesellschaftsanalytiker. Die Motivation, warum die politische Macht neben dem Brot auch immer wieder Spiele zur Dauersedierung des vermeintlichen Souveräns einsetzt, erschloss sich ebenfalls ziemlich deutlich.

Klar wurde aber auch: Telegram-Theater kann das Theatererlebnis zwar als solches erweitern. Beim frisch verkündeten Lockdown light stellt es sogar eine der wenigen möglichen Theaterformen überhaupt dar. Insofern ist es schade, dass sich die beteiligten Theater noch nicht zu einer Fortsetzung des Games über den kompletten Monat November entschließen konnten.

Komplett ersetzen kann diese Spielform das hergebrachte Theater allerdings nicht. Selbst der Gruppenchat nach dem Game – ist ein nur unvollkommener Ersatz für das Gespräch danach, das dialogische Reflektieren von Schauspieler*innenleistung und dramaturgischer Qualität, von Raumerfahrung und emotionaler Berührtheit ersetzen.

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