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Deutschland bei Handball-EMForsche Ansage

Im EM-Finale sind die deutschen Handballer den übermächtigen Dänen erneut unterlegen. Doch die Entwicklung des Teams lässt für die WM 2027 hoffen.

Angriff abgewehrt: Die Dänen versperren im EM-Finale hier dem Deutschen Marki Grgic den Weg zum Tor Foto: Sina Schuldt/dpa

Das Bild Julian Kösters (VfL Gummersbach) mit Friedrich Merz (CDU) strahlt im Rahmen ihrer Möglichkeiten Lockerheit aus. Eine Flasche „Grøn Tuborg“ in der Linken schüttelt Köster lächelnd die Kanzlerhand. Männer aus NRW unter sich. Köster stammt aus Brauweiler, Merz ist stolz auf seine sauerländische Herkunft.

Der Rest des Teams schaut in dieser Kabinenansicht vom Sonntagabend eher beklommen drein. So wie man nach einer Finalpleite eben guckt, wenn der Kanzler zum Gratulieren kommt – und man gedanklich noch bei der Niederlage ist.

Offenbar fand Merz die richtigen Worte: „Er kam sympathisch rüber“, sagte Bundestrainer Alfred Gislason munter, „wir haben uns über diese Geste gefreut.“ Friedrich Merz hatte das packende Duell neben der sozialdemokratischen Ministerpräsidentin Dänemarks auf der Tribüne der „Jyske Bank Boxen“ verfolgt, Mette Frederiksen. Er angespannt, sie wegen der ständigen dänischen Führung relaxter. Bei der Siegeszeremonie überreichte Königin Mary von Dänemark die Medaillen.

Es war ein Fest in Rot und Weiß, bei dem die Deutschen lange mithielten. Genauer gesagt, bis zum 27:29 in der 55. Minute. Wieder einmal hatte ihnen Torwart Andreas Wolff den Hintern gerettet. Doch spät kollabierte die deutsche Offensive unter dem Druck, in jedem Angriff treffen zu müssen. Wolff spürte das. Seine Gegenwehr erlahmte, und dem besten Keeper der Welt blieb nur Applaus für die Europameister – dass der dänische 7-Tore-Sieg den Kräfteverhältnissen nicht entsprach (34:27), interessierte keinen mehr.

Befremdliche Schiedsrichterpfiffe

Diesmal musste sich die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) nicht nur gegen die sportliche Klasse der Über-Dänen wehren. Sondern auch manch befremdliche Entscheidung der montenegrinischen Schiedsrichter hinnehmen, Theatralik nach handelsüblichen Fouls (Gidsel, Arnoldsen, Hoxer) ertragen und die feindliche Atmosphäre in der prall gefüllten „Jyske Bank Boxen“ aushalten. 15.000 der 16.000 Menschen buhten sie schon beim Aufwärmen aus. Dieser Gegenwind mündete in Rote Karten nach vergleichsweise harmlosen Aktionen gegen Tom Kiesler und Jannik Kohlbacher. Die Deutschen sollten sich nicht so anstellen, mahnte der dänische Star Mathias Gidsel: „Es war doch vor zwei Jahren in Köln gegen uns nicht anders.“

Sie verbissen sich mit Ausnahme des immer unverblümt sprechenden Marko Grgic jedwede Kritik und verwiesen darauf, eben diesen „Heimvorteil“ hoffentlich in einem Jahr bei der Heim-WM zu genießen: „Wir waren jetzt in den vergangenen drei Turnieren zweimal im Halbfinale. Vielleicht sind wir in zwei, drei Jahren das Team, das es zu schlagen gilt“, sagte Wolff.

Der Torwart des THW Kiel wurde wie Kreisläufer Johannes Golla von der SG Flensburg-Handewitt ins Allstar-Team dieser Handballmesse in Dänemark, Schweden und Norwegen gewählt. Wolff wehrte im Schnitt der neun Spiele jeden dritten Wurf ab. In dieser Stabilität ist das ein Fabel-Wert.

Dauerspieler Gidsel ließ sich später mental müde und mit Tränen in den Augen („Es war ein Riesendruck, hier gewinnen zu müssen“) zum wertvollsten Spieler und besten Torschützen ehren – er warf in neun Spielen 68 Tore. Die meisten deutschen Treffer gelangen Renars Uscins; 43. Der 23 Jahre alte Hannoveraner erwischte ausgerechnet im großen Finale einen schwarzen Tag und benötigte für zwei Tore sieben Versuche.

Auch andere wie der viel beachtete Juri Knorr konnten gegen Dänemark nicht an die Leistung vom Frankreich-Spiel anknüpfen, das das beste der Deutschen bei dieser Euro war. Der introvertierte, hochbegabte Regisseur hatte Gislason nach dem Serbien-Spiel für dessen einseitige Personalauswahl gerügt. Nach Aussprache und besserem Spielermanagement nahmen die Deutschen den Fuß von der Bremse und zeigten teils begeisternden, weil selbstbewussten und mutigen Handball. Das war ein großer Schritt nach vorn, verglichen mit der vergangenen Weltmeisterschaft.

„Die Entwicklung macht mich stolzer als die Silbermedaille“, sagte Gislason. Sein Stolz liegt darin begründet, dass er diese Mannschaft seit Amtsantritt im Februar 2020 aufgebaut hat. Früh vertraute er jungen Spielern wie Golla, Köster und Knorr. Sie bilden neben Torwart Wolff die Achse eines Teams, das um sechs U21-Weltmeister von 2023 erweitert worden ist. Nun steht der Kader in der Breite besser denn je da. „Die Deutschen sind sehr gut und sehr jung“, lobte Gidsel, „sie sollten aufhören, sich zu verstecken. Sie gehören jetzt immer zu den Teams, die ums Finale mitkämpfen.“

Für Gislason wird die WM Anfang 2027 voraussichtlich das letzte Turnier als DHB-Cheftrainer sein. „Wir haben uns in der Weltspitze etabliert und wollen nächstes Jahr noch weiter gehen“, sagte der 66 Jahre alte Isländer. Das klang für seine Verhältnisse außerordentlich mutig.

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